Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein unterschätzter Beruf - Familienpflegerin

Die Mutter muss die Schwangerschaft liegend verbringen – aber wer kümmert sich um die älteren Kinder und den Haushalt? Ein Fall für die Familienpflege. Doch mittlerweile mangelt es an Nachwuchs für diesen Beruf. Einige wollen das mehr in den Blick rücken.

Foto: Parenti Pacek, pixabayFoto: Parenti Pacek, pixabay

Haushalt, Kinderbetreuung, Beruf, pflegebedürftige Eltern – der Alltag vieler Familien ist komplett durchgetaktet. Was aber, wenn ein Elternteil ausfällt? Idealerweise kommen dann Familienpflegerinnen ins Haus und helfen genau da, wo Not an der Frau oder am Mann ist. Tatsächlich gibt es aber immer weniger von ihnen. Jetzt befasste sich im Rahmen der landeskirchlichen Familienwoche eine Podiumsdiskussion der Evangelischen Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal mit der „Zukunft der Familienpflege“.

„Wie kann der Beruf der Familienpflegerinnen und Familienpfleger auch in Zukunft attraktiv gestaltet werden?“, fragte sich eine prominente Runde in der Herrenberger Mutterhauskirche: Professor Christel Althaus vom Landesfamilienrat, Reinhard Ernst von der Leonberger Sozialstation, Birgit Hannemann von der katholischen Einrichtung „Zukunft Familie“ Stuttgart und Gabriele Hönes vom Diakonischen Werk. Michael Köhler nahm als fachlicher Vorstand für die veranstaltende Evangelische Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal teil und Florian Wahl als SPD-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Sozialausschusses. Sechs Fachvertreter, die sich schon mal einig waren: Familienpflege ist wichtig. Das habe das Corona-Jahr nur noch verdeutlicht.

Brigitte Schäfer ist Leiterin der Evangelischen Berufsfachschule für Haus- und Familienpflege, eine von zwei verbliebenen, staatlich anerkannten Ausbildungsstätten in Baden-Württemberg. Sie berichtete von einem vielseitigen Beruf, dessen Fachkräfte mittlerweile auch dort zum Einsatz kommen, wo Menschen mit Unterstützungsbedarf in so genannten „familienähnlichen Systemen“ zusammenleben – in Wohngruppen für Menschen mit Behinderungen oder Demenz, Pflegeeinrichtungen sowie Einrichtungen der Jugendhilfe oder Kinderbetreuung.

Offen und flexibel muss man sein

Die dreijährige Ausbildung werde von drei Säulen getragen: Hauswirtschaft mit den Fächern Ernährungslehre und Haushaltsführung. Pflege mit Gesundheitslehre, Krankenpflege, Säuglingspflege und Psychiatrie. Und Erziehung mit den Fächern Pädagogik, Soziologie, Psychologie, Musik und Werken. Dazu kommen in Korntal noch die Fächer Berufs- und Rechtskunde, Deutsch und Evangelische Religion. Das klinge nicht nur komplex, sagte Schäfer, das sei es auch.

Denn die Familienpflegerinnen kommen in Ausnahmesituationen in die Familien, müssen dort nicht nur vielseitig einsetzbar sein, vom Wäschewaschen bis zur Pflege, sondern sich auch mit Augenmaß in die Familien hineindenken. Dazu gehöre Offenheit und Fingerspitzengefühl ebenso wie die Fähigkeit, Grenzen zu setzen. Denn die Familienpflegerinnen sollen ja dafür sorgen, dass der Familienalltag wieder in geordnete Bahnen zurückfinden kann. Oder, falls nicht, herausfinden, welche Maßnahmen die Situation der Betroffenen verbessern könnten.

All dies werde in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, beklagte die Runde, und es fehlten auch entsprechende gesetzliche Richtlinien, die dafür sorgten, dass die Familienpflegerinnen mit ihren spezifischen Qualifikationen fair entlohnt würden. Ohnehin sei die Finanzierung ein Problem: Es sei nicht unüblich, dass die Pflegedienste mit ihrer Kernkompetenz die Familienpflege gegenfinanzierten. Was auf lange Sicht dazu führen könne, dass sich der Anbieter ganz aus der Familienpflege verabschiedet.

Außerdem sorge der hohe bürokratische Aufwand regelmäßig für Frust: „Es ist schlimmer als jede Steuererklärung“, brachte es Gabriele Hönes auf den Punkt. Klar müsse die Bedürftigkeit geprüft werden, „aber die Familien kommen in einer Notsituation auf uns zu. Da muss man sofort helfen – und nicht erst in ein paar Wochen, wenn der Antrag bei der Krankenkasse durch ist.“ Birgit Hannemann berichtete von einem bischöflichen Sonderfonds, der auf katholischer Seite in solchen Notfällen zum Einsatz komme. „So einen Fonds bräuchten wir auch!“, zeigte sich ihre evangelische Kollegin beeindruckt.

Auf dem Podium: Christel Althaus, Reinhard Ernst, Birgit Hannemann, Gabriele Hönes, Michael Köhler und Florian Wahl (von links). Foto: Susanne Müller-BajiAuf dem Podium: Christel Althaus, Reinhard Ernst, Birgit Hannemann, Gabriele Hönes, Michael Köhler und Florian Wahl (von links). Foto: Susanne Müller-Baji

Es war aber an diesem Abend auch spürbar, dass es in der Runde quasi zum Berufsbild gehört, Probleme tatkräftig anzugehen. So möchte man nun in unterschiedlichen Gremien und auch bei den Krankenkassen darum werben, dass die Aufgabe der Familienpflege bewusster wahrgenommen werde.

Kinder können so in der Familie bleiben

Christel Althaus schlug vor, das Gespräch mit der Agentur für Arbeit zu suchen. Das geringe Interesse am Beruf des Familienpflegers habe vielleicht auch damit zu tun, dass der bei den Berufsberatern selbst zu wenig bekannt sei. „Wenn in den Gesprächen immer nur der Heilerziehungspfleger kommt, muss man sich nicht wundern, warum die Ausbildung so wenig nachgefragt wird.“

Und noch ein spannender Gedanke entstand im Gespräch: Anstatt immer die Kosten für die Familienpflege im Auge zu haben, sollte man doch vielmehr ermitteln, wie viel Geld durch die Familienpflege gespart werde. Einfach dadurch, dass die Kinder in den Familien bleiben können. Abgesehen davon, dass sich menschliches Leid gar nicht in harte Zahlen pressen lässt.

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Brigitte Schäfer ist Leiterin der Evangelischen Berufsfachschule für Haus- und Familienpflege, eine von zwei verbliebenen, staatlich anerkannten Ausbildungsstätten in Baden-Württemberg. Sie berichtete von einem vielseitigen Beruf, dessen Fachkräfte mittlerweile auch dort zum Einsatz kommen, wo Menschen mit Unterstützungsbedarf in so genannten „familienähnlichen Systemen“ zusammenleben – in Wohngruppen für Menschen mit Behinderungen oder Demenz, Pflegeeinrichtungen sowie Einrichtungen der Jugendhilfe oder Kinderbetreuung.

Offen und flexibel muss man sein

Die dreijährige Ausbildung werde von drei Säulen getragen: Hauswirtschaft mit den Fächern Ernährungslehre und Haushaltsführung. Pflege mit Gesundheitslehre, Krankenpflege, Säuglingspflege und Psychiatrie. Und Erziehung mit den Fächern Pädagogik, Soziologie, Psychologie, Musik und Werken. Dazu kommen in Korntal noch die Fächer Berufs- und Rechtskunde, Deutsch und Evangelische Religion. Das klinge nicht nur komplex, sagte Schäfer, das sei es auch.

Denn die Familienpflegerinnen kommen in Ausnahmesituationen in die Familien, müssen dort nicht nur vielseitig einsetzbar sein, vom Wäschewaschen bis zur Pflege, sondern sich auch mit Augenmaß in die Familien hineindenken. Dazu gehöre Offenheit und Fingerspitzengefühl ebenso wie die Fähigkeit, Grenzen zu setzen. Denn die Familienpflegerinnen sollen ja dafür sorgen, dass der Familienalltag wieder in geordnete Bahnen zurückfinden kann. Oder, falls nicht, herausfinden, welche Maßnahmen die Situation der Betroffenen verbessern könnten.

apple pie. Foto: Finn Bjurvoll Hansen, pixabayFoto: Finn Bjurvoll Hansen, pixabay

All dies werde in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, beklagte die Runde, und es fehlten auch entsprechende gesetzliche Richtlinien, die dafür sorgten, dass die Familienpflegerinnen mit ihren spezifischen Qualifikationen fair entlohnt würden. Ohnehin sei die Finanzierung ein Problem: Es sei nicht unüblich, dass die Pflegedienste mit ihrer Kernkompetenz die Familienpflege gegenfinanzierten. Was auf lange Sicht dazu führen könne, dass sich der Anbieter ganz aus der Familienpflege verabschiedet.

Außerdem sorge der hohe bürokratische Aufwand regelmäßig für Frust: „Es ist schlimmer als jede Steuererklärung“, brachte es Gabriele Hönes auf den Punkt. Klar müsse die Bedürftigkeit geprüft werden, „aber die Familien kommen in einer Notsituation auf uns zu. Da muss man sofort helfen – und nicht erst in ein paar Wochen, wenn der Antrag bei der Krankenkasse durch ist.“ Birgit Hannemann berichtete von einem bischöflichen Sonderfonds, der auf katholischer Seite in solchen Notfällen zum Einsatz komme. „So einen Fonds bräuchten wir auch!“, zeigte sich ihre evangelische Kollegin beeindruckt.

Es war aber an diesem Abend auch spürbar, dass es in der Runde quasi zum Berufsbild gehört, Probleme tatkräftig anzugehen. So möchte man nun in unterschiedlichen Gremien und auch bei den Krankenkassen darum werben, dass die Aufgabe der Familienpflege bewusster wahrgenommen werde.

Kinder können so in der Familie bleiben

Christel Althaus schlug vor, das Gespräch mit der Agentur für Arbeit zu suchen. Das geringe Interesse am Beruf des Familienpflegers habe vielleicht auch damit zu tun, dass der bei den Berufsberatern selbst zu wenig bekannt sei. „Wenn in den Gesprächen immer nur der Heilerziehungspfleger kommt, muss man sich nicht wundern, warum die Ausbildung so wenig nachgefragt wird.“

Und noch ein spannender Gedanke entstand im Gespräch: Anstatt immer die Kosten für die Familienpflege im Auge zu haben, sollte man doch vielmehr ermitteln, wie viel Geld durch die Familienpflege gespart werde. Einfach dadurch, dass die Kinder in den Familien bleiben können. Abgesehen davon, dass sich menschliches Leid gar nicht in harte Zahlen pressen lässt.