Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Eine verfahrene Situation“ - Israelis und Palästinenser heute

Jitzchak Rabin suchte in seinen späten Jahren den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Wie ist die Lage heute? Das wollte Antje Schmitz von Tobias Kriener erfahren. Der Pfarrer ist Studienleiter in dem christlichen Dorf Nes Ammim. Seine Hoffnung ruht auf christlichen Schulen.

Betet für Frieden in Jerusalem. Foto: Heather Truett, pixabayFoto: Heather Truett, pixabay

Herr Kriener, wer hält in Israel die Erinnerung an Jitzchak Rabin wach?

Tobias Kriener: Überall wird an Jitzchak Rabin erinnert: In jeder Stadt gibt es einen Rabin-Platz oder eine Rabin-Straße. Die wichtigste Autobahn Nr. 6 heißt „Jitzchak Rabin Autobahn“. Es gibt einen eigenen Gedenktag für Rabin, an dem die Knesset zusammenkommt, eine Rabin-Gedenkbriefmarke und mehr. Bis vor ein paar Jahren gab es jedes Jahr im November am Samstag nach dem Datum seiner Ermordung eine Gedenkveranstaltung des „Friedenslagers“. Im Jahr 2017 stand diese Veranstaltung unter dem Motto „Wir sind ein Volk“. Zu den Rednern gehörte auch ein Siedler, und unter den Teilnehmern konnte man einen Aktivisten der Bewegung für die Errichtung des dritten Tempels an der Stelle des Felsendoms und der Al-Aqsa-Moschee ausmachen. Da war mir klar, dass das Gedenken an Jitzchak Rabin endgültig inhaltsleer und bedeutungslos geworden ist.

Sie leben in Israel. Wie nehmen Sie die aktuelle Situation zwischen Israel und Palästina wahr?

Tobias Kriener: Die Situation ist völlig verfahren. Sie ist gekennzeichnet von der fortschreitenden „schleichenden Annexion“ der palästinensischen Gebiete, vorangetrieben durch fortgesetzte Gewalt der Siedler gegen Palästinenser. Sie wird von den israelischen Sicherheitskräften, der Armee und der Polizei, nicht nur nicht behindert, sondern tatkräftig unterstützt.

Was gibt Hoffnung auf eine friedliche Koexistenz von Israelis und Palästinensern?

Tobias Kriener: Derzeit leider so gut wie gar nichts. Der israelische Ministerpräsident Naftali Bennett, Vorsitzender der Partei „Jamina“ (Nach Rechts), selber ein Siedler-Befürworter, hat unzweideutig klar gemacht, dass er den palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas nicht treffen und es keinen Verhandlungen mit den Palästinensern geben werde. Sein Stellvertreter Jair Lapid von der Mitte-Partei „Jesh Atid“ (Es gibt eine Zukunft) hat für sein Teil bekräftigt, dass es auch nach der geplanten „Rotation“ zur Mitte der Legislaturperiode, wenn er das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen soll, keine Verhandlungen mit den Palästinensern geben wird.

Wie stark ist die Friedensbewegung in Israel?

Tobias Kriener: Es gibt keine israelische Friedensbewegung mehr. An ihre Stelle sind israelische Menschenrechtsorganisationen getreten, die sich darum bemühen, wenigstens die Menschenrechtsverletzungen Israels in den besetzten Gebieten zu dokumentieren. Anfangs haben sie noch gemeint, durch ihre Arbeit das Verhalten des Militärs und der Politik beeinflussen zu können. Das haben sie inzwischen aufgegeben und setzen eher darauf, dass Israel durch internationalen Druck zu Veränderungen genötigt werden könnte.

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Welche Organisationen sind das?

Tobias Kriener: Die wichtigsten sind „Breaking the Silence“ (Das Schweigen brechen), „B’Tselem“ (Nach dem Bilde – das ist eine Anspielung auf die Schöpfung des Menschen in 1. Mose 1), „Rabbis for Human Rights“ (Rabbiner für Menschenrechte) und „Yesh Din“ (Es gibt Recht).

Wie können die christlichen Kirchen zu einem friedlichen Miteinander beitragen?

Tobias Kriener: Durch Unterstützung dieser Organisationen mit Spenden und durch Verbreitung ihrer inhaltlichen Arbeit. Durch Unterstützung der christlichen Schulen in Israel wie in den palästinensischen Gebieten, die fast ausschließlich von palästinensischen Kindern besucht werden.

Warum ist dies wichtig?Pfarrer Tobias Kriener setzt sich für die Verständigung zwischen Palästinensern und Israelis ein. Foto: privatPfarrer Tobias Kriener setzt sich für die Verständigung zwischen Palästinensern und Israelis ein. Foto: privat

Tobias Kriener: Aus drei Gründen. Erstens gehören diese Schulen zu den besten in der Region. Sie statten ihre Schülerinnen und Schüler mit den Fähigkeiten aus, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben und Wohlstand ermöglichen. Absolventen dieser Schulen werden weitgehend immun sein gegen Terrorismus. Zweitens lernen an diesen Schulen nicht nur christliche, sondern in der Mehrheit muslimische Schüler. Diese interreligiöse Erziehung ist von großem Wert für die Entwicklung einer friedensfähigen palästinensischen Gesellschaft. Drittens lernen Mädchen und Jungen an diesen Schulen gemeinsam und gleichberechtigt.

Gemeinsam und gleichberechtigt lernen

Diese Gender-Koeduktation ist von unschätzba-rem Wert für die Entwicklung einer friedensfähigen und fortschrittlichen palästinensischen Gesellschaft, denn das größte Hindernis für die Entwicklung – nicht nur in Palästina, sondern weltweit – ist die Diskriminierung von Frauen in patriarchalen Gesellschaften. Die christlichen Schulen in Israel und in Palästina sind meines Erachtens das größte Potential für die Zukunft der palästinensischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger Israels und für die besetzten Gebiete.

Können Sie Beispiele nennen?

Tobias Kriener: Die in Deutschland bekanntesten christlichen Schulen sind die katholische Schmidt-Schule in Jerusalem und die evangelische Schule „Talitha Kumi“ in Beit Jala. Die Kirchen können auch die „Hand-in-Hand-Schulen“ unterstützen. Es gibt in Israel neun bilinguale, binationale Schulen. Neben den Schulen in Beerscheba und Neve Shalom/Wahat al-Salam gibt es über das Land verstreut sieben „Hand-in-Hand-Schulen“. Diese neun Schulen sind die einzigen, an denen jüdische und arabische Kinder gemeinsam und in beiden Sprachen – Ivrit und Arabisch – unterrichtet werden. □