Christliche Themen für jede Altersgruppe

Eine Frage der Zeit

Schon wieder ein Jahr vergangen – wo ist nur die Zeit geblieben? Diese Frage beschäftigt uns zunehmend, je älter wir werden. Die eigene Lebenszeit scheint immer schneller zu verrinnen. Doch gegen dieses Gefühl können wir etwas tun. Das sagt zumindest die Psychologin und Zeitforscherin Hede Helfrich, die sich auch mit unterschiedlichen Zeitvorstellungen der Kulturen beschäftigt. 



Warum das so ist, dafür gibt es vor allem zwei Gründe, sagt Hede Helfrich. Die Professorin und Lehrstuhlinhaberin für Psychologie und interkulturelle Kommunikation an den Universitäten Hildesheim und Chemnitz hat sich in ihren Forschungsarbeiten intensiv mit der „Psychologie der Zeit“ beschäftigt. „Unsere innere Uhr, eine Art Taktgeber im Zwischenhirn, läuft langsamer als die tatsächliche Zeit. Deshalb haben wir das Gefühl, die reale Zeit verläuft rasend schnell“, erklärt sie.

Mindestens genauso schwer wiegt jedoch die so genannte Ereigniszeit: „Wenn wir viele neue Eindrücke erleben, vergeht die Zeit wie im Fluge.“ So ist in der Kindheit und Jugendzeit das Leben noch ständig von neuen Ereignissen geprägt: Der erste Schultag, die erste Verabredung, der erste Urlaub ohne die Eltern. Im Alter hingegen wird alles Erlebte immer mehr zur Gewohnheit, die meisten Alltagsabläufe verlaufen routiniert. Es ereignet sich nicht mehr viel Neues. Und so schrumpft die Zeit im Rückblick.

Dagegen gibt es ein einfaches Rezept: Wer bereit ist, auch im höheren Alter eingefahrene Bahnen zu verlassen und neue, ungewohnte Erfahrungen zu sammeln, erlebt die Zeit intensiver. Und hat im Nachhinein das Gefühl, sie ist langsamer vergangen. Ein bislang unbekanntes Land bereisen, eine neue Sprache erlernen oder ein ungewöhnliches Hobby ausprobieren: All das kann eine Möglichkeit sein, aus der Routine des Lebens auszubrechen.

Doch ist es überhaupt erstrebenswert, die Zeit langsamer vergehen zu lassen? Nicht immer, sagt Hede Helfrich. Und verweist auf menschliche Ausnahmesituation wie etwa bei einem Unfall. Solche Ereignisse erleben wir oft wie in Zeitlupe, bedingt durch den Adrenalinstoß. Eine Art Selbstschutz, der jedoch meistens nicht viel bringt, da wir deshalb nicht unbedingt schneller handeln können. Doch auch sonst „ist es nicht immer angenehm, wenn die Zeit langsamer vergeht“, meint die Professorin.

Umgekehrt, sagt sie, „haben wir kein Zeitgefühl mehr, wenn wir eine Tätigkeit als überaus interessant erleben“. Daher solle man viel lieber die Aufmerksamkeit auf das Tun an sich richten, anstatt die Zeit anhalten zu wollen. Helfrich spricht in dem Zusammenhang vom so genannten Zeitparadoxon: Die Zeit, die wir in der Gegenwart als kurzweilig empfinden, erscheint in der Rückschau als länger.

Nicht nur deshalb ist der Drang des Menschen, Zeit einsparen zu wollen, oft zum Scheitern verurteilt. So haben etwa empirische Studien festgestellt, dass das am Arbeitsplatz weit verbreitete Multitasking den Zeitaufwand erhöht, anstatt verkürzt. Wer also möglichst viele Dinge gleichzeitig erledigen möchte, benötigt im Endeffekt für alles viel länger. „Man braucht jedes Mal eine neue Einstiegszeit, um wieder in der jeweiligen Tätigkeit drin zu sein und verschwendet dadurch viel Zeit“, beschreibt es Hede Helfrich.

Durch die modernen Kommunikationsmittel nimmt der Zeitdruck zu. Während frühere Zeitvorstellungen sich überwiegend nach den Zyklen der Natur richteten, oder nach zu erledigenden Aufgaben wie Jagd oder Ernte, geht es heute darum, jede Minute möglichst effektiv zu nützen.

Doch anstatt jeder einzelnen Sekunde hinterherzurennen, ist es ohnehin viel sinnvoller, Zeit bewusst ungeplant zu lassen und einfach zwischendurch nichts zu tun. „Leerlauf ist in Wirklichkeit gar kein echter Leerlauf – in dieser passiven Zeit sortieren sich die Gedanken unbewusst“, sagt Hede Helfrich. Das heißt, in der Zeit, in der wir scheinbar unproduktiv sind, „setzen und organisieren sich Eindrücke und Gedanken neu, und oft stoßen wir dann auf eine lang gesuchte Lösung“.

Zeit ist und bleibt für uns schwer fassbar. Auch, weil es für die Zeitwahrnehmung, anders als für das Sehen oder Hören, kein richtiges Sinnesorgan gibt. Die Zirbeldrüse, ein kleines Organ im menschlichen Zwischenhirn, nimmt zwar Einfluss auf unseren Tagesrhythmus, dient quasi als eine Art Haupttaktgeber. „Doch dieser funktioniert nur bei kurzen Zeitabschnitten“, erklärt Hede Helfrich. So ist in wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellt worden, dass nicht 24, sondern eher 25 Stunden vom menschlichen Körper als ganzer Tag empfunden werden. „Bei kurzen Zeiträumen funktioniert unsere innere Uhr, aber nicht bei längeren.“

Fest steht: Den Begriff der Zeit gibt es in allen Kulturen in irgendeiner Weise – doch der Umgang  damit unterscheidet sich teilweise erheblich. Pima-Indianer in Arizona haben einen so genannten Zeitball, eine Schnur, in die bei wichtigen Ereignissen ein Knoten gemacht wird. Im Hinduismus und Buddhismus wird Zeit als Kreis empfunden, im Christentum ist die Vorstellung davon eher linear.

Es gibt langsame und schnellere Kulturen, was beispielsweise anhand der Fußgängergeschwindigkeit bemessen wird. Diese sind zwar auch von den in dem jeweiligen Land vorherrschenden Temperaturen geprägt. Aber nicht nur das. „So wird beispielsweise in Ostasien eher gewartet, als bei uns in Deutschland“, hat Hede Helfrich beobachtet.

Die Wissenschaftlerin, die auch Gastprofessorin in China ist, erlebt das bei ihren Vorlesungen: Während in Deutschland bereits vor Ablauf der Seminarzeit die ersten Studenten unruhig werden und ihre Sachen einzupacken beginnen, üben sich chinesische Studenten in Geduld – und bleiben so lange sitzen, bis die Veranstaltung beendet ist. Egal, wie lange die Zeit überzogen wird.

Auch wenn es um langfristige Zukunftsplanungen geht, zeigen asiatische Kulturen mehr Ausdauer. Ein Beispiel: „China investiert etwa in die Wirtschaft afrikanischer Länder, da sie sich einen langfristigen Nutzen davon versprechen. Hingegen wollen Deutschland oder die USA möglichst schnell davon profitieren“, sagt Hede Helfrich. Trotzdem räume man in China der Gegenwart mehr Wert ein, als der Zukunft. Und in Deutschland, wohl auch aufgrund der Geschichte, habe die Vergangenheit eine größere Bedeutung als in den USA.

Zeit lässt sich also weder genau definieren, noch kontrollieren. Vielmehr ist Zeit „nicht die Summe von Tagen, Stunden, Minuten, Sekunden, sondern der Zusammenhang von Erfahrungen und Ereignissen“. So hat es auch Ute Hennige, Psychologin und Zeitforscherin der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, einmal formuliert. Die Professorin verweist auf Kleinkinder, die ihre ersten Zeiterfahrungen über die eigenen Körperfunktionen machen, dem Rhythmus von Essen und Schlafen. Wo der Zeitbegriff ganz fehlt, gibt es keine Vorstellungen von der eigenen Endlichkeit. „Erst das Konzept der irreversibel fortschreitenden Zeit bedeutet, dass das Leben nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende hat.“

Peter Buchau
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