Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Kloster und eine Gemeinde

MAULBRONN (Dekanat Mühlacker) – Das ehemalige Zisterzienserkloster Maulbronn ist eine von vier Weltkulturerbestätten in Baden-Württemberg. Hunderttausende von Besuchern gibt es dort jährlich und viele gewichtige Akteure, die etwas zu sagen haben. Doch welche Rolle spielt eigentlich die Kirchen­gemeinde und wo hat sie ihren Platz? Ein Besuch im Gottesdienst.

Die Winterkirche: Im Mai wird der Gottesdienstraum gewechselt.
(Foto: Gemeindeblatt)

Die Winterkirche im Obergeschoss der Klausur. Ein weißgetünchter klassizistischer Raum mit einer Orgel am Ende und einer niedrigen Kanzel an der Seite. Das Ausweichquartier für die kalten Monate von November bis Ende April. Hier sind die Maulbronner weitgehend unter sich, ist nur ganz wenig zu spüren vom Rummel, der sonst oft das Klosterleben bestimmt. Die Sänger der Kantorei nehmen Aufstellung und die Gottesdienstbesucher Platz. Es sind viele gekommen, auch der Bürgermeister, aber viele Stühle sind auch leergeblieben. So wie das halt heute ist in einem Gottesdienst in einer ganz normalen Gemeinde.

An Weihnachten in der großen Klosterkirche ist das ganz anders. Dann wird es für die Maulbronner oft schwierig, einen Sitzplatz zu finden, zumal einen beheizten in den Bänken. Zu Hunderten strömen die Besucher in die große Basilika der Abtei, viele kommen von außerhalb, um die besondere Stimmung zu erleben. Dann kann es wieder einmal sein, dass sich die Einheimischen von der Masse der Auswärtigen buchstäblich an den Rand gedrängt fühlen.

„I am no tourist, I live here“, ich bin kein Tourist, ich lebe hier, steht auf einem Aufkleber, den sich ein Maulbronner auf die Windschutzscheibe seines vor dem Kloster geparkten Autos geklebt hat. Es ist nicht leicht, sich gegen 200?000 Besucher jährlich zu behaupten. Seinen Parkplatz und seinen Garten zu verteidigen, seine Privatsphäre, wenn man in einem der historischen Gebäude auf dem weiten Areal zu Hause ist. „Die rütteln manchmal an allen Türen“, sagt ein Anwohner mit leichtem Kopfschütteln.

Es ist auch nicht leicht, sich als Kirchengemeinde in Maulbronn zu behaupten. Seit 1993 ist das Kloster Weltkulturerbe. Das erste in Baden-Württemberg, daneben dürfen diesen Titel nur noch die Bodenseeinsel Reichenau, die Pfahlbauten in Unteruhldingen und der römisch-germanische Limes tragen. Wenn am 10. Mai das 20-jährige Welterbe-Jubiläum mit einem Festgottesdienst gefeiert wird, werden dazu hochrangige Kirchenvertreter und Landesminister erwartet.

Doch wem gehört das Kloster? Das ist die Preisfrage, die in Maulbronn immer wieder einmal gestellt wird. Formeller Eigentümer ist das Land Baden-Württemberg, das mit der Staatlichen Schlösser- und Gärtenverwaltung auch das Besucherprogramm und das Besucherzentrum organisiert. Hausrecht in der Klausur hat wiederum das Evangelische Seminar, das dort eine Schule und ein Internat betreibt. Eine Einrichtung der Evangelischen Landeskirche und eine von zwei noch verbliebenen ehemaligen Klosterschulen in Württemberg. Schließlich gibt es noch ein Nutzungs- und ein Kanzelrecht: Es ist das der evangelischen Kirchengemeinde Maulbronn für die Gottesdienste in der Klosterkirche und in der Winterkirche.

Als Pfarrer Ernst-Dietrich Egerer (53) vor 13 Jahren nach Maulbronn kam, da hatte er manchmal schon den Eindruck, „dass die Gemeinde im Schatten des Klosters steht“. Dass zwischen all den Besucherterminen, Konzerten und Großereignissen wenig Platz ist für das normale und das geistliche Leben in den historischen Räumen. Immer wieder neue Zuständigkeiten gab es und neben dem normalen ein Klosterpfarramt, das Angebote unterbreitete.

Doch Pfarrer Egerer und sein Kirchengemeinderat haben gelernt mitzumischen. In den Gremien, den Entscheidungsrunden ihre Stimme zu erheben und zu sagen: „Ja“ oder „Nein“ oder „ Da haben wir einen anderen Vorschlag“. Einer dieser anderen Vorschläge war zum Beispiel die „Geöffnete Klosterkirche“. Dienstags, mittwochs, donnerstags und sonntags dürfen die Menschen von 10.30 Uhr bis 17 Uhr in die Klostervorkirche, um dort Ruhe und Besinnung zu finden, an den ersten drei Wochentagen gibt es jeweils um 12 Uhr ein Mittagsgebet. Alles ohne Eintritt und losgelöst vom sonstigen Besucherführungsprogramm. „Das war am Anfang nicht unumstritten“, sagt Pfarrer Egerer.

Auch beim Kunsthandwerkermarkt am Osterwochenende auf dem Klostergelände hat sich die Kirchengemeinde zu Wort gemeldet. „Nicht am Karfreitag“, lautete ihre Position, die letztlich alle respektiert haben. Es ist sowieso eine der größten Schwierigkeiten in Maulbronn, alle Termine unter einen Hut zu bringen. Das Seminar, die Kirchengemeinde, die Veranstaltungen der Staatlichen Schlösser und Gärten und die Vielzahl an Klosterkonzerten. „Ohne einen genauen Belegungsplan geht da gar nichts“, sagt Pfarrer Ernst-Dietrich Egerer, der froh ist, dass diese Koordination nach jahrelangem Ringen nun funktioniert.

Ein für alle Seiten verbindliches Jahresprogramm mit einem runden Tisch, der darum streitet und sich am Ende einigt: Das ist ebenso wichtig wie die Tatsache, dass die Kirchengemeinde selbst ein aktiver Teil dieses Jahresprogramms ist. Ob nun bei Themenführungen, Meditationskursen oder Stundengebeten: Die Gemeinde soll nicht außen vorbleiben, wenn das Kloster nach außen in Erscheinung tritt.

Es ist ja nicht so, dass Pfarrer und Kirchengemeinderat in Maulbronn ihr Kloster nicht zu schätzen wissen. Als Ernst-Dietrich Egerer sich 2001 dort beworben hat, war das „vor allem wegen des Klosters und seiner besonderen Atmosphäre.“ Auch von der musikalischen Hochkultur der Klosterkonzerte profitiert die Gemeinde in vielerlei Hinsicht: Mindestens einmal in Monat singt im Gottesdienst die von Jürgen Budday dirigierte Kantorei, und seine Ehefrau, die Bezirkskantorin Erika Budday, nimmt sich ganz intensiv der Kinderchorarbeit an. „Ein Biotop des Singens“ wurde Maulbronn einmal genannt, und in diesem Biotop gedeiht auch die Kirchengemeinde recht gut.

Und trotzdem gibt es noch ein Gemeindeleben außerhalb des Klosters. Ein sehr umfangreiches sogar: Der allergrößte Teil findet abseits des Weltkulturerbes statt, in einem Gemeindehaus aus Beton ohne jegliche historische Dimension. Zwei Jungscharen gibt es dort, einen Jugendkreis, zwei Frauenkreise, einen Altenkreis, eine rege Eine-Welt-Gruppe und monatlich einmal einen Mittagstisch. Auch die Kinderkirche floriert und die Posaunenarbeit, selbst einen Beerdigungschor und eine Band kann die 1790 Mitglieder zählende evangelische Kirchengemeinde Maulbronn bieten.

Sie ist gerade dabei, sich wieder an das Leben in der Sommerkirche zu gewöhnen, an das allmähliche Anwachsen der Besucherströme, die busladungsweise am Kloster ankommen und dort ihr Programm abarbeiten. In seltenen Fällen kann es dann passieren, dass einige von ihnen beim Mittagsgebet in der Kirche innehalten und doch noch von etwas anderem berührt werden als nur von der Geschichte und ihrer musealen Aufbereitung. Das Kloster als ein Ort des gegenwärtigen Glaubens, mit einer Botschaft für den Alltag im Jahre 2014, das klingt doch wahrhaft nach einem ganz und gar ungewöhnlichen Mitbringsel.

Information

Gottesdienste und Andachten: Der Sonntagsgottesdienst findet von Mai bis Oktober um 10 Uhr in der Klosterkirche statt, von November bis April in der Winterkirche im Obergeschoss der Klausur. Immer Dienstag, Mittwoch und Donnerstag wird um 12 Uhr zu einem Mittagsgebet eingeladen: Evangelische Kirchengemeinde in Maulbronn, Telefon 07043-920693, Internet www.maulbronn-kirche.de

Am 10. Mai ist in Maulbronn Tag der offenen Klosterpforte: Von 10 bis 20 Uhr ist der Eintritt in die Klausur frei. Es gibt zahlreiche Sonderführungen und Präsentationen. Bezirkskantorin Erika Budday wird die neue Grenzing-Orgel vorstellen: Telefon 07043-926610, Internet www.kloster-maulbronn.de