Christliche Themen für jede Altersgruppe

Eine große Fürsprecherin geht

Petra Ziegler hat das Evangelische Gemeindeblatt geprägt: 26 Jahre lang hat sie hier gearbeitet, 16 Jahre davon als Chefredakteurin. Nur ungern lassen sie die Mitarbeiter ziehen. Jetzt schlägt die Journalistin und Theologin noch einmal ein neues Kapitel in ihrem Berufsleben auf. 


Den Menschen freundlich zugewandt, selbst wenn es mal Tacheles zu reden gibt: Petra Ziegler.
(Foto: Werner Kuhnle) 


Eigentlich beantwortet Petra Ziegler bei einem Interview keine Fragen,  sondern stellt sie. Dass die langjährige Chefredakteurin des Gemeindeblatts an diesem Morgen selbst zur Auskunftsgeberin wird, irritiert sie nur kurz. Aber dann antwortet sie auf jede Frage überlegt und fundiert, nimmt zwischendurch einen Schluck Chai Latte oder schaut in ihren Unterlagen nach.

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Petra Ziegler ist eine Journalistin, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hat. Erst als Volontärin bei der Schwäbischen Zeitung, später als Redakteurin dort und beim Evangelischen Pressedienst in Frankfurt. Was sie aber nie übernommen hat, ist den in der Zeitungsbranche oft üblichen Zynismus. „Ich wollte mit Menschen und Themen in Kontakt kommen, deshalb bin ich Journalistin geworden“, sagt sie über ihre Berufswahl. Sie ist dabei Menschenfreundin geblieben.

„Wer ist es, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert“ (1. Petrus 3,13), ist Petra Zieglers Konfirmationsspruch. „Er ist mir zum Lebensmotto geworden. Das Gute steht für mich für Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit“, sagt sie. Ein Spruch, der nicht erst seit Trump und der Debatte um Fake-News das Konferenzzimmer jeder Redaktion zieren könnte.

Mehr als ein Vierteljahrhundert hat Petra Ziegler das Gemeindeblatt geprägt: erst als Redakteurin, dann als Chefin vom Dienst, die letzten 16 Jahre als Chefredakteurin. Jetzt wechselt sie zur Evangelischen Gesellschaft (eva) und arbeitet dort die Geschichte des Sozialunternehmens von den Anfängen bis heute auf. „Ich freue mich darauf, an einem Thema langfristig dranbleiben zu können“, sagt sie. „Das war im Wochenrhythmus einer Zeitung schwer möglich.“

Dafür hat sie beim Gemeindeblatt manch anderes möglich gemacht. Als erste Frau auf dem Stuhl des Chefredakteurs, als erste Nicht-Pfarrerin in der Redaktionsleitung. „Das hat damals schon für Wirbel gesorgt“, erinnert sie sich an das Jahr 2003. „Der Bischof hat viele Beschwerden bekommen wegen meiner Wahl. Aber er hat mich beglückwünscht.“ Auch bei der Leserschaft kam es gut an, dass die damals 46-Jährige die Leitung des Gemeindeblatts übernommen hat. „Eine ältere Leserin hat mir damals geschrieben: ‚Dass ich das noch erleben darf‘ – und dass sie selbst gerne Pfarrerin geworden wäre“, erinnert sich Petra Ziegler und greift zum Teeglas.

Pfarrerin wollte sie nie werden. Aber sie hat mit 26 Jahren begonnen, Theologie in Heidelberg und Mainz zu studieren und den Abschluss als Diplom-Theologin gemacht. Im liberalen Rhein-Main-Gebiet erlebte sie ihre religiöse Prägung noch einmal neu: „Dort galt ich immer als die Pietistin. Und tatsächlich habe ich gemerkt, dass ich frömmer bin, als ich gedacht hatte“, sagt sie und lacht.

Zu Studienbeginn war Petra Ziegler schon vier Jahre verheiratet. Als sie noch als Redakteurin in Ulm arbeitete, hat sie ihren studierenden Mann unterstützt, in Mainz sorgte er dann für den Unterhalt. „Ich habe einen tollen Mann geheiratet“, sagt Petra Ziegler. Einen aus Laichingen „von der Alb ra“, dort ist sie aufgewachsen. „Ich bin Älblerin durch und durch.“ Was sie damit meint, ist mehr als nur der Zungenschlag. Dazu gehörten auch Geradlinigkeit und Klarheit.

Gerade ein halbes Jahr war sie beim Gemeindeblatt, schon war sie Chefin vom Dienst. „Ich hatte immer das Glück, dass mir viele etwas zugetraut haben“, sagt sie über ihren Weg. „Meine Eltern haben mich zum Selbstbewusstsein erzogen. ‚Petra, Du kannst das‘, hieß es oft.“ Schwäbisch bescheiden verschweigt sie dabei, dass es für eine solche Karriere nicht nur wohlwollende Förderung von außen braucht, sondern auch Vermögen und Mut von innen. 26 Jahre Gemeindeblatt, das sind viele Aufreger, Schlagzeilen, Diskussionen, Auseinandersetzungen mit Pfarrern und Lesern. „Hier in Württemberg sind die Leute sehr kirchennah und interessiert, das habe ich immer genossen“, sagt sie. Der Gottesdiensttest im Gemeindeblatt war so ein Aufreger. Von „Wie können Sie nur, ein Gottesdienst ist kein Restaurant“ bis „Würden Sie bitte auch mal uns ­testen?“ reichten die Reaktionen.

„Wenn wir im Gespräch sind, dann liegen wir richtig. Wenn sich keiner beschwert, sind wir beliebig“, so hat Petra Ziegler ihre Aufgabe als Redaktionsleiterin verstanden. Als Vorbild zitiert sie den bayerischen Publizisten und Pfarrer Robert Geisendörfer: Christliche Publizistik soll Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen für die Sprachlosen. „Daran habe ich mich orientiert, das ist auch meine Maxime“, sagt sie.

Die Sprachlosen, die haben bei Petra Ziegler immer ein offenes Ohr gefunden. Manche Leser haben seelsorgerliche Probleme mit ihr besprochen, andere hat sie am Telefon an die richtigen Stellen vermittelt. Sei es an die Zuständigen im Oberkirchenrat oder an die passende italienische Gemeinde – als eine Leserin nachgefragt hat, wo denn in Rom eine evangelische Hochzeit möglich sei. In Italien kennt sich Petra Ziegler aus. Besonders  in den Waldensertälern im Piemont. Dort hat sie ein halbes Jahr mit ihrem Mann zusammen bei den Waldensern gelebt. Als eine Art unbezahltes Sabbatjahr sozusagen, mitten im Berufs­leben. Noch so ein neuer Weg, den sie damals gegangen ist.

Die Mitarbeiter des Gemeindeblatts lassen sie ungerne ziehen, dafür war sie als Chefin zu beliebt. Auf Augenhöhe bleiben in der Zusammenarbeit, bei Bedarf Tacheles reden, aber immer im Gespräch bleiben, das waren ihre Führungsleitlinien. Aber dass sie in Zukunft öfter ein freies Wochenende haben wird, weil keine 2000 Zeichen mehr zu schreiben sind bis zum ­Redaktionsschluss am Montag, das gönnen ihr alle von Herzen.