Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Bote mit guter Nachricht

Wer kennt ihn nicht, den Dichter Matthias Claudius, der sich selber gern als „Wandsbecker Boten“ bezeichnete? Sein Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ zählt zum eisernen Bestand evangelischer Gesangbücher und bleibt weit darüber hinaus in guter Erinnerung. Anderes aus seinem Werk und aus seinem Leben ist allerdings leider eher in Vergessenheit geraten. Vor 200 Jahren ist er gestorben. 

Illustration zu "Ein Wiegenlied bei Mondschein zu singen". (Foto: AKG)


Zum Jubiläum empfiehlt es sich, sein Werk noch einmal zur Hand zu nehmen, das sich in einem Buch von etwas mehr als 1000 Seiten zusammenfassen lässt, und kontinuierlich oder häppchenweise darin zu lesen.

Die zahlreichen Häppchen, die er selber als literarische Kunststücke liefert, erlauben wirklich eine Lektüre mit beliebigen Unterbrechungen. Man muss da nichts mit langem Atem und in einem Zug lesen. Man trifft nämlich in der Hauptsache auf Kurzes und sogar Kurzweiliges: auf Lieder, Gedichte, Anekdoten, Fabeln und Parabeln. Manchmal allerdings auch auf Traktate, meist zu religiösen Themen, zum Beispiel die Auferstehung betreffend, das Abendmahl oder die Unsterblichkeit der Seele.

In solchen Aufsätzen und Essays erweist sich Claudius am deutlichsten als Kind des 18. Jahrhunderts. Im Jahr 1740 geboren, als Maria Theresia den Habsburger Thron in Wien bestieg und Friedrich den Großen den preußischen in Berlin, fand er sich als Erwachsener politisch wieder in den Umbruchszeiten vor der Französischen Revolution, geistig in den Auseinandersetzungen um die Aufklärung, kirchlich im Spannungsfeld zwischen konservativen und liberalen Strömungen.

Er hat dort klar Position bezogen und für eine monarchische Staatsform sowie für eine bibeltreue lutherische Kirche entschieden Flagge gezeigt. Auch wenn er deswegen von Freunden (und er hatte namhafte Freunde wie Lessing und Herder) teils milde belächelt, teils gerügt werden konnte.

Verunsichert hat ihn das nicht. Zumal seine Leidenschaft und auch sein Talent weniger auf dem Gebiet wissenschaftlicher Diskussionen lagen, als auf dem Gebiet der poetischen Betrachtung. Claudius war Lyriker, nicht akademischer Lehrer. Als Sohn eines Pastors aus Reinfeld, westlich von Lübeck, hat er zwar, wie es die Familien-tradition vorgab, mit dem Theologiestudium in Jena angefangen.

Er hat es aber auch abgebrochen. Nicht weil er mit seinem Glauben in eine Krise geraten wäre – das ist ihm sein ganzes Leben hindurch nicht passiert – , sondern aus anderen Gründen. Nicht zuletzt hat ihn ein großer Respekt vor dem Pfarramt Abschied von der Theologie nehmen lassen.

Die Wissenschaften – einschließlich der theologischen – hat er durchaus geschätzt, aber was ihn bewegte und immer wieder zur Feder greifen ließ, das fand er doch an anderer Stelle: nämlich in Ereignissen und Szenen des alltäglichen Lebens. Claudius wurde zu einem Meister in der Wahrnehmung und in der Darstellung des Kleinen, des Unscheinbaren und eher Zufälligen.

Er konnte es adeln in seinen Gedichten und es schmunzelnd widerspiegeln in Anekdoten und Parodien. Darin bewies er seine Genauigkeit im Hinsehen und seine Gabe des Humors im Urteil. Eine junge Mutter, die ihr Kind wiegt; eine Magd, die nachts den Sternenhimmel bewundert und darüber ins Sinnieren gerät; ein Abschnitt aus dem Lübecker „Totentanz“, dem Bilderband in der dortigen Marienkirche: Diese und ähnliche Motive regen ihn an zu poetischen Versuchen, die ihm nicht immer, aber immer wieder zu wunderbaren und bleibend bedeutsamen Stücken deutscher Literatur geraten.

Wie Humor eine Eigenschaft des Herzens ist, über die Claudius in hohem Maße verfügte, so ist es ebenso die Einfühlsamkeit. Claudius war groß in seinem Vermögen, sich einzufühlen in menschliche Schicksalserfahrungen, in Trauer und Einsamkeit, in Entbehrung und Not, aber auch in Glück und Dankbarkeit. Er besang, was Menschen weinen und was sie lachen ließ. Er hatte sein Ohr vorwiegend bei den sogenannten kleinen Leuten und sein Herz bei ihrem Kummer und bei ihrer Heiterkeit.

Darum sind auch die meisten seiner Gedichte auf den Klang des Volksliedes gestimmt. Die zeitgenössischen Herrschaften der Literatur, namentlich Goethe und Schiller in Weimar, die wenig von seiner Dichtkunst hielten, konnte er ziemlich gelassen beiseite tun und sogar seinerseits parodieren.

Den bevorzugten Ort für sein einfühlsames Wesen bildete die eigene Familie. Claudius muss ein glänzender Familienvater und ideenreicher Spielkamerad seiner zahlreichen Kinder gewesen sein. Daran erinnert auch das Denkmal, das man ihm zu Ehren auf dem Wandsbeker Markt im heutigen nordöstlichen Stadtbezirk von Hamburg errichtet hat.

Und so verspielt mit den Kindern er sich geben konnte und deshalb einem damals vorherrschenden Bild vom unnahbaren Familienoberhaupt gar nicht entsprach, so liebevoll gestaltete er auch seine Beziehung zu seiner Ehefrau Rebecca. Zur silbernen Hochzeit hat er sie mit einem berührenden Liebeslied bedacht, in dem alles echte und intensive Zuneigung ist. Und wenn er von ihr mit Vorliebe als seinem „Bauernmädchen“ redet und schreibt, dann hat das in seinem Sinne nichts mit mangelnder Wertschätzung zu tun, eher im Gegenteil: Im Bäuerlichen erkannte er das unverfälscht Natürliche und das wünschenswert Naturverbundene.

Rebecca stammte aus einem Wandsbeker Handwerkerhaus. Sie muss in der Tat eine fabelhafte Person gewesen sein und verstand es, einen Haushalt mit den bescheidensten Mitteln zu führen und obendrein den vielen prominenten Gästen eine geistreiche Gesprächspartnerin zu sein. Und mit der Frau des berühmten Herder führte sie eine angeregte Korrespondenz.

Die einfühlsame Gestimmtheit seines Herzens aber, die überall im Werk des Wandsbecker Boten zum Vorschein kommt, hat ihren tiefsten Grund im Religiösen. Claudius war fromm und er war nüchtern, beides. Diese innere Verbindung von scheinbar Gegensätzlichem ist überaus kennzeichnend für ihn. Fromm war er im täglichen Lebensablauf, mit der Bibellese im Kreis seiner Familie morgens anfangend. Fromm war er in seiner Grundüberzeugung, in Gottes Hand geborgen zu sein, was immer an Stürmen in sein persönliches Leben und in die Weltgeschichte hereinbrechen sollte. Und fromm war er bei seiner Haltung, in allen möglichen Konfliktsituationen – um Gottes willen – zur Versöhnung beizutragen.

Doch dies alles hinderte ihn überhaupt nicht, einen nüchternen Blick für die Wirklichkeit zu behalten. Von einem Besuch in einer psychiatrischen Anstalt erzählt er mit geradezu beklemmender Nüchternheit. Und auch über menschliche Endlichkeit, Sterben und Tod denkt er in sehr nüchterner Weise nach. Vor allem weicht er dieser harten Realität nicht aus. Er bezieht sie vielmehr ständig in seine poetischen Betrachtungen ein.

Alles in allem ist Claudius das geblieben, was er beim „Wandsbecker Boten“, der Tageszeitung eines Hamburger Vorortes, für ein paar Jahre berufsmäßig gewesen ist: ein Redakteur und Journalist. Aber nun doch einer mit besonderer Begabung, der den Dingen des Lebens und den Erfahrungen der Menschen mit Aufmerksamkeit und Liebe auf den Grund zu gehen verstand.













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