Christliche Themen für jede Altersgruppe

Durch Natur- und Klangräume

ENDERSBACH/WAIBLINGEN/FELLBACH – Eine besondere Konzertreise der Remstal-Gartenschau führte auf Fahrrädern von Kirche zu Kirche, durch Landschaften und Kulturepochen. Bei einer ­Orgelradtour ­erfahren die Teilnehmer ganz unterschiedliche Klangräume. 

Gut gelaunt trotz Regen: Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Orgelradtour haben besondere Konzerte erlebt. (Foto: Dorothee Fauth)

Während Thomas Fleischmann die Jann-Orgel mit Händen und Füßen bearbeitet, den Klang ihrer Pfeifen anschwellen lässt und einen donnernden Posaunenbass ins Schiff der katholischen Kirche St. Andreas in Endersbach schickt, baut der Himmel sein eigenes, finsterstes Konzertprogramm auf. Nicht nur der Opernsänger und Organist weiß gekonnt alle Register zu ziehen, dieses Spiel beherrscht auch die Natur. Eben schien noch die Sonne, jetzt hängen regenschwarze Wolken über dem Land und einer Gruppe von knapp 20 unerschrockenen Radfahrern.

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Die haben sich an jenem Samstag im Mai am Bahnhof Endersbach zu einer Orgelradtour versammelt, die in gemütlicher Radeldistanz von Kirche zu Kirche führt – eins von vielen Angeboten der Remstal-Gartenschau 2019. Das Gelände dieses zurzeit größten Gartens der Welt ist 80 Kilometer lang. Es reicht vom Ursprung der Rems bei Essingen im Ostalbkreis bis Remseck, wo der kleine Fluss in den Neckar mündet. Man kann nicht einfach hinfahren und alles anschauen. Man muss immer wieder aufbrechen, um die Gartenschau zu erfahren und zu erwandern, muss ihre Natur- und Kulturräume, (Wein)-Gärten und Feste gezielt ansteuern.

Auch die Kirchen zeigen Präsenz – die evangelische wie die katholische. Das Konzept der Orgelradtour hat der katholische Kirchenmusiker und Regionalkantor Reiner Schulte aus Backnang, wo ähnliche Ausflüge einmal im Jahr angeboten werden, dafür in die Gartenschau verpflanzt. „Ich finde die Idee charmant, Musik mit einer landschaftlich reizvollen Strecke zu verbinden“, sagt er. „Wir werden unterschiedliche Natur- und Kulturräume, geistige Räume, Klangräume und Verkehrsräume erleben.“

Die erste Etappe ab Bahnhof Endersbach ist 300 Meter lang. Die Jann-Orgel von 2012 passt in ihrer modernen Gestaltung optisch gut zur St.-Andreas-Kirche. Deren großes Schiff präsentiert sich schlicht und fast reinweiß – bis auf ein paar kleine bunte Butzenscheibenbilder und das wandfüllende Gemälde hinter dem Altar, auf dem Begebenheiten aus dem Leben des Heiligen Andreas dargestellt sind. Wie die silberne Skyline einer Stadt mit goldenen Dächern thront die Orgel auf der Empore, wirkt durch Lichtreflexe noch plastischer und schickt ihre symphonisch-wuchtigen Klänge unter die Holzdecke.

Verpackt in Wetterjacken, macht sich die Gruppe anschließend auf den Weg zum nächsten Ziel. Sie streift die Gartenschau an der neu gestalteten Birkelspitze mit dem Kaminhaus und den Holzsesseln am Remsufer, das vielerorts zugänglicher gemacht wurde, und radelt über die ebenfalls neue Stuttgarter Holzbrücke Richtung Waiblingen. Wie ein bunter Lindwurm schlängelt sie sich durch Wiesen, entlang üppiger Ufervegetation und vorbei an kleinen Äckern, Obst- und Freizeitgärten – grüne Inseln in einer dicht bebauten Region.

Zwischendurch ist jeglicher Verkehr so weit weg, dass man nur vom vielstimmigen Vogelkonzert begleitet wird. Die Luft durftet erdig-feucht. Keine drei Meter vom Radweg entfernt steht plötzlich ein verdutzter Graureiher im Gras, der sich offenbar an der Rems heimisch fühlt, und beäugt die Radler aufmerksam. Da grollt in der Ferne der Donner, Tropfen klimpern vom grauen Himmel. Dass nicht nur Kirchen Zufluchtsorte sein können, beweist eine riesige Ulme, die vorübergehend Schutz bietet.

Die Heilig-Geist-Kirche im Waiblinger Stadtteil Rinnenäcker ist die nächste Station – ein katholisches Gotteshaus im 70er-Jahre-Stil, das keinen rechten Winkel besitzt und von außen so wenig einladend wirkt wie von innen großartig. Bei Kaffee und Hefezopf erklärt der Waiblinger Kirchenmusikdirektor Peter Böttinger, der die Tour mitradelt, was ihre Rohlf-Orgel von 1981 auszeichnet: „Dieser Orgelbauer aus Neubulach im Nordschwarzwald ist inspiriert vom Klangbild des frühen Barock und auf kleinere Instrumente spezialisiert. Trotzdem füllt unsere Orgel den großen Kirchenraum lässig. Wenn ich damit Vollgas gebe, kleben Sie an der Wand.“

Das ist das Besondere an diesem Konzertformat: Es bietet die Möglichkeit zu Fragen und Gesprächen. Die Teilnehmer erfahren, dass es keine zwei gleichen Orgeln gibt. Ihre Maße müssen auf den Kirchenraum abgestimmt sein, was auch mal gründlich schiefgehen kann. Die Orgel in Weingarten sei ein Beispiel: viel zu schwach für die Basilika. Und je nach Orgelbauer sind die Instrumente modern oder an historische Vorbilder angelehnt. „Oft bauen sie auch Zwitter aus historischen Elementen und moderner Entwicklung“, erklärt Reiner Schulte. „Es muss nur stimmig sein.“

Die Rohlf-Orgel in der Heilig-Geist-Kirche ist ein Hexenhäuschen im Vergleich zu anderen Orgeln. Peter Böttinger entlockt ihr kammermusikalische und warme Klänge, während er über das Lied „Das Heil der Welt, Herr Jesu Christ“ improvisiert. Die kleine Radelgemeinde sitzt verstreut im weiten Halbrund vor dem Altar und ist dennoch von allen Seiten von Musik umfangen, die nur für sie gespielt wird.

Der Regen hat sich verzogen, als sich die Gruppe zur dritten und letzten Etappe auf die Räder schwingt. Sie führt zur evangelischen Lutherkirche nach Fellbach. Sobald man das spätbarocke Gebäude durch den Haupteingang im 500 Jahre alten Turm betritt, wird der Blick auf die Orgel über dem Altar gelenkt. Wieder ein völlig anderes Instrument. Auf der Empore glänzt ein Schlösschen von einem Orgelprospekt mit üppiger Goldzier – unterteilt in ein großes und ein separates, kleineres Gehäuse an der Brüstung. „Beide stehen zueinander im Goldenen Schnitt im Verhältnis drei zu fünf“, erklärt Thilo Frank, Organist und Kantor an der Lutherkirche. „Diese Proportionen gibt es mit der Terz und der Quint auch in der Musik. Orgel und Musik bilden eine Einheit.“

Kirche und Orgelgehäuse datieren aus dem Jahr 1779. Das Instrument stammt jedoch von 2016, gefertigt von der Orgelbaufirma Lenter aus Großsachsenheim. Ihr Klangbild ist eine Synthese aus süddeutscher Barockorgel und den Idealen der frühen Romantik. Das heißt, sie klingt weicher, gefälliger, verschmelzungsfähiger als die lange dominierende norddeutsche Barockorgel mit ihrer schneidenden, kontrastierenden Stimme. Daraus ergibt sich ein vielfarbiger Orchesterklang. Thilo Frank demonstriert diese Intonation mit Bach, Pachelbel, Mendelssohn und Schubert. Er lässt die Vox humana, ihre menschliche Stimme, und die beiden hellen Zimbelsterne erklingen, die sich drehen wie bei einem Spielautomaten.

Dann darf die Gruppe noch auf die Orgelempore steigen und in das Gehäuse hineinschauen, in dem sich eine Physharmonika befindet. „Eine Orgel kann eigentlich kein dynamisches Crescendo spielen“, erklärt der Kantor der Lutherkirche, „aber mit diesem Zungenregister ist es möglich.“ Durch Winddruck öffnen sich bezahnte Laden eines Kastens und lassen den Ton anschwellen. „Das sehe ich heute auch zum ersten Mal“, sagt Orgelexperte Reiner Schulte am Ende dieser besonderen musikalischen Reise durch Landschaften und Kultur­epochen.


Information

Eine weitere Orgelradtour führt von Backnang über Althütte nach Murrhardt am 9. Juni. Beginn ist um 14 Uhr, Treffpunkt ist die Neuapostolische Kirche, Sulzbacher Straße 76, Backnang. Führungen und Kurzkonzerte mit Hans-Joachim Renz, Reiner Schulte, Gottfried Mayer. Die Teilnahme ist auch mit PKW möglich. Die Kosten betragen 5 Euro.