Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein mutiger Schritt - Stuttgarter Schulderklärung

Vor 75 Jahren entstand die „Stuttgarter Schulderklärung“. Darin bekannte die evangelische Kirche, dass sie zur Zeit des Nationalsozialismus nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt hatte.

Der württembergische Landesbischof Theophil Wurm (links) und Martin Niemöller unterschrieben zusammen mit anderen die Stuttgarter Schulderklärung. epd-bildDer württembergische Landesbischof Theophil Wurm (links) und Martin Niemöller unterschrieben zusammen mit anderen die Stuttgarter Schulderklärung. epd-bild

Das Wort Neuanfang ist zwiespältig. Einerseits ist es verbunden mit Hoffnung auf einen Horizont. Andererseits – und diese Tatsache verdunkelt jene Aussicht sogleich – gibt es kein tabula rasa, einen von der Vergangenheit unberührten Neuanfang. Ein wirklicher Neuanfang ist nur möglich, wenn man der Vergangenheit ins Auge blickt. Das war in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg praktisch unmöglich. Die Verwicklung in den Nationalsozialismus war zu tief, das Entsetzen über Krieg und Kapitulation zu groß. Die einzige Möglichkeit, neu anzufangen, schien im Vertuschen, Leugnen und Meiden zu bestehen. Es ist daher nicht selbstverständlich, dass sich die evangelische Kirche für einen echten, wahrhaftigen Neuanfang entschied. Sie erklärte sich nur ein halbes Jahr nach Kriegsende mitschuldig an dem Grauen des Dritten Reiches.

Es gab allerdings auch einen praktischen Grund, warum die Kirche sich ihrer Vergangenheit stellen musste.

Im August 1945 wurde im hessischen Treysa die Evangelische Kirche in Deutschland, kurz EkiD, die heutige EKD, gegründet. An dieser Gründung war nichts Prächtiges oder Einnehmendes. Den versammelten evangelischen Geistlichen konnte man im wahrsten Sinne des Wortes die Not des Krieges im Gesicht ansehen. Doch nicht nur sie waren anwesend, sondern auch Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen. In deren Heimatländern herrschte Hass gegenüber allem Deutschen. Und so war es den Gründerpersönlichkeiten der EkiD klar, dass sie sich ihrer Vergangenheit stellen mussten, sonst hätten sie mit keiner Hilfe rechnen können. Das taten sie am 18. Oktober desselben Jahres in Stuttgart.

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Der Wortlaut der Stuttgarter Schulderklärung ist kurz, aber gewichtig; es lohnt sich, sie gerade heute im Wiedererstarken völkischer Kräfte zu lesen. Eine Formulierung sei besonders hervorgehoben: „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden … Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Eine der ersten Veröffentlichungen des Stuttgarter Schuldbekenntnisses erfolgte in der Ausgabe des Evangelischen Gemeindeblatts für Württemberg vom 11. November 1945. Foto: Gemeindeblatt-Archiv

Eine der ersten Veröffentlichungen des Stuttgarter Schuldbekenntnisses erfolgte in der Ausgabe des Evangelischen Gemeindeblatts für Württemberg vom 11. November 1945. Foto: Gemeindeblatt-Archiv

 

Dieses schmerzvolle Bekenntnis wurde im Ausland durchaus anerkannt. Doch in Deutschland erhob sich ein heftiger Sturm der Kritik. Von Schmach und Entwürdigung des deutschen Volkes war die Rede. Evangelische Kirchenvorstände und Amtsträger protestierten aufs Entschiedenste gegen das Schuldeingeständnis von Stuttgart. Einem echten Neuanfang wollten keineswegs alle folgen, mochten zu den Unterzeichnern der Erklärung auch hervorragende Geistliche wie Martin Niemöller und die Bischöfe Theophil Wurm und Martin Dibelius gehören. Allerdings galt auch für diese, dass die Stuttgarter Schulderklärung die wirkliche Tiefe der Schuld nicht erreichen wollte. Der Holocaust blieb ausgespart. Das Bekenntnis zum Alten Bundesvolk Israel fehlte gänzlich. Über die Ermordung der Europäer mit jüdischen Wurzeln verlor man am 18. Oktober nicht ein einziges Wort.

Warum sich das Stuttgarter Schuldbekenntnis – wie übrigens auch die Barmer Theologische Erklärung 1934 – nicht auf die Seite des Alten Bundesvolkes stellte, bleibt mithin rätselhaft. Vielleicht stellte die Neuordnung der evangelischen Kirche eine übergroße Aufgabe dar? Vielleicht verlor man sich in jener typischen kirchlichen Selbstbeobachtung, die unempfänglich macht für  das, was außerhalb der selbstgesetzten geistlichen Mauern geschah? Oder war jenes Grauen, das Deutsche Deutschen unter dem sehenden Blick der Kirche angetan hatten, schlicht zu unfassbar? Erst Jahre später begannen die evangelischen Kirchen, sich ihrem Versagen den Juden gegenüber zu stellen.

Bei aller berechtigten Kritik muss man jedoch dafürhalten, dass die Stuttgarter Schulderklärung am 18. Oktober 1945 ein mutiger Schritt war; ein Schritt, den die Deutschen jener Tage, lange Zeit darüber hinaus und, wie man nicht ohne Erschütterung erkennen muss, viele auch heute noch, verweigern. □

◼ Stuttgarter Schulderklärung im Internet: www.ekd.de/Stuttgarter-Schulderklarung11298.htm

Am 18. Oktober ist um 10 Uhr ein Gottesdienst zu 75 Jahren Stuttgarter Schuldbekenntnis mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof Frank Otfried July und dem Hymnuschor in der Stuttgarter Markuskirche. Ab 14 Uhr lädt der Verein Pro Ökumene in die Markuskirche zum Vortrag „75 Jahre Stuttgarter Schulderklärung – Welche Einheit suchen wir heute?“. Sprecher ist Ioan Sauca, Generalseketär des Ökumenischen Rats der Kirchen. Danach gibt es ein Podiumsgespräch.

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