Christliche Themen für jede Altersgruppe

Englisch aus voller Kehle

TÜBINGEN – „Lessons and Carols“ heißt eine  englische Gottesdienstform mit Lesungen und Weihnachtsliedern. In der Tübinger Stiftskirche ist das seit 15 Jahren ein Renner – und eine Gelegenheit für Freunde der englischen Sprache und Lebensart, sich in eine andere Welt zu träumen. 


Vollbesetzte Stiftskirche in Tübingen: Seit 15 Jahren findet dort das englisch­sprachige „Lessons and
Carols“ statt.  (Foto: Klaus Franke)


Das klingt nicht schlecht, wenn „Herbei, o Ihr Gläubigen“ plötzlich „O Come, all Ye Faithful“ heißt. 1000 Kehlen singen es voller Inbrunst. Verleihen mit der Wucht ihres Gesangs den Worten „joyful and triumphant“ erst so richtig Ausdruck. Es gibt an diesem Abend in der vollbesetzten Tübinger Stiftskirche garantiert keinen, der nicht mit einstimmt. Wer zu „Lessons und Carols“ kommt, der will singen: Englisch, weihnachtlich und überaus hingebungsvoll. Eineinhalb Stunden lang, wie jedes Jahr am Mittwoch vor dem vierten Advent.

Alles begann vor etwa 15 Jahren mit der Idee der Theologiestudentin Alexandra Riebe. Nostalgische Erinnerungen an schöne Momente in England ließen sie auf den Stiftskirchenpfarrer Karl-Theodor Kleinknecht zugehen. „Könnten wir nicht einmal das machen, was in England seit Jahrzehnten Tradition ist?“

Von „Lessons and Carols“ war die Rede, eine englische Gottesdienstform mit neun Weihnachtsliedern und neun Lesungen im Wechsel. Das berühmteste aller „Lessons and Carols“ findet in Cambridge statt. Seit 1918 wird es dort in der Universitätskirche King’s College Chapel gefeiert. Ein nationales Großereignis, das sogar die BBC überträgt.

Es war eine Idee, die dem Tübinger Stiftskirchenpfarrer sofort gefiel. Von Anfang an unterstützte er das Projekt, das an Weihnachten 2000 mit etwa 100 Besuchern und einem kleinen Chor von 16 Leuten begann. Schon damals war Diane Blaurock mit von der Partie, eine in Tübingen lebende Amerikanerin, die auch Mitglied des Kirchengemeinderats war und für ihr Leben gerne sang. Als Initiatorin Alexandra Riebe sich 2001 verabschiedete, war für Diane Blaurock klar: Es musste weitergehen. Seither laufen bei ihr alle Fäden zusammen.

Am Anfang des Gottesdienstes erklärt Reverend Kenneth Dimmick den Besuchern ein paar Regeln. „Wir singen im Stehen und knien nicht, weil das eine Lutherische Kirche ist.“ Dimmick ist der Dekan der Anglikaner in Deutschland und Priester an der St. Cathrines-Gemeinde in Stuttgart. Obwohl „Lessons and Carols“ in Tübingen eine Veranstaltung der evangelischen Gemeinde ist, wirkt er seit Jahren mit. Nur in diesem Jahr ist er verhindert, ein Gottesdienst in Dresden erfordert seine Anwesenheit. Ein anglikanischer Kollege, Reverend Yazid Said aus Palästina, wird ihn vertreten. Er ist gerade Gastdozent am Zentrum für Islamische Theologie in Tübingen.

Die Internationalität der englischsprachigen Gottesdienstteilnehmer ist ein Markenzeichen von „Lessons and Carols“ in Tübingen. Da gibt es Amerikaner, Briten, Neuseeländer, Australier, Inder, Afrikaner, Asiaten und natürlich Deutsche. Die Lessons, die Lesungen werden dabei stets von Muttersprachlern übernommen. Es sind Geschichten aus der Bibel, vom Sündenfall bis zur Weihnachtsgeschichte, denen die Menschen andächtig lauschen: „Now when Jesus was born in Bethlehem of Judea in the days of Herod the king.“

Auch wer nicht jedes einzelne Wort versteht, nimmt ein besonderes Gefühl mit. Es ist das Gefühl einer anderen Welt, in die man für eineinhalb Stunden eintaucht. Und die man manchmal auch vor ein paar Jahren verlassen hat: „Ich habe sechs Jahre in Nigeria gelebt“, sagt ein Mann aus Pfullingen, „wir haben dort englisch gesprochen und Gottesdienst gefeiert.“ Jetzt kommen alte Erinnerungen hoch.

Zwei Englischlehrerinnen aus Gärtringen sind nun schon zum siebten Mal dabei. „Oh Little Town of Bethlehem“ haben sie gerade gesungen: „Es ist so wunderschön“, schwärmen sie. Ganz berührt ist auch ein deutsch-englisches Paar aus Tübingen. Am 24. wird zu Hause deutsche Weihnacht gefeiert, aber dieser Abend ist der Heimat des Ehemanns gewidmet.

Die Studentenstadt Tübingen ist eine ideale Umgebung für „Lessons and Carols“. Die Bevölkerung ist so international wie die Universität, es gibt viele Paare unterschiedlicher Herkunft und mannigfaltige Beziehungen zum englischsprachigen Raum. Regelmäßig werden englischsprachige Studentengottesdienste mit dem Titel „Church at Six“ angeboten, und eine Vielzahl von Deutschen hat wenigstens ein paar Monate lang in England oder Amerika verbracht.

So ist die Besucherzahl von „Lessons and Carols“ in der Stiftskirche fast jedes Jahr ein wenig angewachsen: Aus 100 wurden 300 und aus 300 dann 700. Jetzt ist man bei ungefähr 1000 Teilnehmern angelangt und das große Gotteshaus zumeist bis auf den letzten Platz besetzt.

Es ist eine besondere Weihnachtsgemeinde für einen besonderen Abend im Jahr. Ein riesengroßer Chor, der zu einem majestätischen Klangkörper anschwillt und jede Zeile des englischen Liedguts auszukosten scheint. „What Child is This“: Dazu ertönt die bekannte Melodie von „Greensleeves“, einer alten Weise, die bis ins 16. oder 17. Jahrhundert zurückreicht.

Den Ton gibt dabei immer der Projektchor vorne am Altar an. Man erkennt ihn auch daran, dass er einfach mit dem Gesicht zum Publikum steht und in einigen wenigen Fällen ein Carol, ein Weihnachtslied alleine vorträgt. „It Came Upon the Midnight Clear“: Nun darf „the congregation“, die Gemeinde auch mal nur lauschen.

Knapp 50 Sängerinnen und Sänger melden sich jedes Jahr für den Projektchor. Dreimal wird geprobt, dann ist es auch schon Weihnachten. Für die evangelische Stiftskirchengemeinde in Tübingen ist „Lessons and Carols“ jedenfalls inzwischen genauso gesetzt wie jeder andere Gottesdienst im Jahresablauf. Stiftskirchenpfarrerin Susanne Wolf und Kirchengemeinderatsvorsitzende Eva Arnold-Schaller freuen sich jedes Jahr darauf. „Eine echte Bereicherung“, sagt Eva ArnoldSchaller. Stiftskirchenorganist Jens Wollenschläger wird auch diesmal wieder an der Orgel sitzen und Mesner Rolf Kern dafür sorgen, dass alles am richtigen Platz ist, wenn die Menschen kommen „on Wednesday, December 16th, 7.00 pm“.

Am Ende sprechen sie alle das Gebet, das „Our Savour Christ“ uns gelehrt hat: „Our Father, who art in Heaven, Hallowed be thy Name.“ The Lord‘s Prayer, das Vaterunser, das die ganze Christenheit verbindet, egal in welcher Sprache es gesprochen wird.


Information
„Lessons and Carols“ in der Stiftskirche in Tübingen findet am 16. Dezember um 19 Uhr statt und dauert ungefähr eineinhalb Stunden. Ein Liedblatt mit allen Texten gibt es gratis: Informationen unter Telefon 07071-22374, Internet www.stiftskir che-tuebingen.de/Gottesdienste.

Das englische Weihnachtsliedersingen „Lessons and Carols“ gibt es auch an zwei anderen Orten in Württemberg: Am 13. Dezember findet es um 20 Uhr in der Leonhardskirche in Stuttgart statt und am 20. Dezember um 17 Uhr im Münstergemeindehaus  Ulm:  www.stcatherines-stuttgart.de

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