Christliche Themen für jede Altersgruppe

Einladung zum Gespräch - Klinik-Seelsorger

Mut machen auf dem Weg und den Menschen ein Begleiter sein: Das möchte Pfarrer Andreas Gruhn, der als Psychiatrie-Seelsorger im Klinikum in Winnenden arbeitet. Weil Patientinnen und Patienten wechseln, geht er regelmäßig auf die Stationen, um sich und seine Arbeit vorzustellen.

Andreas Gruhn, Winnenden, Seelsorger


Andreas Gruhn hat ein offenes Ohr für Patienten und Mitarbeitende in der Klinik in Winnenden.
Foto: Frank Eppler

Dienstagmorgen, 7.45 Uhr. Andreas Gruhn ist zu Gast in der Morgenrunde der Station für offenen Entzug im Zentrum für Psychiatrie in Winnenden. Der Pfarrer sitzt im Kreis mit 21 Menschen, junge, ältere, mehr Männer als Frauen. Sie erzählen davon, wie es ihnen gerade geht. Dann ist Gruhn an der Reihe. Er allerdings erzählt nicht von seinen Befindlichkeiten, sondern von seinem Beruf. „Ich bin hier als Seelsorger und Ansprechpartner für alle Fragen.“ Wer mit ihm das Gespräch sucht, brauche keine Angst haben: „Alles ist vertraulich. Ich lese vor dem Gespräch nichts über sie und ich schreibe hinterher auch nichts.“

Klinik-Seelsorger führen keine Akten

Das, erläutert er anschließend im Zweier-Gespräch, sei für seine Arbeit sehr wichtig. Denn ihm als Seelsorger könnten die Patienten einfach erzählen, ohne dass es dokumentiert wird. Wenn die Patienten hingegen ihrem Arzt etwas sagen, muss es aufgeschrieben werden. „Bei mir ist da mehr Freiheit.“ Und noch einen Unterschied hat Gruhn festgestellt: Wenn jemand berichtet, dass er Stimmen hört, fragt er den Patienten, was dieser mit den Stimmen macht. Zur Antwort bekommt er dann beispielsweise: „Ich red‘ mit denen, dann bin ich nicht allein.“ Ein Psychiater würde wohl eher erklären, dass diese Stimmen nur Gedanken sind. Gruhn versucht, die Menschen, die zu ihm kommen, zu verstehen – und hofft, dass diese sich durch seine Nachfragen dann auch selbst besser verstehen können.

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Ein Blick auf die Uhr, es ist schon kurz vor halb neun. Der nächste Termin ruft: Besuch in der nächsten Morgenrunde, diesmal auf der Station für Drogenentzug. Patienten warten im Gang, zwei Mitarbeiter des Zentrums für Psychiatrie schließen eine Tür auf, es geht eine Treppe hinauf in einen Raum unterm Dach. Zwölf Patientinnen und Patienten setzen sich auf Stühle, die im Kreis stehen. Zwei Mitarbeiter des Zentrums stellen das Programm der Gruppe für heute vor: Um 9.30 Uhr Spaziergang für alle, um 11 ist Sport, am Nachmittag eine offene Gesprächsgruppe mit Pfarrer Gruhn. „Wer Fragen hat, hat hier Platz“, wirbt Gruhn. „Ist die Teilnahme Pflicht?“ will einer der Patienten wissen. „Ja, da haben sie genau zugehört“, bestätigt Gruhn. „Ich hole sie ab.“ Auch hier stellt Gruhn das freiwillige Angebot zur Seelsorge vor, und hier, wie auch schon auf der Station zuvor, lädt er zur Andacht am Mittwochabend und zum Sonntagsgottesdienst ein.

Klinik-Seelsorger Gruhn: Ich bin nicht der Retter, sondern ich habe einen

Nach dieser Runde ist eine Stunde Pause, danach geht es zur Gesprächsgruppe in die Tagesklinik der Klinik für Suchttherapie. Später rührt Gruhn seine Werbetrommel auf der Station für Menschen mit chronisch psychischer Erkrankung. Dieses Mal geht es aber nicht nur um das Vorstellen seiner Arbeit, sondern auch um das Thema „Sinn und Sucht“. „Wieso habe ich einen Rückfall erlebt und wie kann ich das künftig verhindern?“ So und ähnlich lauten die Fragen, die heute von den Teilnehmern kommen. Gemeinsam erarbeiten sie mit dem Pfarrer zusammen mögliche Strategien.

Die Tage von Andreas Gruhn sind nicht immer so stark durchgetaktet wie heute. Dienstags besucht er unterschiedliche Stationen, um sich vorzustellen. An anderen Tagen hat er Zeit für Gespräche, für Seminare oder geistliche Angebote für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Klinikums, damit diese innerlich mal auftanken können. Oder für neue Angebote. Eine Idee ist das Singen mit älteren Demenzkranken. Wenn die nämlich die erste und zweite Strophe eines bekannten Kirchenliedes singen, dann kämen Erinnerungen an alte Zeiten hoch, und die Menschen würden von sich erzählen. Deshalb macht er heute außerplanmäßig Halt in der Station für Alterspsychiatrie. Seine Initiative stößt auf offene Türen.

Klinik-Seelsorger: Einfach da sein und über das unmittelbare sprechen.

Gerade, als Gruhn die Station verlassen will, wird er von einer Seniorin mit Rollator angehalten. Sie sei gestürzt, und seit die Blessuren verheilt sind, dürfe sie nicht mehr nach Hause, erzählt sie. Dort will sie aber wieder hin. „Und sie wissen gar nicht, wie ihnen geschehen ist, gell?“, fragt Andreas Gruhn. Er spricht der Frau Mut zu. „In diesen Situationen hilft es zu wissen, dass ich nicht der Retter bin, sondern einen Retter habe. Ich bin Begleiter auf dem Weg.“ Da hilft es, „einfach da zu sein und mit den Menschen über das zu sprechen, was sie unmittelbar angeht“, wie er es formuliert.

 

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