Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Beruf mit Segen und Fluch

Was macht heutzutage das Berufsbild des Pfarrers aus? Was erwarten die Menschen von ihm? Was will und kann er leisten? Diese Frage steht umso dringender im Raum, weil die Struktur der Gemeinden sich verändern wird. Reagiert die Kirche auf diese Umwälzungen hauptsächlich mit Kürzungen und Stellenstreichungen? Pfarrerinnen und Pfarrer suchen nach Antworten. 

Probe für junge Theologen: Wie wirke ich im Talar? Auch dieser Eindruck wird sich in Zukunft wandeln. (Foto: epd-Bild)



Was denken die Frauen und Männer, die in der Landeskirche im Pfarrberuf stehen, über ihre Tätigkeit und die Entwicklung in der Zukunft? Gelegenheit zum Fragen bot die 125. Geburtstagsfeier des württembergischen Pfarrvereins. Die Frage sei, was ein Pfarrer in Zukunft nicht mehr machen solle, fand zum Beispiel Jochen Schlenker. Der 43-Jährige arbeitet in der Seelsorge-Ausbildung und wünscht sich, dass viel mehr Verwaltungstätigkeiten dem Gemeindepfarrer abgenommen werden. Seelsorge, Besuche, Trauerbegleitung hält er für das Eigentliche am Pfarrberuf. „Leider kommt es oft zu kurz“, sagt er. Allerdings bescheinigt eine Umfrage des Gemeindeblatts im Internet den Theologen, dass die Zeit immer noch vorhanden ist. 52 Prozent der Teilnehmer fanden nämlich, dass Pfarrer genug Zeit für die Seelsorge hätten. Dass zu wenig Zeit dafür sei, Menschen zuzuhören und sie zu beraten, gaben 45 Prozent der Teilnehmer an.

Aber klar: So individuell die Wünsche von Gemeindemitgliedern an die Pfarrer sind, so individuell ist auch die Lebenssituation der Theologinnen und Theologen. Auch das wirkt sich aus: Bei Magdalena Beyer zum Beispiel, die mit ihrem kleinen Kind auf dem Arm im Saal sitzt. Sie wünscht sich im Beruf Familienfreundlichkeit, Vertretungsregelungen bei Elternzeit und die Möglichkeit, Arbeitszeit flexibel aufzustocken oder zu reduzieren. Die 31-Jährige beobachtet auch, dass die Menschen von den Pfarrern erwarten, dass Leben und Reden im Einklang sind.

Die Pflege von Beziehungen sei eben für Pfarrer das wichtigste, findet auch Volker Schneider in seiner Reaktion auf den Gemeindeblatt-Artikel über den Offenen Brief der Reutlinger Pfarrer. Konfirmanden bräuchten Anschlussangebote, Gemeinden wollen Gottesdienste vor Ort. „Wir brauchen Neuaufbrüche und nicht Abbau“, fordert Schneider, der ähnliche Entwicklungen auch als Kantor erlebt hat. Er kritisiert, dass vor allem die Randdekanate im ländlichen Raum austrockneten. Und auch Pfarrer Hans-Peter Ziehmann, der als Gemeindeberater tätig ist, beklagt die Mangelverwaltung. Viele Kolleginnen und Kollegen, denen nebenamtliche Stellen gestrichen wurden, würden jetzt selbst Schnee schippen und Laub kehren. Die Pflicht habe eben viele im Griff, und die Pfarrpläne würden in diesem Zusammenhang nur als Abbau-Prozess verstanden werden. Volker Schneider ergänzt daher: „Meine Wahrnehmung ist, dass sich in unserer Kirche fast alle Verantwortlichen damit abfinden, dass unsere Kirche schrumpft. Habe ich da etwas übersehen oder überhört?“

Die lange Berufserfahrung dagegen merkt man Pfarrer Rainer Köpf an. Der 52-Jährige setzt weniger auf äußere Veränderungen, sondern auf die innere Stärke. „Ich hole mir die Kraft aus der Stille“, sagt er. „Das ist der Ort, der Mut macht.“ Verwaltungsaufgaben sollte ein Pfarrer am Vormittag erledigen, dann habe er danach Zeit für das Wesentliche. Davon, solche Tätigleiten abzugeben, hält er nichts. „Geschäftsführung ist auch Umsetzung des Evangeliums“, sagt er. Da könne man eine Gemeinde gestalten. Der Pfarrplan macht ihm keine Angst. „Das ist der dritte, den ich erlebe. Das wird sich einspielen.“ Viel wichtiger sei für ihn, die Chance für die Landeskirche zu sehen. „Eine große Masse der Menschen ist doch immer noch dabei“, findet er. Und die Zahl der Taufen steige sogar wieder.
Also alles im Lot? Natürlich nicht. Die Ambivalenz, die Zweischneidigkeit der Entwicklung bleibt. In Bayern war die Landeskirche der Meinung, dass alle gemeinsam über das Pfarrerbild nachdenken sollten. Und die Quintessenz aus diesem Prozess brachte deren oberster Dienstherr, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, zu den Pfarrvereinskollegen nach Stuttgart mit. Seine Botschaft: die Realität ansehen und annehmen. Und die sieht so aus: Der Pfarrberuf sei geprägt von Ambivalenz. Es sei ein ganzheitlicher Beruf, bei dem man Menschen von der Geburt bis zum Tod begleite. Gleichzeitig können die Ganzheitlichkeit in eine ganzheitliche Erreichbarkeit münden, die einen dann überfordere.
Der Pfarrberuf sei auch ein selbstbestimmter Beruf, der aber deshalb eine gewisse Strukturlosigkeit mit sich bringe. Die Identität von Arbeitsort und Wohnort sei ein Privileg für jede Pfarrerfamilie, fand Bedford-Strohm. Gleichzeitig laufen die Pfarrerinnen und Pfarrer Gefahr, ihre Privatheit zu verlieren. Viele fühlten sich von der Gemeinde und ihren Gruppen getragen und setzten dabei die eigenen persönlichen Beziehungen aufs Spiel. „Warum ist der Papa für alle anderen da, nur für mich nicht“, referierte der EKD-Ratsvorsitzende eine Frage eines Pfarrerkindes. Derjenige, der für das Evangelium brenne und sich mit der Kirche identifiziere, sei in Gefahr auszubrennen.

Zwei Veränderungen in der Gesellschaft sind es, die laut Bedford-Strohm die Pfarrerinnen und Pfarrer als auch die Menschen, für die diese da sein wollen, prägen: Pluralisierung und Individualisierung. Zur Pluralisierung gehöre, dass Menschen unterschiedliche Lebensausschnitte teilen. Unterschiedliche Gemeinschaften prägen das Leben. Wer Kinder habe, wisse, wie sich die Zahl der Vereine und Gruppen explosionsartig vermehre, in denen Eltern sich zeigen und engagieren sollten. Die Folge: In keiner Gemeinschaft könne man sich noch intensiv einbringen. Der Vorteil: Viele schwache Beziehungen bauten auch Brücken in unterschiedliche Milieus.

Individualisierung dagegen dürfe nicht mit Egoismus verwechselt werden, warnte der Bischof. Es bedeute schlicht, dass die Menschen selbst entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten wollen und wo sie sich aus freiem Willen engagieren. Die Konsequenz aus diesen Entwicklungen sei für den Pfarrerberuf, dass das klassische Modell als Zwangsmodell erfahren werde. Die Mobilität, die Berufswahl der Partnerinnen und Partner, und das Rollenverständnis würden individuell ausgehandelt und könnten zu Spannungen führen. Die Menschen, mit denen Pfarrerinnen und Pfarrer zu tun hätten, seien in der gleichen Situation.

Die Konsequenz sei die Zielgruppenarbeit mit Samstag- und Sonntagsgottesdiensten, Krabbelgottesdiensten, Angeboten für Jugendliche, für Zweifler, für Verliebte. Und wer die Liste fortsetze, spüre schnell, dasss diese Methode auch ihre Grenzen habe. „Vielleicht kommt mal wieder die Zeit, wo alle Menschen begreifen, dass die Ausdifferenzierung nicht ins Unendliche getrieben werden kann und die unterschiedlichen Milieus wieder in einem Gottesdienst sitzen“, bemerkte der Bischof. Und auch wenn er den Berufsbildprozess in Bayern für wichtig hält, setze er doch auf eines: „Am Ende hängt alles an dem einen Herrn, dem gekreuzigten und auferstandenen Christus.“