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Eine Kirche als Attraktion

Die Dresdner Frauenkirche steht gleich zweimal im Geschichtsbuch: als Musterbeispiel für steingewordenen Protestantismus und als bauliche Friedensmahnung. Ihr Wiederaufbau war umstritten. Dennoch wurde sie am 30. Oktober vor zehn Jahren wieder eingeweiht. Heute ist sie ein Touristenmagnet: Zwei Millionen Besucher kommen jedes Jahr. 


Frauenkirche Dresden. (Foto: epd-Bild)

Dieses Gotteshaus hat zwei Baugeschichten, und man weiß kaum, über welche man mehr staunen soll: Über das unbeirrbare Sendungsbewusstsein der Dresdner Protestanten und ihres genialen Baumeisters George Bähr, im 18. Jahrhundert die Gesetzmäßigkeiten von Statik und Kirchbauwesen neu zu definieren, um damit ihrem absolutistischen, katholischen Kurfürsten die Stirn zu bieten. Oder über die weltweite Solidarität nach dem Fall des Eisernen Vorhanges, die die Frauenkirche, wieder statisches und technisches Neuland betretend, 60 Jahre nach ihrer totalen Zerstörung wieder auferstehen ließ.

Dresden war um 1720 eine glanzvolle Metropole, die im absolutistischen Europa das meiste überstrahlte, was Könige, Kurfürsten, Grafen und Herzöge zur Mehrung des eigenen Ruhmes schufen. Der sächsische Kurfürst August I. wurde König von Polen, musste dazu aber katholisch werden.
Seine Sachsen aber blieben erzlutherisch, mehr noch: Die Konversion ihres Landesherren war ein Schock für die evangelische Stadtgesellschaft im Stammland der Reformation, der nach Protest und nach Selbstvergewisserung schrie.

So schuf Baumeister George Bähr einen idealtypisch protestantischen Kirchenbau, der 1743 fertig war: Im Zentrum des lichtdurchfluteten Zentralbaues stehen Kanzel und Altar, Wort und Sakrament. Von vielen der damals 3?200 Sitzplätze konnte man den Altar gar nicht oder nur eingeschränkt sehen, aber den Prediger hören konnte alle. Anstelle eines vom Kurfürsten gewünschten repräsentativen Hauptportals bekam die von Bürgern geplante und von Bürgern bezahlte Frauenkirche sieben gleiche Türen: Vor Gott sind alle Menschen gleich.

Bald wurde die Frauenkirche zu einem Symbol der Stadt. Aus einer Trutzburg des orthodoxen Luthertums wurde sie im 19. Jahrhundert zu einem nationalreligiösen Weiheort. Als die Preußen Dresden im Siebenjährigen Krieg beschossen, glitten die Kugeln an Bährs steinerner Kuppel ab, bis Preußenkönig Friedrich II. mit den Worten „Lass Er den Dickkopf stehen“ die Kanonade einstellen ließ.
Es bildete sich die Legende von der „Unzerstörbarkeit“ der Frauenkirche – ein tragischer Irrtum, wie sich im Februar 1945 zeigen sollte: Zwei Tage nach dem ersten der fürchterlichen alliierten Bombenangriffe auf Dresden fiel die ausgeglühte Kirche in sich zusammen. Über 40 Jahre lang blieben nur Mauerstümpfe und Schuttberge als stumme Friedensmahner.

Es bedurfte des vollständigen gesellschaftlichen Wandels in der Wendezeit, um Ressourcen für die Auferstehung der Frauenkirche freizusetzen. Am 12. Februar 1990 trat im Dresdner Hotel „Bellevue“ eine Handvoll Bürger vor die nur spärlich anwesende Presse, um ihre Vision vom Wiederaufbau der Frauenkirche kundzutun. Der weltweit renommierte Trompetenprofessor Ludwig Güttler gab dem „Ruf aus Dresden“ ein Gesicht.

Denkmalpfleger und kirchliche Bauexperten bezweifelten dagegen den Eigenwert eines fast komplett rekonstruierten Gebäudes und attestierten stattdessen der Ruine schützenswerten Denkmalcharakter. Erst das berühmte Wort des sächsischen Landesbischofs Johannes Hempel, es sei besser Wunden zu heilen als sie offen zu lassen, sorgte für den Umschwung.

Symbolisch begannen die Bauarbeiten im Februar 1993 mit der Aufstellung des ersten Turmdrehkranes. Nach gut elfeinhalb Jahren wurde das Kuppelkreuz aufgesetzt, im Oktober 2005 waren die Arbeiten mit der Kirchweihe beendet. Kostenpunkt: 182 Millionen Euro.

Grundlage des Wiederaufbaues war die archäologische Enttrümmerung der Kirchenruine: Man untersuchte und sicherte mit höchster wissenschaftlicher Akribie den Trümmerberg, der seit Kriegsende unverändert geblieben war, um möglichst viele Steine der alten Bausubstanz in den Neubau zu übernehmen. Alte Pläne, architektonische und fotografische Dokumentationen und Computermodelle gewährleisteten die Nähe zum Original.

„Auf den ersten Blick ist alles neu“, sagt Architekt Gottschlich. „Der zweite Blick offenbart die geheilten Wunden.“ Tatsächlich war es Anliegen der Frauenkirchenstiftung, auch den zwischenzeitlichen Untergang des Gotteshauses sichtbar zu machen. Die Altarmensa blieb zerstört, nicht jedes Dekor wurde vollständig ergänzt und nicht jede Figur farblich aufgehübscht.

Auf dem Altar steht das geschmiedete Nagelkreuz aus Coventry. Manche Veränderung, wie etwa die Anlage der modernen Funktionskeller oder die Einziehung von Stahlträgern zur Verbesserung der Statik, bleibt den Besuchern verborgen.
In der wiederaufgebauten Frauenkirche ist der Andrang von Gästen aus aller Welt mitunter so groß ist, dass man hier ein eigenes Kommunikationsformat eingeführt hat, den „Impuls“. Er wird alle halbe Stunde gesprochen, dauert nur ein paar Minuten und ist eine Mischung aus Andacht light und schneller Kirchenführung. „Da beruhigen sich die Massen“, erklärt Pressesprecherin Grit Jandura. Anderswo kontert man allzu großen Andrang mit Eintrittsgeldern. In Dresden gibt es keine Bezahlschranke, obwohl Betrieb und Unterhalt dieser Kirche nach Berechnungen von Architekt Gottschlich rund 3.000 Euro pro Tag kosten. Zwei Millionen Besucher kommen pro Jahr – das ist, wenigstens für evangelische Kirchbauten, Europa-Rekord. Neben den Gottesdiensten und Andachten ist vor allem die hochkarätige Kirchenmusik ein Magnet.

Die Frauenkirche ist eine reine Gästekirche; parochial gesehen steht sie auf Kreuzkirchen-Terrain und hat keine eigene Ortsgemeinde. „Wir sind eine Schnittstelle zwischen Kirche und säkularer Gesellschaft“, sagt Pfarrer Holger Treutmann. Er weiß, dass er häufig zu Leuten predigt, die einem Pfarrer sonst nicht oder nur selten zuhören.

Fasziniert ist er vor allem vom internationalen Versöhnungsgedanken, der den Wiederaufbau getragen hat und auch in der Gegenwart eine zentrale Rolle spielt. Bei der „peace academy“ (Friedensakademie) etwa treffen sich einige hundert junge Leute, zuletzt aus der Ukraine und Russland, um miteinander zu diskutieren. Junge Palästinenser besuchen die örtliche Synagoge. Die Frauenkirche steht für protestantische Architektur, natürlich, aber sie steht aufgrund ihrer besonderen Geschichte auch für Frieden und Toleranz, für Freiheit und Demokratie.

Es gibt aber noch ein Alleinstellungsmerkmal, sagt Treutmann: „Die Frauenkirche spiegelt die Gebrochenheit des Lebens.“ Altes wurde total zerstört, Neues aus den Trümmern wieder aufgebaut – so erleben viele Menschen auch ihre eigene Biografie. Genau hier dränge es viele Menschen, über ihre eigenen Verletzungen zu reden.

Aus diesem Grund gibt es Alexander Karg. Normalerweise baut der zurückhaltende Ingenieur Straßenbrücken. Zweimal im Monat aber sitzt er für zwei Stunden in einer Seitenbank der Frauenkirche neben einem Schild „Seelsorge“ und wartet. Manchmal passiert gar nichts. Manchmal aber fließen schon nach wenigen Sätzen bei einem Gesprächspartner die Tränen, bevor er dann in der Taufkapelle mit seinem ganzen Sorgenpaket herausrückt – Trennung, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Tod, die ganze Palette des Menschlichen.

Karg hört dann vor allem intensiv zu, für die meisten bedeutet schon das einen Gewinn. Manchmal vermittelt er professionelle Beratungsstellen oder gibt den Besuchern einen Bibelvers oder ein Bonhoeffer-Wort mit. Es kommt vor, dass Gespräche einfach so versanden, manchmal aber, sagt Karg, spüre man, „dass es da einen seelischen Wandel gibt“: „Das ist mein Lohn.“

Es ist kurz vor fünf Uhr abends. Vor dem Hauptportal steht nun Lutz Pesler und verteilt Liederzettel. Vor allem aber verklickert der freundliche Küster den Menschen, die zur Kirche strömen, dass die Frauenkirche in den nächsten Minuten zum Andachtsraum wird, Besichtigung samt Umhergehen und Fotografieren unerwünscht. „Man muss aber auch mal rigoros sein, sonst ist das da drinnen wie im Bahnhof“, sagt Pesler. Drinnen erklingt inzwischen Bach, und die Zuhörer versuchen sich an einem Gemeindelied.

Dann übernimmt Siegfried Sachse das Wort. Er ist in Dresden aufgewachsen, er hat noch die alte Frauenkirche gesehen, dann, fast 50 Jahre lang, die trostlose Ruine. Und er hat den Wiederaufbau und die Neubelebung dieser Kirche mitgetragen, von Anfang an.

Sachse ist eine Art lebendes Frauenkirchen-Gedächtnis, er weiß viele Geschichten, in denen sich die schier unfassbare Auferstehung dieses Gotteshauses mit ihrem weiten Kranz aus Lebensgeschichten und Emotionen wie unter dem Brennglas widerspiegelt. Wie die Episode einer Dresdnerin, die nach Kriegsende in die USA ausgewandert war und nach Wiedereröffnung, im Schlepptau ihrer Enkelin, zurück in ihre Heimatstadt kam. Sie setzte sich unter Bährs gewaltige Kuppel, die einen direkten Blick in den Himmel ermöglicht, und wollte nicht mehr aufstehen, für Stunden: „Diese Kirche noch einmal zu sehen: das war für sie ein Abschluss ihres Lebensweges.“

Johann Sebastian Bach
Messe in H-moll
Carus Vlg.
DCD
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