Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Band aus Licht und Klang - Nacht der offenen Kirchen in Fellbach

FELLBACH – Um 20.19 Uhr am 5. Oktober leuchteten die Kirchen und die Glocken läuteten – ein Band aus Licht zog sich durchs ganze Remstal, von Essingen bis Remseck. In der Nacht der offenen Kirchen luden Gemeinden aller Konfessionen zu Gottesdiensten, Musik, Film, Theater und Unterhaltung. Wohin nur, wenn man nichts verpassen möchte? Da fiel die Entscheidung schwer.

Pfarrerin Bettina Limperg predigt in der Dionysiuskirche, Nacht der offenen Kirchen in Fellbach
© Foto: Julian Rettig

Laterne um Laterne erhebt sich zwischen den Bänken der Lutherkirche in Fellbach. Die Nacht der offenen Kirchen beginnt hier schon bei Tageslicht. Eine gute Idee, schließlich stehen die jüngsten Kirchgänger im Mittelpunkt. Die Gemeinde lädt zu Gutenachtliedern mit Laternen.

Heute ist ein besonderer Abend, die Nacht der offenen Kirchen im Remstal, von Remseck am Neckar bis Essingen im Osten. In mehr als 50 Kirchen gibt es Programm. In der Lutherkirche werden Dias an die Wand projiziert: unendlich erleben, glauben, hoffen und lieben, darum soll es heute gehen.

Die Kinder sind gut eingemummelt. Sie freuen sich. Auch der Junge mit dem Dino-Tuch kann es nicht erwarten. „Pssst, jetzt muss man still sein!“, sagt seine Mutter. Denn bevor sie mit ihren Laternen hinausdürfen auf den Kirchplatz, wird gesungen. „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ stimmen die kleinen und großen Besucher im Kanon an, begleiten die Sonne mit ihren Armen und klatschen in die Hände. „Der Mond ist aufgegangen“, „Ich geh mit meiner Laterne“ – es folgen noch einige Lieder, bevor zu „Weißt Du, wieviel Sternlein stehen“ das Licht ausgeht. Nun versammeln sich die Kinder um den Altar und zünden an der Osterkerze ihre Laternen an. Dann laufen sie in den anbrechenden Abend hinaus.

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Ganz in der Nähe, in der Dionysiuskirche von Schmiden, wird es mittlerweile eng. Auf der Empore der Kirche, deren Ursprünge auf das 9. Jahrhundert zurückgehen, wird eine Bierbank herbeigeschafft – ein aussichtsloses Unterfangen, denn hier ist kein Durchkommen mehr. Wer jetzt noch keinen Platz gefunden hat, der steht für die nächste Stunde. Die vielen Besucher wollen die vermutlich prominenteste Rednerin der Langen Nacht hören, Bettina Limperg. Sie ist Präsidentin des Bundesgerichtshofs und evangelische Präsidentin für den ökumenischen Kirchentag 2021 und wird heute predigen. Das Team der Akzente-Gottesdienste konnte sie für diesen Abend gewinnen.

Das kommt nicht von ungefähr. Limperg erzählt, dass sie in Wuppertal in einer freikirchlichen Gemeinde aufgewachsen ist. Dort sei es ihr jedoch zu eng geworden, so habe sie sich von der Gemeinde gelöst. Mit Mitte 30 hat sie sich dann gemeinsam mit ihrem Sohn taufen lassen – hier in Schmiden, in der Dionysiuskirche. Bevor sie ihre Predigt beginnt, stellt Ute Gall vom Akzente-Team ihr noch ein paar Fragen. Was sie zur Rechtspflege geführt habe, was ihr Sorgen bereite? Limperg spricht von der „Welt des Rechts, die Schutz gewährt“. Von ihrer Sorge, dass das Vertrauen in die Mitmenschen und auch in den Rechtsstaat verloren gehe. Und sagt: „Unsere Ängste verstellen uns den Blick, wie stark wir eigentlich sind.“

„Gute Mächte sind in uns angelegt“

Dietrich Bonhoeffers Liedtext „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ wählt sie als Ausgangspunkt ihrer Predigt. Bonhoeffer schrieb ihn in größter Bedrängnis am 19. Dezember 1944 im Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts in Berlin. Warum gebe es so viel Leid, Krieg, Unglück und Ungerechtigkeit, fragt Limperg. Um dann zu urteilen: „Die Warum-Frage führt in die Irre.“ Sie erzählt die Geschichte von Hiob. Gott stelle seine Gottesfurcht auf Initiative des Satans auf eine schwere Probe und lasse ihn leiden. Wie gehe Hiob um mit dem Leid, das ihm widerfahre? Er frage sich nicht, was er getan habe, um dieses Unheil auf sich zu ziehen, sagt Bettina Limperg. Er löse sich vom Wenn-dann-Zusammenhang, mache sich frei davon. Gott brauche Menschen wie Hiob, um gegen das Böse zu bestehen. Gottes Glaube an Hiob sei unerschütterlich. Hiob sei durch eine gute Macht geborgen.

Auch wir heutigen Menschen können fürsorglich handeln, unsere Kräfte bündeln, uns für Frieden entscheiden und den Raubbau der Natur beenden, sagt Bettina Limperg: „Die guten Mächte sind in uns angelegt.“

Dionysiuskirche, Nacht der offenen Kirchen in Fellbach
© Foto: Julian Rettig

Vor und nach der Predigt machen Tobias Escher, Florian Vogel und Anna Orlova Musik. Dann schickt Pfarrerin Angelika Hammer die Gottesdienstbesucher hinaus, denn es ist schon Viertel nach acht. Gemeindeglieder stellen auf dem kleinen Platz vor der Dionysiuskirche Stehtische für den Imbiss auf. „Unendlich hoffen“ leuchtet von der Kirchenwand. Um 20.19 Uhr läuten die Glocken überall im Remstal. Die Kirchen werden in ein warmes Licht getaucht. Ein Band zieht sich übers Land der Gartenschau, ein ökumenisches Band der Hoffnung. Ein erhabener Moment, der Höhepunkt dieses Abends.

Lichter erhellen die Nacht: Lampion in der Lutherkirche (links), Kerzen in der Martinskirche und die Projektion an der Dionysiuskirche.
© Fotos: Julian Rettig

Ein paar Schritte weiter, in der katholischen Kirche zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit, lädt die Gemeinde dazu ein, Gott in allen Sinnen zu begegnen. Ein kleiner Parcours wartet auf die Besucherinnen und Besucher, wo sie hören und sehen, fühlen und riechen, tasten und schmecken können und sich so der biblischen Geschichte nähern. Derweil ist das Freskentheater der Kirchengemeinde Waiblingen-Neustadt fleißig am Spielen. Dreimal führen die Schauspieler „Heiliger Bimbam!“ auf und lassen die Heiligen erwachen, die an die Wände der Martinskirche gemalt sind. Eine schwäbelnde Mesnerin und der „Heilige Strohsack“ mischen ebenfalls mit. In Neustadt, Hohenacker und Bittenfeld haben die Gemeinden die Programme auf eine halbe Stunde begrenzt, damit die Besucher sich stärken oder zur Nachbarkirche fahren können.

Während DJ Faith & DJ Baluxe in Endersbach zur Silent Disco auflegen, einer Kopfhörerparty, bei der jeder seine eigene Musik hört, geht’s in der Erhartskirche in Hohenacker noch einmal rund: „Die UWEs“ aus Neustadt spielen „Paeggae“ und „Skop“, wie sie es nennen, oder besser: Pop-Reggae und Ska-Pop. Die kleinen Laternenläufer aus der Lutherkirche liegen da schon lange im Bett.

◼Wer die Nacht der offenen Kirchen verpasst hat, kann Teile im Internet nachsehen:

kirchenfernsehen.de/video/nacht-der-offenen-kirchen

 

 

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