Christliche Themen für jede Altersgruppe

Eine Altarbibel von der Kaiserin

DENKENDORF (Dekanat Esslingen) – Studenten und ihre Theologieprofessoren entdeckten in Krakau eine Altarbibel, die Kaiserin Auguste Viktoria einst der evangelischen Kirche in Lipine gestiftet hatte. Jetzt soll das Buch an die Gemeinschaft evangelischer Schlesier gehen. 

Jörg Thierfelder blättert in der Altarbibel. Kaiserin Auguste Victoria hat eine Widmung hinein geschrieben.
Fotos: Ulrike Rapp-Hirrlinger

Eigentlich wollten die beiden Theologieprofessoren Jörg Thierfelder und Joachim Maier während einer Exkursion mit Studenten nur ein bisschen in einem Krakauer Antiquariat stöbern. Dort entdeckten sie eine Altarbibel von 1892 mit eigenhändiger Widmung der letzten deutschen Kaiserin Auguste Victoria (1858 – 1921).

„Das Buch stand ganz oben im Regal“, erinnert sich Thierfelder an den Fund im Jahr 1999. Als sie den ledergebundenen Band mit Eisenbeschlägen aufschlugen, waren die beiden elektrisiert. Nicht nur, dass es sich um eine deutsche Luther-Bibel handelte, begeisterte sie – vor allem die Inschrift zog sie in Bann. „Der evangelischen Kirche in Lipine zur Einweihung am 13. Oct. 1901. Joh 11,25. Wer an mich glaubet der wird leben, ob er gleich stürbe. Auguste Victoria I.R. (Imperatrix Regina)“ hat die Kaiserin in schwungvoller Handschrift auf das Vorsatzblatt des Buches geschrieben.

„Wir waren uns sofort einig, es zu kaufen“, erzählt Thierfelder. Viele Jahre verwendeten die beiden Theologen – Thierfelder evangelisch, Maier katholisch – die Bibel für ihre ökumenischen Hochschulgottesdienste. Seit beide im Ruhestand sind, bewahrt Thierfelder den Folianten bei sich in Denkendorf auf. Jetzt sei es Zeit, die Bibel in gute Hände abzugeben, sagt der 78-Jährige. Die Freunde haben beschlossen, sie an die Gemeinschaft evangelischer Schlesier zu übergeben. Dieser Verein habe es sich zur Aufgabe gemacht, das geistliche, geschichtliche und kulturelle Erbe der schlesischen Kirche zu bewahren.

Doch bevor die Bibel von Lipine in neue Hände kommen sollte, begab sich Thierfelder auf Spurensuche. Er erfuhr von der wechselvollen Geschichte des Örtchens Lipine, später Lipiny, einem Bergbaustädtchen zwischen Breslau und Kattowitz, das heute Swietochlowice eingemeindet ist und mal zu Polen, mal zu Deutschland gehörte. Die 1901 mit der Altarbibel der Kaiserin bedachte evangelische Kirche wurde bereits 1936 wegen Bergbauschäden abgerissen. „Heute gibt es dort keine evangelische Gemeinde mehr“, bedauert Thierfelder. So zerschlug sich auch die Idee, das Buch an seinen Ursprungsort zurückzugeben. „Wir fanden keinen Ansprechpartner.“ Auch darüber, wie die Bibel von Lipine im knapp 100 Kilometer entfernten Krakau landete, kann Thierfelder nur spekulieren.

Dass die Ehefrau von Kaiser Wilhelm II. Altarbibeln stiftete, sei häufiger vorgekommen, fand Thierfelder heraus. „Aber so eine persönliche Widmung ist doch etwas Besonderes.“ Auch die Aufmachung der Bibel ist aufwändig: Sie ist mit zahlreichen Stichen des Malers Heinrich Hofmann illustriert. Auguste Victoria sei eine sehr fromme Frau gewesen, sagt Thierfelder. Das bestätige auch eine Äußerung ihrer Schwiegertochter Kronprinzessin Cäcilie: „Diese Bibeln erscheinen mir immer wieder als lebendes Zeugnis ihrer Glaubensstärke und ihres Miterlebens mit ihrem geliebten Volke.“ Auch den Kirchenbau und soziale Einrichtungen förderte Auguste Victoria. Für Thierfelder ist die von der Kaiserin gestiftete Bibel auch ein Symbol für die damals enge Verbindung von Kirche und Staat, das „Landesherrliche Kirchenregiment“.

Was die Gemeinschaft evangelischer Schlesier mit der Bibel macht, weiß Thierfelder noch nicht: „Ich hoffe, dass sie nicht nur im Archiv verschwindet, sondern ausgestellt wird.“ Er denke, dass die Bibel wertvoll sei, „aber einen Verkauf haben wir nie erwogen“, sagt er.