Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein neues Quartier für alle

RAVENSBURG – Was macht man mit einer 117 Jahre alten Fabrik? In Ravensburg entschied man sich dafür, diese zu erhalten. Die Bruderhaus-Diakonie etablierte hinter der historischen Backsteinfassade in der Holbeinstraße ein Quartierzentrum mit innovativen Ideen in Sachen Inklusion. 


Die Bruderhaus-Diakonie ist in die ehemalige Fabrik eingezogen. (Foto: Barbara Waldvogel)

Auf einer Fläche von 1600 Quadratmetern gibt es im Quartierzentrum des neuen Mühlenviertels in der östlichen Vorstadt Ravensburgs jetzt eine Werkstatt für Menschen mit psychischen Erkrankungen, ein Tagesstruktur-Angebot, ein inklusives Café mit Mittagstisch und ein Lebensmittelgeschäft mit biologischen Produkten.
Das hört sich schon einmal gut an. Der Clou ist allerdings, dass nicht nur die Beschäftigten und die Mitarbeiter der Diakonie von dem neuen Angebot profitieren, sondern die Tür ab 12. Februar jedermann offen steht, vor allem den Bewohnern der Umgebung. Denn hier soll ein Bürgertreff entstehen – tagsüber durch die Beschäftigten der Werkstatt, durch Kundenkontakte in Café und Laden, abends und am Wochenende auch durch andere Aktivitäten. Denn die Räumlichkeiten können für Familienfeiern und von Vereinen angemietet werden.

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Ein Chor, eine Theatergruppe und ein Skatclub haben bei Andreas Weiß bereits angefragt. Wichtig ist dem Leiter des Fachbereichs Sozialpsychiatrie sowie Arbeit und berufliche Bildung der Bruderhaus-Diakonie in der Region Bodensee-Oberschwaben herauszustreichen, dass es keine kommerziellen Unternehmungen sein dürfen.

Für Weiß geht mit der Eröffnung der Einrichtung ein Traum in Erfüllung. Als er 2012 im Rathaus seinen Plan für ein Zentrum zur Beschäftigung und Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung vorstellte, konnte er Oberbürgermeister Daniel Rapp und die Stadtväter schnell dafür  gewinnen. Das war auch der richtige Zeitpunkt, denn das Sanierungsgebiet von insgesamt 11 000 Quadratmetern sollte zu einem lebendigen Quartier umgewidmet werden, und das kam den Plänen der Bruderhaus-Diakonie zupass. Rapp sprach dann auch bei der Eröffnungsfeier mit vielen geladenen Gästen von einer „Win-Win-Situation“ – beide Seiten haben profitiert.

Dass Weiß, seine Mitarbeiter und das Architekturbüro zwar einen Traum verwirklichen wollten, aber alles andere als Träumer sind, belegen die Zahlen: So wurden die geplanten Kosten von 3,4 Millionen eingehalten –  obwohl die Bauarbeiten ab 2016 alles andere als problemlos waren. So musste das Gebälk mühevoll vom jahrzehntealten Schmutz befreit werden. Vor allem im Erdgeschoss, wo die Schweißerei und Härterei untergebracht waren, gelang dies erst durch das Eisstrahlen. „Drei Wochen lang war das eine Sklavenarbeit“, sagt Weiß. Durch das Freilegen der alten Balken blieb der Charakter des Gebäudes erhalten. Dann hatte auch der nahe gelegene Flappach-Bach das Gebäude unter Wasser gesetzt und daran erinnert, dass er früher für den Antrieb der beiden hier ansässigen Papiermühlen genutzt wurde, wie Stadtrat Rolf Engler bei der Eröffnung erzählte. Er kennt die Gegend sehr gut, denn er hatte 1959 in dem Haus als Lehrling angefangen.

Auch heute bietet der Standort wieder Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung waren zuvor im nahegelegenen Gebäude des „Weltpartners dwp“ untergebracht. Doch mit der Zeit wurde es dort für alle zu eng, und so kam der Plan für einen Umzug ins Mühlenviertel nach 22 Jahren dem dwp nicht ungelegen. Die Kooperation bleibt aber bestehen, wie Vorstand Thomas Hoyer versichert.

Auch im neuen Quartier werden die Beschäftigten die fair gehandelten Produkte des Unternehmens abfüllen, etikettieren und verpacken. „Unser Vorteil ist, dass wir auch kleine Bestellungen entgegennehmen“, sagte Weiß beim Rundgang durchs Gebäude. In der Werkstatt gibt es 36 Arbeitsplätze, im modern eingerichteten Büro im Obergeschoss sechs. Dort wird alles Kaufmännische abgewickelt, und auch der Internetauftritt gepflegt – ein Job, der vor allem von den jüngeren Menschen mit Behinderung gerne übernommen wird. Weitere acht Arbeitsplätze können im Café mit Klienten besetzt werden.

Neben dem Büro ist der großzügige Raum für die Tagesstruktur. Er bietet bis zu zwölf Plätze. Dort wird gekocht, gebastelt, gesungen und bei Bedarf auch gehobelt, denn Mitarbeiterin Christine Ruoff ist nicht nur Heilerziehungspflegerin, sondern auch gelernte Schreinerin und zudem Chorleiterin. Bei ihr sollen sich die Klienten von 8 bis 16 Uhr wieder an eine Tagesstruktur gewöhnen, aus der sie durch ihre Krankheit herausgeworfen wurden. Ziel des Angebots ist es, die Menschen Schritt für Schritt an eine Beschäftigung in der Werkstatt heranzuführen. Dazu müssen sie aber vier Stunden arbeitsfähig sein, wie Weiß erklärt. Während die Klienten bei Christine Ruoff jeden Mittag selbst kochen, bekommen die Beschäftigten von Werkstatt und Büro im Café ihr Mittagessen.

Der Lebensmittelladen punktet vor allem mit Obst und Gemüse, das unter anderem auch vor Ort biologisch produziert wurde. Zum Beispiel auf dem Riesenhof, ebenfalls einer Bruderhaus-Einrichtung in der Ravensburger Weststadt. Sie wurde 1958 weit entfernt vom Stadtzentrum eingerichtet und betreute bis zu 120 Menschen mit psychischen Erkrankungen. Inzwischen haben sich die Konzepte – nicht zuletzt durch entsprechende Vorgaben wie das Bundesteilhabegesetz und die Landesheimbauverordnung – sehr verändert. „Die Umwelt muss sich an die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung anpassen und nicht umgekehrt“, erklärte Jörg Urbaniak, Leiter des Sozial- und Inklusionsamtes im Kreis Ravensburg. Er sieht dies im Mühlenviertel genial gelöst. ■