Christliche Themen für jede Altersgruppe

Eine Anwältin der Armen

STUTTGART – Seit Sommer 2017 ist sie Diakoniepfarrerin in der Landeshauptstadt. Jetzt hat Gabriele ­Ehrmann die erste Vesperkirche in der Leonhardskirche geleitet.  Ein Besuch bei einer Frau, die überzeugt davon ist, dass Vesperkirche mehr bedeutet als nur die sieben Wochen im Winter.

Gabriele Ehrmann mag die Vesperkirche: „Wenn sie endet, fehlt etwas.“ (Foto: Werner Kuhnle)
 
Grimmig kalt ist es an diesem Donnerstagnachmittag Mitte Februar; die Sonne ist kaum zu sehen, es ist trüb. Vor dem Haupteingang der Leonhardskirche stehen ein paar Männer, einer von ihnen zündet dem anderen gerade eine selbstgedrehte Zigarette an. Als sie sehen, dass jemand in die Kirche will, machen sie bereitwillig Platz. Innen ist es warm, ein leicht säuerlicher Geruch steigt in die Nase. 50, 60 Menschen sitzen an Tischen und unterhalten sich.

Es ist in diesen Wochen der fast tägliche Arbeitsplatz von Gabriele Ehrmann. Die Diakoniepfarrerin ist irgendwo in der Kirche unterwegs; sie hilft überall, wo sie gerade gebraucht wird. Mitarbeiter Matthias hilft bei der Suche nach ihr. In der Sakristei, wohin  sich die Mitarbeiter zurückziehen können, ist sie nicht. „Sie war aber gerade eben noch da“, versichert eine der Mitarbeiterinnen.

Vesperkirche eben. Da kommt Gabriele Ehrmann auch schon, mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht. Sie schlägt vor, ins benachbarte Pfarramt hinüberzugehen, dort sei doch mehr Ruhe zum Gespräch. Denn in der Leonhardskirche wird sie immer wieder angesprochen. Von Mitarbeitern, von Gästen. „Heute haben wir 550 Essen ausgegeben“, erzählt Ehrmann im Pfarramt. Der Schnitt liegt bei 600. Dazu 1500 Tassen Kaffee und Tee. „Das ist schon ein mittelständischer Betrieb“, findet sie. Gerade ist Geschirrgeklapper zu hören. Ganz so ruhig ist es also auch im Pfarramt nicht. Die Spülmaschine, die für die sieben Wochen ausgeliehen wird, steht hier in der Garage.

Die Kritik, dass Vesperkirche keine nachhaltige Hilfe ist, lässt Gabriele Ehrmann nicht gelten. Denn sie sei immerhin auch eine Möglichkeit, die Gesellschaft auf Armut aufmerksam zu machen. Zudem habe die Vesperkirche mehrere Aspekte, meint die 57-Jährige. Zum einen natürlich, Menschen ganz konkret zu helfen. Zum anderen, sie auch teilhaben zu lassen an dem, was in der Gesellschaft als selbstverständlich gilt. Konzerte, Theater. Aber auch Friseur- und Arzttermin. Außerdem sei die Vesperkirche Anwalt der Gäste gegenüber der Politik. Dazu hat es in dieser Saison extra ein Gespräch mit vier Politikern und vier Langzeitarbeitslosen  vor einer kleinen Öffentlichkeit gegeben. Ungeschminkt berichteten die Arbeitslosen von ihrem Alltag. Und das habe die Lokalpolitiker nicht kalt gelassen. In der kommenden Vesperkirchen-Saison will Ehrmann mit genau denselben Politikern wieder ins Gespräch kommen – und fragen, was sich geändert hat.

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Als vierte Aufgabe der Vesperkirche sieht Ehrmann die „Diakonische Gemeinde“, wie sie das nennt. Die Besucher gehörten zur Gemeinde, als gleichberechtigte Gegenüber. In der Nähe ist der Klang von Martinshörnern zu hören – Gabriele Ehrmann schaut sofort aus dem Fenster. „Eine Vesperkirchen-Krankheit“, meint sie lapidar. Anscheinend hat der Alarm aber nichts mit ihrem Projekt zu tun. Erleichtert nimmt sie wieder Platz.

Kräftezehrend ist die Vesperkirchenzeit schon, findet Ehrmann. Aber auch  anregend. Vor allem die vielen Gespräche mit den Besuchern und den Teammitgliedern. Und irgendwie mache die Vesperkirche auch süchtig. „Denn wenn sie endet, fehlt etwas.“

Auch außerhalb der Vesperkirchensaison will die Diakonie-Pfarrerin verschiedene Schwerpukte ausbauen. Zum einen will Ehrmann Kirchengemeinden beraten, wie sie selbst ihr diakonisches Profil schärfen können. Dann will sie das Drogenproblem im Leonhardsviertel angehen und das Quartier weiterentwickeln – natürlich nicht im Alleingang, sondern mit der Stadtverwaltung, der Kirchengemeinde und weiteren Organisationen, die sich um Hilfe für Menschen kümmern. Und schließlich ist es ihr ein Anliegen, zusammen mit der Leonhardsgemeinde am Thema Armutsbekämpfung weiterzuarbeiten, und natürlich will sie weiter mit den Politikern im Gespräch bleiben.