Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Tag mit dem Landpfarrer

Mit dem Nachbarn ein Schwätzchen über den Gartenzaun halten, die Sonntagspredigt im Pfarrgarten schreiben – ist das die Realität eines Landpfarrers oder nur eine schöngefärbte Vorstellung? Was macht das Amt eines Landpfarrers aus? Ein Arbeitstag mit Dorfpfarrer Martin Breitling in Kohlstetten auf der Alb gibt Aufschluss.

Der Pfarrer hinterm Tresen vom Kohlstetter „Lädle“. Foto: Dorothee Schöpfer


„Kommen Sie gern.“ Martin Breitling hat kein Problem damit, dass ihn eine Journalistin einen Tag lang über die Schulter schauen und bei all seinen Terminen in Kohlstetten (Dekanat Bad Urach-Münsingen) begleiten will.

8.30 Uhr

Die erste Stunde fällt aus. „Haben Sie die Mail nicht bekommen?“, fragt der Konrektor. Es ist gerade Prüfungszeit, da ändert sich der Stundenplan laufend. An zwei Vormittagen in der Woche steigt Martin Breitling in sein Elektroauto, um eine Viertelstunde nach Münsingen zum Religionsunterricht an der Berufsschule zu fahren. Manchmal nimmt der 50-jährige Pfarrer das Rad dazu. „Die Schule ist immer ein ziemlicher Systemwechsel“, sagt Breitling. „Aber ich unterrichte gern und habe einen guten Draht zu Schülern, denke ich.“ Das denkt er nicht nur, man spürt es im Klassenzimmer. Der Dorfpfarrer hält eine Doppelstunde vor zukünftigen Altenpflegern. Am Ende haben alle etwas gesagt und sich beteiligt, manche Beiträge waren hochemotional. „Religion als Fach hat auch etwas von Seelsorge“, sagt Breitling.

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11.45 Uhr

Heinz Danzer hatte kürzlich Geburtstag. 82 Jahre alt ist der bildende Künstler geworden, der seit den 1960er-Jahren in Kohlstetten wohnt. Sein kleines Haus hat einen großen Garten und einen gläsernen Anbau: Das Atelier, in dem Danzer und seine vor fünf Jahren verstorbene Ehefrau Gabriele Seite an Seite gearbeitet haben. Es ist ein wildes Sammelsurium aus Bildern, Skulpturen, Büchern und vielen Fundstücken, die Heinz Danzer nicht liegen lassen konnte. Manche davon hat er zu Kunst gemacht. Am Arbeitsplatz seiner Frau sieht es aus, als wäre die Emaille-Künstlerin nur kurz für eine Pause aufgestanden.

Die Trauerfeier für Gabriele Danzer war die erste, die Martin Breitling als neuer Pfarrer von Kohlstetten geleitet hat. In dem Trauergespräch hat er viel von Heinz Danzer erfahren. Sie schätzen einander. Der Künstler, der immer wieder mit dem Dorf fremdelt: „Ich bin hier nicht wegzudenken, aber nie heimisch geworden.“ Und der Pfarrer, der mit seinen langen Haaren und seiner Theologie –„Ich verkündige nicht die Wahrheit, aber die Religion hält Trost bereit in dieser brutalen Welt“ – von manchen im Dorf kritisch gesehen wird. „Herr Danzer, Sie sind ein großer Geschichtenerzähler“, sagt Breitling am Gartentisch und meint das als Kompliment. „Sie erzählen halt andere Märchen“, hält Heinz Danzer knitz dagegen. Der alte Herr wird müde. „Kommen Sie bald wieder“, verabschiedet er den Besuch.

13.30 Uhr

Zeit zum Mittagessen. Das nimmt der Pfarrer mit seinem Gast, seiner Tochter und seiner Frau im Pfarrgarten unter den baumhohen Haselbüschen ein. Ein Bild wie gemalt: Hier das stattliche und frisch renovierte Pfarrhaus aus dem Jahr 1762 mit einer blühenden Wiese davor, dahinter der bunte Pfarrgarten mit Tomaten, Kartoffeln und Blumen. Der Hund tobt herum, die Hühner, an denen der Pfarrer große Freude hat, sind deshalb gerade im Stall. Was für eine Idylle. Tatsächlich hat das mitten im Dorf und gegenüber der Kirche stehende prächtige Pfarrhaus bei der Entscheidungsfindung des Ehepaars Breitling den Ausschlag gegeben. Sibylle Breitling, die als Kinderärztin arbeitet, wollte erst nicht aufs Land. „Ich komme selbst vom Dorf und hatte Sorge, ob mir der Horizont dort nicht zu eng wird.“ Die letzte Pfarrstelle war in Geislingen. Eine Kleinstadt, in der sie nicht mit „Frau Pfarrer“ angeredet wurde. „Das passiert hier aber auch nur selten“, sagt Sibylle Breitling. Gelockt haben dann aber nicht nur die vielen Quadratmeter Wohnfläche für die vierköpfige Familie, sondern auch die Aussicht auf Überschaubarkeit und Nähe zur Natur. Die Kinder fühlen sich in Kohlstetten wohl, die Eltern ebenso. Auch wenn es anfangs schwierig war, einen neuen Freundeskreis zu finden. Die Auswahl an Menschen ist auf dem Dorf einfach kleiner.

Dass er sich hier nirgends vorstellen muss, weil ihn jeder kennt, empfindet Martin Breitling als Vorteil. „Aber ich stehe hier nicht unter Beobachtung“, sagt der Kohlstettener Pfarrer. Rund 500 Gemeindegliedern hat er zu betreuen. „Man kann sich hier schlecht aus dem Weg gehen. So wird manchmal aus einem Streit im Sandkasten ein Streit im Sängerbund“, bedauert der Theologe. Er kennt die Vereine im Dorf: Bei der Jahreshauptversammlung ist er genauso dabei wie bei den Festen. Der Besuch bekommt noch ein Eis mit Erdbeeren und Sahne und darf es sich im Liegestuhl unterm Lindenbaum gemütlich machen. Der Pfarrer entschwindet ins Büro. Ein paar E-Mails müssen noch beantwortet werden.

15.30 Uhr

Kohlstetten ist eine eigenständige evangelische Gemeinde mit einem Pfarrer, der zu 75 Prozent angestellt wird. Was sich weniger auf die Arbeitszeit, sondern vor allem auf das Konto auswirkt, sagt Martin Breitling ohne Groll. In der bürgerlichen Welt ist Kohlstetten ein Ortsteil von Engstingen. Auf 16 Uhr hat der Bürgermeister zur Besprechung geladen: Wie soll es weitergehen mit den Kirchturmuhren der drei Ortsteile? Die alten Verträge sehen vor, dass sich die bürgerliche Gemeinde um die Uhren kümmert. Der Bürgermeister würde diese Verträge gerne ändern. Vor der Besprechung im Gemeindehaus von Kleinengstingen noch ein kurzer Stopp im Kohlstetter „Lädle“: Hier steht Pfarrer Breitling ein- oder zweimal im Monat hinterm Tresen als einer von zig Ehrenamtlichen. Das Lädle hält die Nahversorgung in Kohlstetten aufrecht. Hier gibt es Bio-Lauch, frische Brötchen, Süßigkeiten für 10 Cent und die Neuigkeiten aus dem Ort.

Der Bürgermeister möchte keine Presse bei der Besprechung dabeihaben. Nur soviel: Man ist in einem guten Austausch.

17.00 Uhr

Für Pfarrer Breitling geht es nahtlos weiter im Gemeindehaus: Um 17 Uhr ist Redaktionssitzung für den nächsten Gemeindebrief. Der wird im Verbund mit Kleinengstingen herausgegeben. Jörg Stooß vom Redaktionsteam ist bestens vorbereitet, Punkt für Punkt wird seine Excel-Liste abgearbeitet. Das 100-Jahre-Jubiläum der Kinderkirche kommt doch erst in der übernächsten Ausgabe. Schließlich wird es coronahalber erst im 101. Jahr gefeiert. Eine neue Titelgeschichte ist gefragt. Die Gemeindebibliothek in Kohlstetten wird 20 Jahre alt – „und hat eine immense Bedeutung für die kulturelle Bildung im Dorf“, wirbt Martin Breitling. „Sollen wir dem Bürgermeister noch zur Wiederwahl im Blättle gratulieren?“, fragt die Kleinengstinger Pfarrerin Hanna Bader. „Und wer kann die Bethel-Blätter austragen, die immer noch in meiner Garage liegen?“ Die Liste ist abgehakt, Martin Breitling drängt zum Aufbruch. Manchmal sitzt das Redaktionsteam noch bei einem Glas Wein zusammen. Heute nicht: Ein Traugespräch steht an.

18.50 Uhr

Der Hund freut sich wie verrückt. Der Pfarrer auch – und ist ein wenig irritiert. Das Traugespräch war auf 19 Uhr ausgemacht. Das Paar wartet aber schon eine Viertelstunde vorher an der Tür, die Mutter des Bräutigams ist auch dabei. Ein schnelles Toben mit dem Hund, ein kurzer Gang zu den Hühnern, soviel Zeit muss sein. Im Pfarrbüro mit der vollgestellten Bücherwand, den in die Jahre gekommenen Möbeln und der Notfallseelsorgerweste am Haken geht es weiter.

Das Paar ist längst verheiratet, die kirchliche Trauung soll jetzt die Bestätigung sein, dass das verflixte siebte Jahr überstanden ist. Aber bitte nicht in Kohlstetten, die Kirche sei so düster. Lieber dort, wo der Mann konfirmiert worden sei. Kein Problem für Pfarrer Breitling. Nur vom Wunsch der Braut, von ihrem Stiefvater in die Kirche geführt zu werden, hält er nichts. „Das passt nicht zu unserem protestantischen Frauenbild. Sie sind doch eine eigenständige Frau und nicht im Besitz ihres Vaters, der sie übergibt.“ Martin Breitling will erfahren, was die beiden aneinander schätzen, sammelt Stoff für die Traurede. „Wenn ihr Mann ein Instrument wäre, was wäre er für eins?“

Kurz nach halb neun ist das Traugespräch vorbei. Schnell noch ein Stück Lauchkuchen in der Abendsonne, das vom Mittagessen übrig ist. Um 21 Uhr beginnt das Spiel Deutschland gegen Frankreich. Geschaut wird beim Nachbar auf der Terrasse, die an die Friedhofsmauer grenzt. Public viewing in Kohlstetten – mit dem Pfarrer mittendrin.