Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Christ muss vergeben können

Nach der Wende ist Pastor Uwe Holmer berühmt geworden, weil er den gestürzten SED-Generalsekretär Erich Honecker und seine Margot im Pfarrhaus beherbergt hat. Warum er das gemacht hat? „Weil Christen vergeben können müssen“, sagt er.  


Uwe Holmer auf dem Schönblick in Schwäbisch Gmünd: „Wer nicht vergeben kann, wird von der Bitterkeit seines Herzens aufgefressen.“(Foto: Wolfgang Köbke)

Uwe Holmer erinnert sich noch genau: Zwischen Weihnachten und Neujahr 1989 bekam er Besuch von der Kirchenleitung aus Berlin. Pastor Werner Braune stellte nur eine Frage: „Wären Sie bereit, Erich und Margot aufzunehmen?“ Uwe Holmer fragte erstaunt zurück: „Honecker?“

Honecker selber hatte bei der Kirche um eine vorübergehende Bleibe gebeten. Die Funktionärssiedlung Wandlitz sollte im Februar 1990 aufgelöst werden. In einer normalen Mietswohnung aber konnte Honecker nicht leben, weil befürchtet worden war, dass die Wohnung von aufgebrachten Bürgern gestürmt würde.

Uwe Holmer zögerte. Schließlich hatte er es in der DDR schwer. Acht seiner zehn Kinder durften trotz bester Zeugnisse nicht auf die Oberschule, weil ihr Vater Pfarrer war. Er selber ist von der Stasi bespitzelt worden. Zudem war in den Heimen Lobetals kein Platz – es gab bereits eine lange Warteliste. Der Pastor und seine Frau Sigrid kamen dann überein, die Honeckers in ihrem Pfarrhaus aufzunehmen. Schließlich lebten nur noch zwei ihrer zehn Kinder hier.
Doch erst musste Holmer bei seinen 600 Mitarbeitern für seine Entscheidung werben. Diese befürchteten Proteste in Lobetal – von der Bevölkerung aus der ganzen DDR. Und sie stellten die Frage, ob die Heimbewohner die damit verbundene Unruhe und den Ansturm der Fotoreporter verkraften würden.
Holmer diskutierte drei Stunden mit Pflegern, Ärzten, Seelsorgern, Therapeuten und Hauseltern und überzeugte sie letztendlich. Hatte nicht Jesus gesagt: „Wenn ihr den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben?“ Dieses Jesus-Wort kann lebensrettend sein, davon ist Holmer überzeugt. „Wer nicht vergeben kann, wird von der Bitterkeit seines Herzens aufgefressen.“

Außerdem sei Hass keine gute Ausgangsbasis für einen Neuanfang in Deutschland. Uwe und Sigrid Holmer wollten Mut zu einem neuen Denken, „zu bewusster Liebe“, machen.

Die Aufnahme des Ehepaares Honecker hielt Holmer aus einem zweiten Grund für zwingend: Der ehemalige Staatsratsvorsitzende war jetzt obdachlos, und für Obdachlose war Lobetal einst gegründet worden. Und Uwe Holmer erinnerte sich an Martin Luther, von dem der Satz überliefert ist: „Wenn mein Feind krank ist, ist er nicht mehr mein Feind.“ Erich Honecker war damals schwer krank.

Zehn Wochen waren die Honeckers bei den Holmers. Über Glaube und Politik konnte Uwe Holmer allerdings nicht mit ihm reden. Dafür aber über Persönliches bei den langen Spaziergängen, die der Pastor mit Erich Honecker am Abend machte, wenn die Reporter weg waren. Uwe Holmer ist  überzeugt, das Richtige getan zu haben: „Ich würde es wieder machen.“

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