Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Amt mit Hochs und Tiefs

Die 10.000 Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte in der Landeskirche haben es oft schwer. Vor allem, wenn Gemeinden schwere Entscheidungen treffen und etwa Immobilien verkaufen müssen, stehen kirchliche Gremien vor großen Herausforderungen. 




Pfarrer und Kirchengemeinde­rat sitzen in einem Boot und müssen gemeinsam die Richtung finden. (Foto: epd-bild)

Das berufliche Spektrum der Kirchengemeinderatsgremien war schon immer relativ breit: Handwerker, Lehrerinnen, Ingenieure sind darunter. Härters Beobachtung: „Die Kirchengemeinderatsgremien bestehen vor allem aus dem gehobenen Mittelstand.“ Ein Wermutstropfen ist für den Diakon dennoch dabei. „Die Breite der Gemeinde spiegelt sich nicht unbedingt im Kirchengemeinderat wider.“ Ein Arbeiter etwa ist selten Mitglied des Kirchengemeinderats.

Schwieriger wird das Amt, weil in den Gemeinden Rückbau anstelle von Aufbau angesagt ist. Angebote müssen mangels Nachfrage eingestellt, Immobilien aufgegeben werden. Hinzu kommt, dass der Stellenwert der Kirche in der Kommune abnimmt. „Das alles ist vor allem für Kirchengemeinderatsvorsitzende eine Belastung“, sagt Hans-Martin Härter. Er erfährt von ihnen, dass sie merken, traditionelle Formen funktionieren zwar nicht mehr, aber die Gemeinden möchten gleichzeitig das Alte gerne bewahren.

Bevor es jedoch über die Zukunft der Kirchengemeinde Streit gibt, ist eine Gemeindeberatung angesagt. Dann kommen Kirchenrätin Gisela Dehlinger und ihr Team. Die Pfarrerin wird dann angefragt, wenn eine Gemeinde eine Pfarrstelle einsparen muss, aber nicht weiß, wie sie die Aufgaben verteilen soll, wenn es Streit um den Verkauf des Gemeindehauses gibt oder wenn eine Fusion mit der Nachbargemeinde ansteht. Im vergangenen Jahr hat die Gemeindeberatung 82 solcher Prozesse begleitet. Bis zu zwei Jahren kann eine solche Begleitung dauern. Außerdem kam die Gemeindeberatung 2015 bei 160 Moderationen zum Einsatz. Das waren oft Klausurtage eines Kirchengemeinderates.

Die Gemeindeberatung gab es zunächst in den USA. Vor über 30 Jahren kam sie dann nach Europa. Seit gut 20 Jahren gibt es die Arbeitsgemeinschaft Gemeindeberatung in Württemberg. „Unsere Arbeit wächst von Jahr zu Jahr“, sagt Gisela Dehlinger. Die Gemeinden haben zwar nicht mehr Probleme als vor 20 Jahren, davon ist die Pfarrerin überzeugt. Aber früher wurde die Gemeindeberatung oft als Makel angesehen. „Heute dagegen ist sie ein Zeichen von Professionalität.“

Erst vor kurzem hat Gisela Dehlinger einen Fusionsprozess begleitet. Eine Stadtkirchengemeinde und zwei Gemeinden, die in reinen Wohngebieten liegen, sollten sich zusammenschließen. Da ging es in den Gemeinden darum, zu zu hören und Diskussionen zu moderieren. Eine Gemeindeberaterin hat den Vorteil, dass sie nicht Partei ist – und auch nicht Partei sein soll. Alle Meinungen sollen gehört werden. Bei dem Fusionsprozess musste geklärt werden, wie die neue Kirchengemeinde heißt, ob es auch künftig drei Gemeindefeste geben soll und was aus den drei Gottesdiensten wird, die bislang alle sonntags um 10 Uhr stattfanden. Gisela Dehlinger geht es dabei um Vermittlung von Interessen und um eine breite Akzeptanz des Neuen. Nur so kann der Kirchengemeindeordnung entsprochen werden. Schließlich sollen Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte ebenso wie Pfarrerinnen und Pfarrer „der Gemeinde nach dem Maß ihrer Gaben und Kräfte dienen“.