Christliche Themen für jede Altersgruppe

Emotionale Extreme - Chormusik von Felix Mendelssohn Bartholdy

Felix Mendelssohn Bartholdy hat geistliche Chormusik komponiert, die große Emotionen hervorruft: Das Oratorium „Paulus“ und das vom Propheten „Elias“. Die Faszination dieser Werke ist ungebrochen. Vor 175 Jahren, am 4. November 1847, ist der Komponist gestorben.

Felix Mendelssohn Bartholdy. Foto: public domainFelix Mendelssohn Bartholdy. Foto: public domain

In Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Paulus“ findet sich eine Sequenz, die immer wieder neu aufrüttelt, selbst wenn man dieses Stück oft erlebt hat. Es ist die „Damaskus“-Szene. Der jüdische Pharisäer Saulus ist im einen Augenblick ein Eiferer, der mit blinder Wut die Christen verfolgt. Als er dann die Stimme Gottes hört, wird er bekehrt, hat sein zum Sprichwort gewordenes Damaskus-Erlebnis und lebt fortan als einer der bedeutendsten Missionare.

Es sind solche Passagen, in denen sich die herausragende kompositorische Bedeutung Mendelssohns zeigt. Zu Beginn entfacht er, ausgehend von wild erregten Streicher-Figuren, ein orchestrales Toben. Wuchtig und mit großer Lautstärke donnert der Chor, der hier das wütende Abbild blanken Fanatismus ist, seine Rufe in den Saal. Auch der Bass-Solist, der den Saulus verkörpern soll, muss in opernhafter Weise mit kraftvoller vokaler Gestik agieren. Dann geschieht das biblische Wunder und die Stimme Gottes offenbart sich. Ein in lichte Höhen entrückter, körperlos wirkender Frauenchor durchbricht die aufgepeitschte Stimmung. Als Zuhörer hat man den Eindruck, der Himmel öffne sich an dieser Stelle und man werde Zeuge dieses Geschehens, das den Wandel vom Saulus zum Paulus einleitet.

Fragt man einen Künstler, der dieses Stück mehrfach am Dirigentenpult erlebt und in den Proben zuvor erarbeitet hat, dann spürt man in seinen Worten, dass hier etwas Metaphysisches stattfinden kann. Kay Johannsen, Kantor an der Stuttgarter Stiftskirche, meint: „Es gibt Vokalwerke, die über große Zeiträume immer wieder von Chören gesungen werden, beispielsweise von Mendelssohn. Was bei Aufführungen solch bekannter Musik in der Psyche von Ausführenden und Hörenden geschieht, dürfte nicht leicht zu ergründen sein. Ich vermute aber, dass manche Musik die Menschen ganz besonders tief ergreifen kann und dass deren kollektive Bekanntheit diese ‚Rührung‘ noch zu verstärken vermag. Die Stärke der Musik Mendelssohns sehe ich in ihrer Kraft, unmittelbar für die Zuhörenden erlebbar zu sein.“

Die Stimme Gottes offenbart sich

Das musikalische Talent wurde bei Felix Mendelssohn, der 1809 in Hamburg in eine wohlhabende bürgerliche Familie hineingeboren wurde, früh gefördert. Nach dem Umzug der Familie nach Berlin kümmerte sich zunächst die Mutter um den Musikunterricht. Dem Einfluss der Mutter ist auch eine interessante stilistische Mischung zu verdanken, wie der Musikwissenschaftler Raviv Herbst in seiner im Jahr 2012 entstandenen Dissertation zu den jüdischen Elementen im Werk Mendelssohns gezeigt hat. Auf der einen Seite kam Felix durch die Mutter in unmittelbare Berührung mit der Bach-Tradition: Großmutter und Großtante von Felix Mendelssohn waren Schülerinnen von Bach-Schülern und Bach-Söhnen. Hier wurde also eine kompositorische und musikpraktische Tradition weitergegeben.

Kay Johannsen. PressebildKay Johannsen (links) und Jörg-Hannes Hahn wissen um die Kraft der Oratorien von Mendelssohn. Fotos: Pressebild/ Martina Wörz, Brigola

Hört man sich einige Chorsätze im „Paulus“ oder dem „Elias“ an, fällt die Nähe zu Johann Sebastian Bachs „Matthäus-Passion“ auf, ein Werk, das Mendelssohn erstmals 1829 dirigierte. Obwohl die Familie Mendelssohn jüdischen Glaubens war, wurden die Kinder christlich getauft und erzogen. Auch die musikalische Bildung fand auf der Basis von Werken Bachs, Händels, Mozarts und Haydns statt.

Woher stammen also die jüdischen Elemente, die Anlehnungen an traditionelle synagogale Gesänge, die Raviv Herbst ausmacht? Der Musikwissenschaftler skizziert auf der anderen Seite einen Prozess der Assimilation und der kulturell-religiösen Durchmischung auf der künstlerischen Ebene. Er begründet dies mit dem mal bewussten, mal unbewussten akustischen Kontakt mit Melodien, seien sie teilweise auch nur Floskeln. Vor allem innerhalb der Familie von Mendelssohns Großmutter Bella Salomon wurde diese jüdisch-synagogale Kultur gepflegt. Das wiederum habe den kleinen Felix beeinflusst.

Genau dieses Dasein an der Grenze zweier Glaubensrichtungen war auch die Angriffsfläche für antisemitische Verunglimpfungen. Allen voran Richard Wagner polemisierte in giftiger Weise gegen Künstler jüdischer Herkunft wie Mendelssohn Bartholdy. Er blieb zwar jeglichen analytischen Beweises schuldig, diffamierte solche Kompositionen aber als „Verwirrung alles musikalischen Geschmacks“

Mendelssohn selbst tat sich – wie man aus schriftlichen Zeugnissen ableiten kann – mitunter schwer mit seiner religiösen Zuordnung. 1838 schreibt er in einem Brief: „Ich soll ein Frommer geworden sein?! Wenn man darunter meint, was ich unter dem Wort fromm denke, so kann ich nur sagen, ich bin es leider nicht geworden; aber ich arbeite jeden Tag nach Kräften daran, es zu werden.“ Auffallend ist, dass Mendelssohn zwei große Oratorien vollendet und ein drittes – den „Christus“ – beginnt, die ganz im Geist der protestantischen Kirchenmusik seit der Barockzeit stehen.

Passionen von Bach haben Pate gestanden

Bach hat hier mit seinen beiden großen Passionen unverkennbar Pate gestanden. Die antisemitischen Verunglimpfungen und die Verfemung in der nationalsozialistischen Diktatur haben keine Spuren hinterlassen, im Gegenteil: Felix Mendelssohn Bartholdy ist nach wie vor fester Bestandteil der evangelischen Kirchenmusik, wird regelmäßig aufgeführt, sei es im Gotteshaus oder im Konzertsaal.

Werke wie der „Elias“ mit ihrem opernhaften Gestus in geistlichem Gewand machen es den Zuhörern leicht. Die Anteilnahme am Geschehen, das Sich-Hineinfallen-Lassen in die Klangwelt und das hörende Empfinden und Durchleben der emotionalen Extremzustände stellen sich schnell ein.

Klassischer Chor. Foto: Thirdmann, pixabayKlassischer Chor. Foto: Thirdmann, pixabay

Für Laienensembles sind die kirchenmusikalischen Kompositionen Mendelssohns, dessen Todestag sich am 4. November zum 175. Mal jährt, zwar herausfordernd, aber auch dankbar. Jörg-Hannes Hahn, Kirchenmusikdirektor an der Lutherkirche und der Stadtkirche in Bad Cannstatt, reflektiert das so: „Mit Mendelssohns Musik verhält es sich so wie mit Bach’scher Musik: ohne Fleiß kein Preis. Wer Bachs Musik spielt oder mit einem Chor einstudiert, weiß um die Hürden, die sein Werk mit sich bringt – und Mendelssohn steht ihm nur um weniges nach. Die Profis im Orchester wissen, dass im ‚Elias‘ wirklich viele Noten in kurzer Zeit zu spielen sind und alles brillant musiziert werden muss. Und auch die Laienchöre haben rein technisch und mengenmäßig bei seinen Oratorien einige Hürden zu nehmen. Aber Mendelssohn schreibt sehr organisch für die Stimme, seine Musik ist fasslich und die Chorsätze sind durchaus farbenreich, von daher ist eine Einstudierung für alle eine Freude und man wird reich belohnt. Ich erinnere mich an viele beglückten Sängerinnen und Sänger nach den Aufführungen des ‚Paulus‘ und des ‚Elias‘ – jeder aus dem Chor wartet darauf, wann ich eines dieser Werke wieder auf das Programm setze!“

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