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Endlich gleichberechtigt - Evangelische Mission in Solidarität

Mission ist heute ein schwieriger Begriff. Auch die Evangelische Mission in Solidarität (EMS) hat einen langen Prozess der Veränderung hinter sich. Dieses Jahr wird sie 50 Jahre alt, als internationale Gemeinschaft von 28 gleichberechtigten Kirchen und Missionswerken in Deutschland und der Welt. Ihre Geschäftsstelle ist bis heute in Stuttgart.

Theologische Jubiläumstagung in Ghana 2021 mit Generalsekretär Dieter Heidtmann (Zweiter von links). Foto: EMS Theologische Jubiläumstagung in Ghana 2021 mit Generalsekretär Dieter Heidtmann (Zweiter von links). Foto: EMS

Irgendwann Mitte der 80er-Jahre hatte Habib Badr genug. Der Pastor der Evangelischen Kirche von Beirut und Vorsitzender der Schneller-Schule im Libanon saß als Zuhörer auf der Tribüne in Stuttgart, während unten über die Zukunft seiner Kirche entschieden wurde. Nicht mal eine richtige Übersetzung gab es. Das sollte eine Partnerschaft sein?

Rund 15 Jahre zuvor war in der Pfalz das „Evangelische Missionswerk in Südwestdeutschland“ (EMS) gegründet worden. Ein Zusammenschluss von sechs Kirchen und vier Missionsgesellschaften, am 28. Januar 1972 erfolgte der Beschluss, am 16. September tagte in Stuttgart die erste Synode. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten die Evangelischen Landeskirchen in Hessen-Nassau, Kurhessen-Waldeck, der Pfalz, Baden und Württemberg sowie die Brüder-Unität. Überdies die Missionsgesellschaften der Basler, der Deutschen Ostasienmission, der Schneller-Schulen im Nahen Osten und der Herrnhuter.

Antwort auf das Ende der Kolonialzeit

Ziel war eine Bündelung der Missionsarbeit im südwestdeutschen Raum, mit der vagen Vision, dass daraus eines Tages auch mehr, nämlich ein Verbund der südwestdeutschen Landeskirchen entstehen könnte. Die Geschäftsstelle des neuen Vereins war Stuttgart, schon aus rein praktischen Gründen, weil hier die Basler Mission (Deutscher Zweig) eine Niederlassung hatte. Bis heute befinden sich in der Vogelsangstraße 62 die EMS-Büros.

Von Anfang an ging es dabei auch um eine internationale Zusammenarbeit. Eine Antwort auf das Ende der Kolonialzeit sollte es sein. Plötzlich gab es eine Vielzahl unabhängiger Kirchen in Asien und Afrika. Die wollte man nun als Partner gewinnen und unterstützen. Allein: Ein Stimmrecht hatten sie nicht. Ging es um die Förderung von Projekten, saßen sie allenfalls als Gasthörer auf den Zuschauerrängen. So musste 1987 auch Habib Badr ein wenig fassungslos mit anhören, wie über die Zuschüsse für seine zerstörte Kirche und die Schneller-Schulen entschieden wurde. „Es ging um unsere Existenz und ich saß auf dem Balkon“, erinnert er sich.

Einst nur Zaungast, heute Vizepräsident der EMS: der libanesische Pfarrer Habib Badr. Foto: EMSHabib Badr ist heute Vizepräsident der „Evangelischen Mission in Solidarität“. So heißt das EMS, seit 2012 die Satzung und der Name geändert wurden. 40 Jahre nach der Gründung war es endlich so weit: Aus den Partnern in der Welt wurden Mitglieder, mit vollem Stimmrecht und einer hundertprozentigen Gleichberechtigung für die Kirchen in den Ländern der Dritten Welt.

Das war ein kleiner Erdrutsch, den freilich alle Beteiligten als längst überfällig empfanden. Nach einem langen Diskussionsprozess hatte man nun endlich Nägel mit Köpfen gemacht. Heute ist die Mitgliederversammlung ein buntes Ereignis mit 28 Kirchen und Missionsgesellschaften aus Asien, Afrika, dem Nahen Osten und Europa.

An ihrer Spitze steht Klaus Rieth, Kirchenrat aus Württemberg. Ende Februar ging er in den Ruhestand, weshalb hier im November neu gewählt werden muss. Rieth steht auch an der Spitze des 17-köpfigen Missionsrates, dem Leitungsgremium der EMS. Sein Stellvertreter ist Habib Badr, der heute mit Zufriedenheit feststellt: „Aus den ‚Objekten der Beratung‘ ist eine internationale Gemeinschaft geworden, in der sich alle auf Augenhöhe begegnen.“

Ihre Projekte laufen bei Dieter Heidtmann in Stuttgart zusammen. Seit Anfang 2020 ist der württembergische Pfarrer Generalsekretär des Evangelischen Mission in Solidarität. Er und seine Mitarbeiter sind Ansprechpartner, hier werden die Projekte koordiniert, die von der Mitgliederversammlung oder dem Internationalen Missionsrat beschlossen wurden.

Ein wichtiger Bereich ist dabei der Einsatz von Freiwilligen. Der erfolgt vornehmlich immer noch in Nord-Süd-Richtung, von den reichen in die ärmeren Länder. Doch immer wieder kommen auch junge Menschen aus Asien oder Afrika nach Europa. In Einzelfällen gab es sogar Querverbindungen vom Süden in den Süden: einen Austausch zwischen Indonesien und Südafrika etwa.

Von Afrika und Asien lernen

Indonesien bildet einen Schwerpunkt bei den EMS-Mitgliedskirchen. Doch auch Afrika, der Nahe Osten und Asien sind gut vertreten. So wird beim Jubiläumsgottesdienst in Stuttgart der Erzbischof von Jerusalem Hosam Elias Naoum predigen. Auf 28 Mitglieder ist die EMS gewachsen, ein internationales Netzwerk und Hilfswerk, „aber eben auch eine Glaubensgemeinschaft“, wie Generalsekretär Dieter Heidtmann betont. Die Begriffe „Evangelisch“ und „Mission“ stehen gleichberechtigt neben dem Ausdruck „Solidarität“: Es sind die Pfeiler, auf denen die EMS fußt.

Ihre Finanzierung läuft noch immer im hohen Maße über die Kirchen in Deutschland, mit dem Vorteil, dass Spendengelder zu 100 Prozent direkt weitergegeben werden können, weil die Verwaltungskosten finanziert sind.

Doch der Profit des internationalen Austauschs liegt längst auch auf Seiten der Kirchen in Deutschland. Brachten die einst den christlichen Glauben in die Welt, sehen sie sich heute einem drastischen Mitgliederschwund in den eigenen Ländern gegenüber, während die Kirchen in den außereuropäischen Staaten oft erheblich wachsen: „Da können wir auch lernen“, sagt Dieter Heidtmann, „zum Beispiel, wie man Menschen heute erreicht.“

Internationale Gemeinschaft: Aus Indonesien kommen heute allein neun der EMS-Mitgliedskirchen. Foto: EMSInternationale Gemeinschaft: Aus Indonesien kommen heute allein neun der EMS-Mitgliedskirchen. Foto: EMS

In der Corona-Zeit hat der digitale Austausch unter den EMS-Mitgliedskirchen und Missionsgesellschaften noch einmal erheblich zugenommen. Man bekommt vieles mit, was man sonst nicht mitbekommen würde: So kamen plötzlich Spenden japanischer Christen bei den Flutopfern im Ahrtal an, derweil die Menschen in Ghana für ihre Glaubensgeschwister in Indien sammelten.

Rund 60 Projekte werden jährlich über die EMS gefördert. Anträge können sämtliche Mitgliedskirchen stellen. Dabei geht es oft um Bildung, Friedens- oder Umweltarbeit und natürlich um die Vermittlung von Religion.

Irgendwie sind sie schon stolz bei der EMS, was sie in 50 Jahren erreicht haben: „Eine große internationale Gemeinschaft mit 25 Millionen Mitgliedern“, sagt Dieter Heidtmann. „Das ist mehr, als die EKD hat.“ □

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Die Evangelische Mission in Solidarität (EMS) ist auch das Missionswerk der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. In aller Welt wurden 2022 Jubiläumsgottesdienste gefeiert. Die württembergische Feier findet am 16. September um 17 Uhr in der Matthäuskirche in Stuttgart-Heslach statt. Zu diesem Gottesdienst ist die Öffentlichkeit herzlich eingeladen.

Weitere Informationen bei der EMS: Telefon 0711-636780, www.ems-online.org