Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein neuer, alter Lebensentwurf

Die große mittelalterliche Frauenbewegung ist längst Geschichte. Doch aus dem Erbe entwickelt sich seit einigen Jahrzehnten eine moderne Form, in der Frauen in einer freien Gemeinschaft zusammenleben. Mittlerweile gibt es an 17 Orten Beginen-Gemeinschaften, und sie pflegen regen Austausch miteinander.  Im Sommer hatten die Tübingerinnen Besuch aus ganz Deutschland. 

Den Beginenmantel haben früher die Frauen bei der Abgabe des Beginenversprechens bekommen. Die keltische Spange Spange besteht aus zwei Schlangen. Sie stehen für Weisheit, Heilkraft und das rechte Maß. Hinzu kommt das christliche Kreuz. Foto: Wolfgang Albers

Ideen bleiben, auch wenn Personen sterben. Daran muss man denken, wenn man auf bestimmte Nachrichten schaut. Im Jahr 1997, aber auch im Jahr 2013 meldeten Medien den Tod der letzten Begine. Eine Bezeichnung, die vielen gar nicht geläufig war, weil sie für ein Lebenskonzept aus dem Mittelalter steht: Beginen waren religiös motivierte Frauen, in Gemeinschaft lebend, aber nicht eingebunden in das klassische Ordens-Konzept. Wie auch immer dem etwas makabren Nachrichtenwettstreit um die letzte Begine zu trauen ist – auf jeden Fall klangen die Meldungen völlig aus der Zeit gefallen, wie ein anachronistisches Kuriosum.

Tatsächlich aber begann schon um 1985, als diese hochbetagten Beginen sozusagen auf ihrem historischen Altenteil saßen, eine Renaissance dieser Idee, die inzwischen in kürzester Zeit einen fast vergessenen Lebensentwurf in eine virulente Szene der Frauenbewegung verwandelt hat. Es gibt wieder Beginen, und nicht zu wenige. Allerdings: Ob oder inwieweit sich die heutige Beginen-Bewegung mit der Tradition deckt, ist eine spannende Frage.

In 17 deutschen Orten leben inzwischen Beginen-Gemeinschaften, zwei davon in Tübingen. Eine in einem mehrgeschossigen, modern umgebauten Wohnhaus in der Altstadt. Hier wohnen sieben Frauen, die kürzlich Besuch aus ganz Deutschland hatten, ja sogar eine Schwedin war angereist. Eine ältere Frau, jetzt alleinstehend, die sich Gedanken macht, wie sie weiterleben möchte. Nicht allein, das ist ihr klar. Und nicht nur versorgt und von Alltagssorgen enthoben: „Ich will mit Frauen zusammen leben, mit denen ich etwas machen kann, mit denen ich diskutieren kann, und ich will mit einem Bezug zur Kirche leben.“ Einige Frauen, die ähnlich denken, hat sie schon beieinander. Aber wie sollen sie sich organisieren?

Tübingen wäre ein Modell. „Beginenhaus“ steht auf einer Tafel neben der Eingangstür. Es gehört der Beginenstiftung, die 2003 gegründet wurde und in Tübingen zwei Wohnhäuser gekauft und an Frauen weitervermietet hat, die in einer Gemeinschaft leben, verbindliche Aufgaben erfüllen und Erwartungen an gemeinsame Aktivitäten haben. Inge Gerth, die Stiftungsgründerin, will auf diese Weise einen Widerspruch auflösen: „Unsere heutige individualisierte Gesellschaft ermöglicht uns einerseits viel Freiheit und Unabhängigkeit, hält andererseits aber auch Isolation und Einsamkeit bereit.“ Eine Lösung sieht sie im Vorbild der Beginen: „Sie waren Singlefrauen, die gemeinschaftlich und weitgehend hierarchiefrei in Stiftungshäusern wohnten.“

In einem Punkt aber setzt sich Ingrid Gerth deutlich vom historischen Vorbild ab: „Die religiöse Orientierung bleibt dem Privatbereich vorbehalten.“ Und das kann sehr unterschiedlich ausfallen. Ingrid Gerth zum Beispiel sagt von sich: „Ich bin gar keine Christin.“ Im Vordergrund steht das gemeinschaftliche Miteinander von Frauen. So ist es eher ein kleiner gemeinsamster Nenner, den der Dachverband der Beginen, der sich im März 2004 gegründet hat, formuliert: „Spiritualität kann in den verschiedenen Gemeinschaften moderner Beginen eine mehr oder minder große Rolle spielen.“

Eine große Rolle spielt sie für Brita Lieb. Die gebürtige Freiburgerin hat als alleinerziehende Mutter drei Kinder großgezogen und ist eine überzeugte Feministin. Oder, wie sie es sagt: „Wir waren die Trümmerfrauen des Patriarchats.“ Es sei ihr Traum, „irgendwann die Alternativen zum Patriarchat und zum Kapitalismus hinzukriegen.“

Auf diesem Weg ist sie auf die Beginen gestoßen und war fasziniert: „Es ist an der Zeit, auf das Erbe von 900 Jahren zu schauen und sich zu erinnern, wie weit die Beginen in ihrer sozialen Kompetenz bereits waren.“
Brita Lieb hat es nicht bei der Erinnerung belassen. Sie hat den Beginenhof in Bochum mitbegründet. Ein wesentlicher Teil davon ist eine ehemalige Kirche des Bistums Essen, die abgerissen werden sollte. Sie ist nun der Gemeinschaftsraum für eine christlich-ökumenische Gruppe. Religiosität gehört für Brita Lieb zum Beginentum dazu – allerdings keine, die institutionell mit den etablierten Kirchen verbunden ist: „Ich möchte nicht auch noch die Trümmerfrau der Kirche sein.“

Eher ist sie nun eine Trümmerfrau der Geschichte. Ihr Schwerpunkt ist die Erforschung des Beginentums, und sie fühlt sich wie eine Archäologin, die lang Verschüttetes wieder ans Licht holt. Über 600 deutsche Städte hatten Beginenhöfe, und aus vielen hat Brita Lieb Archivunterlagen zusammengetragen, die belegen, wie weitverzweigt und wie groß diese Bewegung war: „Stellenweise betrug der Anteil der Beginen an der Einwohnerschaft zehn Prozent.“ Mit Beginen-Reisen, wie jetzt in den Südwesten mit der Station in Tübingen, führt Brita Lieb Frauen aus ganz Deutschland auf diese Spuren.

Dieser Austausch dient auch der Klärung der Frage: „Was ist heute eine Begine?“ Ein Arbeitspapier stellt Antworten auf einer ganzen Seite zusammen. Sie reichen von Stichworten wie gemeinsame Visionen, Ideen, Ziele, ökologisches Bewusstsein und Ressourcen-Orientierung bis zu religiösen, kulturellen und kreativen Aktivitäten.

Tatsächlich ist die moderne Beginen-Bewegung ein Universum unterschiedlichster Prägungen und Vorstellungen – wie übrigens die historischen Beginen von der unterschiedlichen Tracht bis zu unterschiedlichen Lebensformen und Aufgaben ebenfalls eine Vielfalt aufwiesen. In diesem historischen Vorbild liegt die heutige gemeinsame Klammer: „Wir haben ein Mut machendes Erbe im Rücken“, sagt Brita Lieb.
Natürlich sei es nicht einfach, dieses auszugestalten: „Wir können es nicht einfach übernehmen.“ Die Beginen heute sind also noch dabei, ihr Selbstverständnis, ihre Struktur und ihre Ziele auszuloten. Das kann anstrengend sein. „Wir sagen allen Frauen, die mitmachen wollen: Überlegt es euch gut, es ist kein Umzug von A nach B, sondern eine andere Qualität“, erklärt Brita Lieb.

Und die Abgrenzung kann auch nicht so freundliche Reaktionen hervorrufen. Die Tübingerinnen können von etlichen unfreundlichen Kommentaren berichten, von denen „Drachenburg“ noch einer der harmloseren ist. Wesentlich interessierter werden die Beginen von kirchlicher Seite beobachtet. So gibt es immer wieder Anfragen aus Gemeinden, die dieses Modell kennenlernen möchten. Auch offiziellere Kreise haben bei den Beginen schon vorgefühlt: Man habe da kirchliche Immobilien, die man gerne loswerden möchte – ob denn da Verwendung bestünde?¦

Informationen

im Internet: www.dachverband-der-beginen.de