Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Ort des Respekts

STUTTGART – Jüdisches Leben in Deutschland hat nicht nur in der Vergangenheit stattgefunden. Heute gibt es wieder eine große jüdische Gemeinde in Stuttgart mit eigener Synagoge. Unsere Reporterin hat dort eine Führung mit islamischen Studentinnen begleitet.

Die Stuttgarter Synagoge voll besetzt: Ein Bild aus dem Jahr 2018 von der Gedenkveranstaltung am 9. November. Foto: picture alliance/ dpa/Marijan Murat



An der S-Bahn-Station Stadtmitte aussteigen. Nicht weit vom Hospitalhof taucht die Synagoge auf. Von außen ist der Bau unauffällig, die Sicherheitsvorkehrungen sind aus guten Gründen hoch. Davor steht eine Menschentraube, alles Studentinnen für Grundschullehramt und die Sekundarstufe eins in Religionspädagogik für islamische Theologie in Ludwigsburg. Kurz darauf geht es auch schon hinein ins Gemeindezentrum. Fix durch die Sicherheitsschleuse und dann in einen Vorraum, wo unser Führer David Holinstat die ersten Infos zur Synagoge gibt. Es geht um die Zerstörung der Synagoge während der Reichspogromnacht 1938 und den Wiederaufbau. 1952 wurde die neue Synagoge eingeweiht.

Deutsch, Hebräisch und Russisch

 

Dann geht es weiter in die Synagoge selbst. Wir setzen uns auf alte Holzklappbänke und David weist daraufhin, dass wir Fotos machen dürfen, aber bitte nicht von außen und von den Fluchtwegen. Auch Fragen dürfen wir jederzeit stellen. Der Raum ist würfelförmig, in der Mitte gibt es ein Podest, vorne etwas, das wie ein Altar aussieht, links und rechts davon stehen zwei siebenarmige Menora-Leuchter. Auf den anderen drei Seiten des Raums verläuft eine Empore, auf deren Brüstung verschiedene Tiere und Symbole abgebildet sind. Später wird erklärt: Sie stehen für die zwölf Stämme Israels. Das Licht in der Synagoge ist wunderschön, warm und vieles ist beleuchtet.

David beginnt zu erzählen und sagt, dass die Synagoge ein Ort ist, wo man sich mit Respekt begegnet. Dann erklärt er, was wir in der Synagoge sehen. Beispielsweise das ewige Licht (Ner Tamid) unter dem großen bunten Fenster mit dem Stern und über dem Thora-Schrein. Er sagt uns, dass es drei Strömungen im Judentum gibt (orthodox, konservativ und liberal – er selbst bezeichnet sich als liberal) und woran man erkennt, dass dies hier eine orthodoxe Synagoge ist: an der Empore. Denn darauf sitzen die Frauen während des Gottesdienstes, die Männer sitzen unten. Während des Gottesdienstes wird die Thora durch die Synagoge getragen und dann in der Mitte auf dem Podest ausgebreitet und daraus gelesen. Überall liegen weitere Gebetsbücher herum. David erklärt, dass einige auf Deutsch und Hebräisch verfasst sind, aber die meisten auf Deutsch und Russisch, denn für rund 80 Prozent der Mitglieder der Gemeinde ist Russisch die Muttersprache.

David übernimmt nicht nur Synagogenführungen, sondern macht auch bei dem Projekt „Meet-a-Jew“ mit. Es wurde vom Zentralrat der Juden gegründet; Jugendliche können darüber mit Juden ins Gespräch kommen. Spannend wird es, als die erste Studentin ihm eine persönliche Frage stellt. David antwortet offen, erzählt von sich und seinem Leben. Er selbst stammt gebürtig aus den USA, aus Kalifornien, und kommt zwar aus einer jüdischen Familie, aber der Glaube hat für ihn lange keine große Rolle gespielt. Er hat mit der Zeit selbst dazu gefunden und hatte seine Bar-Mizwa mit 55 Jahren. Zum Thema Sicherheit und Antisemitismus sagt David, er fühle sich in Deutschland sicherer als in den USA. Inzwischen ist das Eis gebrochen und die Studentinnen stellen immer mehr Fragen. Manche haben etwas über Juden und den jüdischen Glauben gehört und wollen wissen, ob das stimmt. Beispielsweise ob eine Thora-Rolle wirklich wie ein Mensch beerdigt wird. Die Antwort ist ja. Wenn die Thora-Rolle kaputt ist, wird sie wie ein Mensch in der Erde beerdigt.

Nebenan feiern die Liberalen

Eine Studentin fragt David, ob er denn als Jude überhaupt eine Kirche betreten darf, denn Moslems und Juden dürften sich ja kein Bild von Gott machen und mit Jesus am Kreuz gäbe es doch ein Bild von Gott. David erklärt, dass es darauf ankommt, wen man fragt. Gerade orthodoxe Juden würden aus diesem Grund tatsächlich keine Kirche betreten, aber eine Moschee wäre kein Problem. David selbst hingegen singt in einem christlichen Kirchenchor mit und betet sogar das „Vater unser“. Ihm machen die Musik und das Singen in der Gemeinschaft Spaß, aber er singt nicht alle Lieder des Chors und hat so seine Schwierigkeiten mit der Dreieinigkeit. Es geht auch um den Schabbat, koscheres Essen, das Tragen der Kippa. Dürfen jüdische Ärzte beispielsweise samstags nicht arbeiten? Doch dürfen sie, denn das Leben geht immer vor!

Immer wieder drehen sich Fragen um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Islam, dem Judentum und dem Christentum. Wie stehen die drei Religionen zu Jesus? Wie ist es mit Hochzeiten zwischen den Religionen und Scheidungen vor Gott? Wie ist es, wenn man konvertieren möchte? Die Studentinnen fragen und David erzählt und erzählt, auch wenn er nicht auf jede Frage eine Antwort hat. Außerdem, witzelt er, gelte immer wieder der Satz: „Frag zwei Juden und du hast drei Meinungen.“ Die Dozentin der Studentinnen ergänzt an manchen Stellen. So erfahren wir, dass es nebenan noch eine weitere, kleine Synagoge gibt, für die eher liberalen Juden, wo Frauen und Männer auf gleicher Ebene in der Synagoge sitzen können. Nach dem Gottesdienst treffen sich beide Gruppen oft und essen gemeinsam. Sie versuchen sogar die Länge der Gottesdienste so anzupassen, dass ein gemeinsamer Beginn des Essens möglich ist. David schmunzelt und meint: „Die letzten Male war der orthodoxe Gottesdienst sogar früher fertig.“ □

 

Information

Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) ist die siebtgrößte jüdische Gemeinde Deutschlands. Sie hat etwa 3000 Gemeindemitglieder. Ihr Zentrum ist in Stuttgart, Zweigstellen gibt es unter anderem in Ulm, Heilbronn und Esslingen. Sie möchte als Einheitsgemeinde allen jüdischen Menschen in Württemberg eine Heimat bieten.

Stuttgart ist Sitz eines Ortsrabbinats (Rabbiner Yehuda Pushkin) und eines Kantorats (Kantor Nathan Goldman). In Stuttgart betreibt die IRGW unter anderem eine Religionsschule, die jüdischen Religionsunterricht von der 1. Klasse bis zum Abitur anbietet. Außerdem gibt es in der Landeshauptstadt eine staatlich anerkannte jüdische Grundschule der IRGW, einen Kindergarten und ein Jugendzentrum.

Führungen durch die Stuttgarter Synagoge sind möglich nach Voranmeldung. Für Gruppen ab acht Personen können Führungen veranstaltet werden, Einzelbesucher können sich zu bestimmten Terminen anmelden. Wer eine Führung buchen möchte, muss eine schriftliche Anfrage stellen unter E-Mail niermann@irgw.de. Weitere Informationen zu Führungsangeboten gibt es unter www.irgw.de/synagogenbesuche

 

 

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