Christliche Themen für jede Altersgruppe

Eine Studie, die aufwühlt

Selten sorgte eine Studie für so viel Aufruhr wie jenes Freiburger Zahlenwerk, das den Kirchen bis 2060 eine Halbierung ihrer Mitgliedszahlen voraussagt. Die Landessynode setzte sich nun bei ihrer Sommer­sitzung mit der düsteren Prognose auseinander. Mit durchaus kontroversen Meinungen, die von „längst überfälligem Weckruf“ bis zu „völlig unnötigem Wirbel“ reichten. 

Wie sieht der Rettungsplan für die Kirche aus? In der Landessynode gab es viele Vorschläge, aber auch die Mahnung, nicht in Aktionismus und Panikmache zu verfallen. (Foto: epd-bild)

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Katholische Bischofskonferenz hatten beim Forschungszentrum Generationenverträge (FZG) der Universität Freiburg eine Mitglieder- und Kirchensteuerstudie in Auftrag gegegen. Sie schlug weit höhere Wellen, als man das zunächst erwarten konnte.
Das liegt einerseits am Umfang des prognostizierten Mitgliederrückgangs (50 Prozent), andererseits an den Gründen, die dafür verantwortlich sind: Anders als bisher angenommen, ist daran nämlich nicht nur der demografische Wandel schuld, sondern auch die vielen Austritte und ein verändertes Taufverhalten.

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Fabian Peters stellte die für die Landeskirche in Württemberg relevanten Ergebnisse nun bei der Sommersynode im Hospitalhof in Stuttgart vor. Der 32-Jährige gehört zu den Freiburger Wissenschaftlern, die das Werk auf den Weg brachten, außerdem ist er als Mitglied der badischen Landessynode mit den Problemen der evangelischen Kirche bestens vertraut.

Mit Vehemenz und deutlichen Formulierungen trug er die wesentlichen Punkte vor: Bis 2060 wird sich die Zahl der Mitglieder der Landeskirche in Württemberg halbieren und von derzeit zwei auf eine Million sinken. Das Kirchensteueraufkommen bleibt zwar dem Betrag nach etwa gleich, doch es ist inflationsbereinigt nur noch die Hälfte wert.

Etwa für die Hälfte des Mitgliederverlustes ist die Bevölkerungsentwicklung verantwortlich: Es sterben mehr Evangelische als geboren werden, die Zahl der Kinder ist generell geringer als die der alten Menschen. Wenn irgendwann die geburtenstarken Jahrgänge auch weg sind, bekommen das die Kirchen zu spüren, von der Migration über die Grenzen profitieren höchstens die Katholiken, nicht aber die Evangelischen.

Die dürfen sich wenigstens darüber freuen, dass bei ihnen viermal mehr Menschen jährlich eintreten als bei den Katholiken. Doch das ist nur ein schwacher Trost angesichts der Tatsache, das ein Vielfaches davon jährlich austritt. In Württemberg genauso wie in anderen Landeskirchen.

Das gefährlichste Alter liegt dabei zwischen dem 20. und 34. Lebensjahr. „Sobald die Leute ins Erwerbsleben eintreten und der erste Kirchensteuerbescheid kommt, reagieren sie“, sagt Fabian Peters. Natürlich nicht alle, aber überdurchschnittlich viele. Rund ein Viertel der Mitglieder geht so verloren, mit der fatalen Folge, dass die, die dann ausgetreten sind, zumeist auch keine Kinder mehr haben, die sie taufen lassen.

Ohnehin hat sich das Taufverhalten verändert: Längst lassen nicht mehr alle evangelischen Eltern ihre Kinder automatisch taufen. Sodass nicht automatisch jedes Kind eines evangelischen Vaters oder einer evangelischen Mutter auch evangelisch ist. Immerhin 90 Prozent werden in Württemberg noch in den ersten drei Lebensjahren getauft, hinzu kommt eine steigende Zahl von Taufen im Rahmen der Konfirmation.

Dieses Phänomen gehört zu den Hoffnungszeichen, die Fabian Peters ausmacht. Ebenso die Phase zwischen dem 16. und 20. Lebensjahr, in der fast niemand aus der Kirche austritt. Etwa die Hälfte des Mitgliederverlustes geht auf die Demografie zurück, der Rest aber auf beeinflussbare Faktoren. Peters Fazit: „Etwa 100.000 Mitglieder sind Ihr Spielraum.“ Von den prognostierten Verlusten könne man bei entsprechender Anstregung also etwa zehn Prozent verhindern.

Dass die Studie aufwühlt, wurde an der Zahl der Wortmeldungen in der Synode deutlich: Rund 20 Rednerinnen und Redner gingen ans Mikrofon. Zuerst die Sprecher der Gesprächskreise, die zu durchaus unterschiedlichen Schlüssen kamen: So sprach Elke Dangelmaier-Vin¸con (Offene Kirche) von einem „längst überfälligen Weckruf“, warnte jedoch gleichzeitig, in Aktionismus zu verfallen. Eher gehe es um eine gute Wahrnehmung: „Wir müssen genau hinschauen, wo wir den Kontakt verlieren.“

Auch Ralf Albrecht (Lebendige Gemeinde) plädierte dafür, die Studie „wirken zu lassen“. Gleichzeitig warnte er davor, angesichts der Zahlen „zu erstarren“. Es gebe viele Herausforderungen, auch für den Pfarrdienst und das Ehrenamt, doch auch Grund genug, mit Gottvertrauen in die Zukunft zu blicken.

Tobias Wörner (Kirche für morgen) sah in der Studie eine Herausforderung und Einladung zugleich. „Öffnen wir uns für weitere Milieus und kümmern wir uns vor allem um junge Erwachsene.“ Generell sprach er sich dafür aus, zehn Prozent der Gelder und Personalressourcen für Zukunftsprojekte zur Verfügung zu stellen: „Nicht den Untergang verwalten, sondern aufbrechen“ lautete seine Devise.

In eine gänzlich andere Richtung ging Ernst-Wilhelm Gohl von „Evangelium und Kirche“: Er kritisierte die Studie als solche und den Wirbel, den sie verursacht habe: „Das steht in keinem Verhältnis zum Nutzen.“ Den hält er ohnehin für gering, zumal alles, was darin gesagt werde, längst bekannt sei. Stattdessen führe sie zu „Frust und Verunsicherung“ und sei obendrein methodisch fragwürdig: „Seriöse Prognosen sind nur auf kurze Sicht möglich“, nicht aber bis 2060.

Eine Vielzahl von Wortmeldungen folgte, die allesamt zeigten, dass es nicht so ganz leicht fällt, mit den Ergebnissen einer solch düsteren Vorhersage umzugehen. So regte Willi Beck (Kirche für morgen) die Gründung neuer Gemeinden an, was Martin Plümicke (Offene Kirche) wiederum strikt ablehnte: „Die Idee läuft ins Leere.“ Plümicke widersprach auch Ernst-Wilhelm Gohl und seiner Generalkritik an der Freiburger Studie: „Wir dürfen es uns da auch nicht zu einfach machen.“

Viele Wortmeldungen betonten die Bedeutung von Beziehungen in der Gemeindearbeit. Die Familienarbeit müsse gestärkt (Siegfried Jahn) oder ein Geburtstagsbrief an die versandt werden, die 18 Jahre alt werden (Franziska Stocker-Schwarz). Matthias Hanßmann regte die Möglichkeit einer befristeten Kirchensteuerbefreiung an und Wilfried Braun, doch einfach mal auf die Ressourcen zu schauen, die da sind: So habe sich in seiner Gemeinde ein Spieleabend etabliert oder ein Team für den Weihnachtsmarkt gefunden, weil Menschen da waren, die es wollten. Braun kritisierte, „dass wir Evangelische zu oft in die Extreme verfallen und entweder Schwarzmalen oder Schönfärberei betreiben“.

Am Ende hatte auch Fabian Peters noch einmal das Wort. Ein wenig erschüttert angesichts der zum Teil massiven Kritik, erkärte er: „Ich wollte keinem Angst machen und kein Untergangsszenario entwerfen.“ Die Studie zeige auch die jeweiligen Stärken auf, an die man anknüpfen könne, so etwa bei der Taufe oder bei der Konfirmation, in der viele offen für einen Kircheneintritt seien. „Ich wünsche mir eine Kirche, die hinschaut und die lernen will“, lautete sein Fazit.

Das allerletzte Wort in der rund zweieinhalbstündigen, angeregten Diskussion hatte dann Landesbischof Frank Otfried July: Er mahnte zur Gelassenheit und einer Wahrnehmung, die auf Untergangs- und Angstszenarien verzichte.

Für ihn sei die Studie Ausdruck einer Volkskirche im Wandel. Ob Kirche attraktiv sei oder nicht, die Frage habe sich in früheren Zeiten nicht gestellt: „Kirche war Teil der Tradition und gehörte selbstverständlich dazu.“

Das sei nun immer weniger der Fall, dennoch könne vom Ende oder von Verfall keine Rede sein: „Wir dürfen die Defizite nicht schönreden, sondern müssen sie als Fragestellungen aufnehmen.“ Statt Angst und Verzweiflung gehe es darum, die „produktive Freude des Glaubens“ wirken zu lassen. Sowie auf Jesus zu vertrauen, „der unser festes Fundament ist“.