Christliche Themen für jede Altersgruppe

Eine Frau geht ihren Weg - Margot Käßmann

Margot Käßmann ist wahrscheinlich die bekannteste Pfarrerin in Deutschland – auch wenn sie offiziell im Ruhestand ist. Geschichte geschrieben hat sie auf vielfältige Weise, nicht zuletzt damit, wie sie mit ihren eigenen Fehlern umging.

Weg, junge Frau, Foto: josealbafotos, pixabayFoto: josealbafotos, pixabay

Der Rücktritt 2010. „Ich weiß,“ sagt sie, „das ist den Leuten noch immer in Erinnerung.“ Die Alkoholfahrt, das Ende ihrer Laufbahn als EKD-Ratsvorsitzende und als Landesbischöfin. Es war ein tiefer Einschnitt, aber ihrem Ansehen hat es nicht wirklich geschadet.

Das hat auch damit zu tun, wie sie mit ihren Fehlern umgeht. Offen, direkt, mit klarem Blick für das, was zu tun ist. So wird aus der „Ächtung des Fehltritts eine Achtung für den Rücktritt“, wie es an einer Stelle einmal hieß. Sie setzt sich in eine Pressekonferenz, ihre vier Töchter in vorderster Reihe, und übernimmt die volle Verantwortung. Gegen den Strafbefehl legt sie selbstverständlich keine Rechtsmittel ein.

Margot Käßmann ist heute 63 Jahre alt. Eine Theologin, die in Deutschland Geschichte geschrieben hat. Und irgendwie immer noch schreibt. Alles was sie tut, ist von großem öffentlichen Interesse. Jedes Buch, das sie publiziert, wird ein Beststeller.

Sie spricht eine Sprache, die die Menschen erreicht. Die auch die hinhören lässt, die eigentlich nichts mit Kirche zu tun haben. Was Käßmann sagt, klingt irgendwie anders als das wolkige Geschwurbel mancher Kirchenoberen, bei denen man am Ende oft nicht weiß, was sie meinen.

Am liebsten redet sie Klartext

Vielleicht hat das alles auch mit ihrer Herkunft zu tun. Die Mutter war Krankenschwester, der Vater Kraftfahrzeugmechaniker. „Es war kein intellektuelles Milieu“, sagt sie im Rückblick. In Marburg wird sie am 3. Juni 1958 geboren, sie besucht dort das Gymnasium, legt 1977 das Abitur ab.

 

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Ihr erster Studienort ist Tübingen. Evangelische Theologie, vier Semester lang. So lernt sie Württemberg kennen, die Schwäbisch Alb, jobbt im Schwarzwald als Kuckucksuhrenverkäuferin. „Ich war sogar richtig gut“, erinnert sie sich lächelnd. Anschließend geht sie ins Ausland, nach Edinburgh, nimmt an Ausgrabungen in Israel teil. 1983 wird sie Vikarin in Wolfhagen bei Kassel. Da hat sie schon geheiratet. Die Ehe mit Eckhard Käßmann macht aus Margot-Renate Schulze 1981 Margot Käßmann. Das Paar teilt sich eine Pfarrstelle im nordhessischen Frielendorf-Spießkappel und bekommt vier Kinder. Eine Pfarrbiographie wie viele andere auch.

Margot Kaeßmann im Wandel der Zeiten: als Schuelerin. Foto: PrivatMargot Kaeßmann im Wandel der Zeiten: als Schuelerin. Foto: Privat

Margot Kaeßmann im Wandel der Zeiten: als junge Studentin. Foto: PrivatMargot Kaeßmann als junge Mutter. Foto: PrivatMargot Käßmann im Wandel der Zeiten: als Schülerin, Studentin und junge Mutter. Foto: Privat

Es sind die 90er-Jahre, in denen die junge Pfarrerin Karriere macht. Sie promoviert, bekommt Lehraufträge für Ökumene, wird Studienleiterin an der Akademie Hofgeismar und 1994 als erste Frau Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Nun ist sie auf der großen Bühne angekommen und findet Beachtung: eine junge engagierte Theologin, die es mit den Menschen kann und die mutig ihre Meinung äußert.

Im Juni 1999 schlägt ihre große Stunde. Die größte deutsche Landeskirche in Hannover wählt die erst 41-Jährige zur neuen Bischöfin. Eine kleine Sensation, zumal die lutherischen Hannoveraner als eher konservativ gelten. Knappe sieben Stimmen Mehrheit geben den Ausschlag, doch Käßmann überzeugt die Skeptiker bald.

Was folgt, ist eine äußerst intensive Zeit, an die sie sich gerne zurückerinnert: „Eine tolle Stimmung, Sie fahren von einem Festgottesdienst zum anderen und treffen auf Menschen, die sich schon ein Jahr lang auf Ihren Besuch freuen.“ Was die Leute nicht sehen, ist der prall gefüllte Terminkalender dahinter, die enge Vertaktung, die kaum Zeit für Privates lässt.

Käßmann ist nun so bekannt, dass auch dieses Private öffentlich wird. 2006 erkrankt sie an Brustkrebs, 2007 lässt sie sich scheiden. Mit beidem geht sie äußerst offen um, sagt auch, dass die Krankheit ihr geholfen hat, wichtige Lebensentscheidungen zu treffen. Das nötigt vielen Respekt ab. Ihre Landeskirche stärkt ihr den Rücken, vorbei die Zeiten, als man wegen einer privaten Trennung sein öffentliches Kirchenamt räumen muss.

2010 geht sie dann doch, obwohl es eigentlich keiner gefordert hatte: die Alkoholfahrt. Ein Jahr zuvor war sie zur EKD-Ratsvorsitzenden gewählt worden. Die erste Frau, die in Deutschland dieses Amt bekleidete. Eine Woge der Begeisterung und Sympathie begleitet sie, ein Aufbruch, ein Neuanfang, die Kirche bewegt sich, endlich! Ein wenig tragisch ist das Ende dann schon, „aber der Rücktritt war richtig“, sagt sie.

Danach verschwindet Margot Käßmann von der Bildfläche, wenn auch nur kurz. Sie geht nach Amerika, quartiert sich in ein Studentenwohnheim ein. Eine Lehrtätigkeit an der methodistischen Universität in Atlanta folgt. „Das war schön“, sagt sie, „und keiner hat mich gekannt.“

Die Zeit als Bischöfin war intensiv

Das ändert sich bald wieder. 2011 gelingt es dem neuen EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider, sie als Botschafterin für das Reformationsjubiläum zu gewinnen. Sie zögert nur kurz und geht anschließend so engagiert ans Werk wie eh und je. Luther mit Leben füllen und die Vergangenheit in die Gegenwart transportieren: Das macht ihr dann doch gehörig viel Freude.

Margot Kaeßmann, Autorin, Pfarrerin. Foto: epd-bildMargot Käßmann heute: Ganz ruhig geht es bei ihr auch im Ruhestand nicht zu. Foto: epd-bild

Sie genießt die weltweite Beachtung, die dem Jubiläum zuteil wird. „In früheren Zeiten war das immer so deutsch“, sagt sie, „und diesmal war alles so international und ökumenisch.“ Martin Luther lernt sie auf ganz neue Art und Weise kennen, ein Mann mit Stärken und Schwächen, der mit viel Mut und Begeisterung für seine Überzeugungen eintritt: Damit kann sie nun wahrhaftig gut leben.

2018 ist es vorbei. Das Reformationsjubiläum und ihre aktive Zeit als Pfarrerin. Ruhestand: Das Wort klingt bei Margot Käßmann wirklich ein bisschen lächerlich. Aber sie hat nun tatsächlich ein wenig mehr Zeit „für all die Dinge, die mir Spaß machen“. Dazu gehört Kinderbücher schreiben mit ihrer Tochter Lea, der Podcast mit dem Evangelischen Gemeindeblatt, die eine oder andere Predigt und auch mal ein Traugottesdienst.

Acht Jahre hat Margot Käßmann in Berlin gelebt und ist dann doch wieder nach Hannover zurückgezogen. Die Nähe zu den Töchtern und mittlerweile sieben Enkeln spielt eine Rolle. Ansonsten ist das Ferienhäuschen auf Usedom ihr Rückzugsort, ganz in der Nähe von jener Gegend, aus der einst ihre Mutter kam.

Margot Käßmann hat viel erlebt und auch viel Glück gehabt im Leben. Das letzte große Glück ist die Begegnung mit ihrer Jugendliebe Andreas Helm. Gemeinsam haben sie ein Buch geschrieben, auch weil sie anderen Mut machen wollen, das Leben beim Schopf zu packen.

In die Zukunft blickt sie deshalb voller Zuversicht, und das gilt auch für die Kirche: „Wir sollten uns nicht bemitleiden“, sagt sie, „sondern die Herausforderungen annehmen.“ Die Kirche werde sich verändern, aber sie werde immer noch gebraucht.

Ein bisschen mehr Gottvertrauen also und Offenheit für das was kommt. Damit hat Margot Käßmann die allerbesten Erfahrungen gemacht.

Buch-Tipp

Mit mutigem Schritt zurück ins Glück, Cover, M. KaeßmannMargot Käßmann und Andreas Helm: Mit mutigem Schritt zurück zum Glück.

Verlag Droemer Knaur, München,

192 Seiten,

20 Euro.

 

Ein Buch über eine Jugendliebe, die nach 40 Jahren erneut aufflammt. Die beiden sind heute wieder ein Paar.

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28, über den Webshop per E-Mail unter bestellung@evanggemeindeblatt.de