Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein ganz neuer Blick

GEISLINGEN – Pfarrerin Yasna Crüsemann war für ein halbes Jahr in Marokko. Dort hat sie studiert. Sie kehrte zurück mit vielen neuen Erfahrungen und einem anderen Blick auf den Islam, aber auch auf die Situation der Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen.


Gottesdienst in der katholischen Kirche in Oudja: Pfarrerin Yasna Crüsemann mit ­katholischem Priester und Messdiener. (Foto: privat)



Wenn man in Marokkos Hauptstadt Rabat während des muslimischen Fastenmonats Ramadan tagsüber durch die Straßen geht, ist es unglaublich still. Alles hat geschlossen, alle sind zuhause, berichtet Yasna Crüsemann. Der Sonnen­untergang sei dann wie ein Kanonenschuss: Alle treffen sich am Strand, um gemeinsam zu essen und zu feiern. „Es war sehr beeindruckend zu sehen, welche Auswirkungen die Religion dort auf den Alltag der Menschen hat“, sagt die Pfarrerin aus Geislingen. „In Deutschland gibt es nichts Vergleichbares.“

In Marokko war Yasna Crüsemann 2019 für ein halbes Jahr zum Kontaktstudium am ökumenischen Institut für Theologie, Al Mowafaqa. Dabei ging es um den Dialog der Kulturen und Religionen. Studierende aus arabischen, europäischen und afrikanischen Ländern lernten zum Beispiel gemeinsam in französischer Sprache etwas über Wurzeln, Geschichte, Entwicklung und Strömungen im ­Islam. „Es gibt nicht nur den rigorosen, sondern auch den feministischen Islam“, sagt Crüsemann. 


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Zum Abschluss ihrer Zeit in Rabat fuhr Crüsemann ins 500 Kilometer entfernte Oudja im Nordosten des Landes. Dort unterstützt der evangelische Kirchenkreis Stuttgart die Evangelische Kirche in Marokko bei der Flüchtlingsarbeit. In Oudja ist der Pfarrerin bewusst geworden, welchen Weg Flüchtlinge hinter sich bringen, bevor sie in Deutschland ankommen. „Sie sind zum Beispiel durch die Wüste gegangen, Frauen wurden vergewaltigt oder mussten sich prostituieren, und dann müssen sie auch noch über das Mittelmeer“, sagt Crüsemann.

Die Bilder, die durch die Berichte in ihrem Kopf entstanden sind, gehen ihr nicht mehr aus dem Sinn. Bilder wie die von den zehn Frauen, die mit dem Versprechen, Krankenschwester werden zu können, aus ihrem Land weggelockt wurden. Sie wurden in die Prostitution gezwungen, wurden schwanger und flohen. Zwei von ihnen haben überlebt. Die anderen acht sind bei der Überfahrt von der libyschen Küste übers Mittelmeer ertrunken.

Die Erzählungen der Geflüchteten und die Erfahrungen in Marokko haben den Blick von Yasna Crüsemann erweitert. Wenn hier jemand etwas über „den Islam“ sagt, fragt sie nach, welcher Islam gemeint ist. Gegen die Not der Flüchtlinge helfe hierzulande nur: Gastfreundschaft.

Info
Mehr zu Oudja beim Kirchenkreis Jülich, der mit Württemberg zusammenarbeitet.
Internet: www.kkrjuelich.de

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