Christliche Themen für jede Altersgruppe

Eine Kirche öffnet sich

Die Stadt Tuttlingen an der Donau und die evangelische Stadtkirche passen gut zusammen. Die Kirche hat sich geöffnet und sorgt mit Ausstellungen, Konzerten und Diskussionen für Aufmerksamkeit. Am 9. September findet dort der Glaubensweg des Gemeindeblatts statt.  Von Petra Ziegler

Die Stadtkirche hat eine eindrucksvolle ­Säulenhalle. Foto: Pressebild/Stadt Tuttlingen

An einem Dienstag im Juli: Es ist heiß, mancher ist froh, in der Tuttlinger Stadtkirche etwas Kühlung zu finden und folgt deshalb gerne dem Schild „Kirche geöffnet“. Drinnen ist es dann tatsächlich kühler als draußen, auch dunkler, aber es ist auch laut. Nicht unangenehm laut, es sind fröhliche Kinder, die den Kirchenraum beleben. Einer Schulklasse wird gerade die Kirche erklärt. Kinder stehen staunend in dem hohen Gebäude mit den langen, stolzen Säulen. Pfarrerin Philine Blum berichtet von den Kinderbibeltagen und dass die Kinder diesen Kirchenraum mögen.

Überhaupt ist es lebhaft an diesem Nachmittag in der Stadtkirche. Ein Handwerker ruft nach dem Pfarrer. Für den Abend muss noch etwas vorbereitet werden. Und immer wieder kommen Frauen und Männer, die draußen das Schild „Ausstellung. Beziehung – Bewegung – Balance“ gesehen haben. Gerade werden Skulpturen von dem Bildhauer Frank Teufel gezeigt. Der Steinbildhauer ist in Tuttlingen geboren, ist von Beruf Steinmetz und hatte zuerst Grabsteine gemacht. Jetzt arbeitet er abstrakt, gern mit weißem Stein, am liebsten mit Marmor. Die weißen Skulpturen kommen gut in der dunklen Kirche zur Geltung.

Die Ausstellung ist kein Zufall. Jens Junginger, der jetzt sieben Jahre Pfarrer an der Stadtkirche war, hat sie bewusst gewählt. „Kirche in der Stadt“ lautet sein Motto. Doch es ist mehr als ein Motto. So etwas sei nicht zu verordnen, sondern ein Prozess, den man vorantreiben muss. Kirche zu öffnen, das meint Jens Junginger nicht nur wörtlich, sondern auch im übertragenen Sinn. In der Kirche finden nicht nur Gottesdienste statt, sondern auch Ausstellungen und Vorträge. Deshalb arbeitet er auch mit der Volkshochschule, mit Vereinen und verschiedenen Einrichtungen zusammen.

Der Pfarrer ist immer wieder davon beeindruckt, was für eine schmucke und auch moderne Kirche sich die Tuttlinger vor 200 Jahren geleistet haben. Der ungewöhnliche Innenraum ohne Chor erinnert mit seinen marmorierten Säulen eher an einen Konzertsaal als an eine Kirche. Deshalb kann dieser Raum auch so vielfältig genutzt werden.

Offene Kirche heißt auch, dass immer jemand von der Kirchengemeinde da ist, einen Kirchenführer oder Postkarten verkauft oder zum Reden zur Verfügung steht. Für Jens Junginger gehört das zu Gastfreundschaft dazu. Die geöffnete Kirche ist wichtig in einer Zeit, in der es immer weniger Kirchenmitglieder gibt, und die Kirche immer unwichtiger zu werden scheint, mancher nur noch zu Hochzeiten und Taufen eine Kirche betritt. Tatsächlich ist wenig oft viel. Das Schild „Kirche geöffnet“ lockt auch Fahrradfahrer an, die gerade den Donau-Radweg begonnen haben.
Die Gesamtkirchengemeinde Tuttlingen hat 8200 Mitglieder. Sechs Pfarrer sind es derzeit, vier sollen es einmal sein. Typisch für viele Städte ist, dass sie wie Tuttlingen keine klassische Kirchengemeinde sind. Denn in der Innenstadt rund um die Stadtkirche wohnen vor allem ausländische Familien, die in den 60er-Jahren als Gastarbeiter in die Region gekommen sind.

Wer sich in der Stadtkirche engagiert, kommt oft aus anderen Gemeinden, tut dies aus einem eigenen Interesse: wegen der bewegten Kirchengeschichte, wegen der Musik oder wegen der Gemeinschaft. „Und für Kirche heißt das umgekehrt: Wir müssen auf uns aufmerksam machen“, sagt Jens Junginger. Auch das aufnehmen, was Menschen bewegt. Beim Tuttlinger Kirchentag 2015 gelang beides: mit einer Diskussionsrunde mit Christen und Muslimen in der Kirche.

Jens Junginger war 23 Jahre in der Region: in verschiedenen Kirchen sowie Industrie- und Sozialpfarrer. Im September wechselt er an die Martinskirche nach Sindelfingen. Die Herausforderung „Kirche in der Stadt“ zu sein, nimmt er mit nach Sindelfingen an seine neue Pfarrstelle.

Philine Blum, die den Gottesdienst beim Glaubensweg des Evangelischen Gemeindeblatts am 9. September hält, war zuletzt Studienleiterin am Ökumenischen Studienzentrum in Rom. Dort hat sie viel gelernt: „Was ich von Rom mitgenommen habe, ist die Grundhaltung zum Dialog.“

Immer wieder wurde sie gefragt, ob es nicht schwer war, Rom gegen Tuttlingen einzutauschen. Nein, sagt sie, sie war froh, als sie vor neun Jahren mit ihrem Mann und den kleinen Kindern ins grüne Tuttlingen kam. Endlich ein Gehweg, auf dem sie den Kinderwagen schieben konnte und der nicht mit Autos zugeparkt war. Die Luft ist besser, die Stadt ist nicht so laut.

Tatsächlich wirbt auch die Stadt Tuttlingen mit ihrer grünen Umgebung. Damit, dass man an der Donauversickerung den Fluss im Sommer zu Fuß durchqueren kann. Mit der Burgruine Honberg, deren Burghof ganzjährig offen ist und in dem im Sommer Konzerte stattfinden. Mit dem Spazierweg zum Mammutbaum. Mit dem parkähnlich gestalteten Donauufer mit Sitzterrassen, Bootsverleih und Liegewiese.

Die Donau in Tuttlingen ist ein Ausflugsort. Fotos: Pressebild/Stadt Tuttlingen


Die Donauversickerung bei Tuttlingen, genauer gesagt beim Luftkurort Möhringen, ist ein einzigartiges Naturphänomen. Die Donau versickert im Karstgestein um 183 Höhenmeter tiefer. Nach zwölf Kilometern Luftlinie und 60 Stunden kommt sie im Aach­topf, der größten Quelle Deutschlands, nach 60 Stunden wieder zum Vorschein. Über den kleinen Fluss Aach gelangt das Wasser in den Bodensee und weiter über den Rhein in die Nordsee. Die Donau fließt jedoch auch in die andere Richtung und mündet ins Schwarze Meer. Flussbifurkation wird das in der Fachsprache genannt.

Wirtschaftlich geht es der Stadt gut. Dazu tragen nicht zuletzt die 400 Medizintechnik-Unternehmen bei, die in der Region angesiedelt sind (siehe Seite 7). Pfarrer Jens Junginger ist in seiner Zeit in Tuttlingen deshalb eher Handwerkern begegnet und selten Menschen aus dem Bildungsbürgertum. Kirche und Wirtschaftsstandort Tuttlingen passen zusammen.

Das Kirche sich ständig erneuert muss, wurde im Reformationsjahr deutlich. Dass das auch gemacht wird, da ist der Pfarrer zuversichtlich: „Freude an der zukunftsorientierten Gestaltung einer Kirche der Reformation ist jedenfalls da.“ Das ist eine gute Basis.

 

Das Programm des Glaubenswegs

 

Vor dem Gottesdienst bietet die Kirchengemeinde Kaffee und Wasser vor der Stadtkirche an (die Kirche ist in der Fußgängerzone, Bahnhofstraße).
10 Uhr: Gottesdienst in der Stadtkirche mit Pfarrerin Philine Blum, Kirchenmusikdirektor Helmut Brand und Petra Ziegler.
11.30 Uhr: Die evangelische Kirche in Tuttlingen, Informationen von Pfarrerin Philine Blum (in der Stadtkirche).
Ab 12 Uhr: Mittagessen. Vor der Kirche wird gegrillt (Steaks, Würste, Käse, dazu gibt es Kartoffelsalat; Kaffee und Kuchen). Zeitgleich: Führungen durch die Stadtkirche mit der Kunsthistorikerin Anne Schaich
Ab 13 Uhr: Stadtführungen und Turmbegehung.
Am Nachmittag: Orgelführung und gemeinsames Singen mit Kirchenmusikdirektor Helmut Brand. Führung im Besucherzentum der Firma Karl Storz (Dr.-Karl-Storz-Str. 43; Shuttle-Bus von der Stadtkirche bis zum Besucherzentrum). Hier präsentiert das Familienunternehmen modernste Medizintechnik, vor allem aus der Welt der Endoskopie.
16 Uhr: Schlussandacht in der Stadtkirche mit Petra Ziegler und Kirchenmusikdirektor Helmut Brand.
Karten für Führungen und Mittagessen erhalten Sie beim Gemeindeblatt-Stand vor der Stadtkirche.