Christliche Themen für jede Altersgruppe

Entsetzt über Antisemitismus

Die Liebenzeller Mission hat die Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet. Was dabei herauskam, war wenig angenehm: Die Missionsleiter Heinrich Coerper und Ernst Buddeberg hatten nicht nur die Herrschaft Adolf Hitlers unterstützt, sondern auch den Antisemitismus befördert. In einer offiziellen Verlautbarung von 1934 wurden die Juden sogar als „Fluch für andere Völker“ bezeichnet. 



Seit über 100 Jahren eine Institution: Die Liebenzeller Mission. (Foto: privat)



Pfarrer Heinrich Coerper (1863–1936) ist der Urvater der Liebenzeller Mission. Er gründete 1899 in Hamburg die China-Inlandsmission und fand für sie 1902 ein neues Domizil im Schwarzwald. Mit Vehemenz trieb er das Missionswerk voran, entsandte Glaubensbotschafter in die Welt und sorgte auch in der Heimat dafür, dass das Christentum sich verbreitete: 1904 gründete er den süddeutschen EC-Verband und sechs Jahre später die Süddeutsche Vereinigung in Calw.

Als die sich von der Mission trennte, rief er 1933 den Liebenzeller Gemeinschaftsverband ins Leben. Bald sollten ihm über 200 Gemeinschaften angehören. Fast alle, die Heinrich Coerper kannten, bezeichneten ihn als begnadeten Lehrer und Verkünder.

Die weniger bekannte Seite von Pfarrer Coerper ist sein Nationalismus. Der beginnt schon mit der Schlacht von Sedan 1870, die den Siebenjährigen zu Zeichnungen inspiriert, und setzt sich fort im neuen Kaiserreich, dem er im Ersten Weltkrieg begeistert applaudiert. Im Ersten Weltkrieg äußert er sich auch bereits zum Judentum auf eine Weise, die für den späteren Umgang mit dem Thema ebenso entscheidend wie verhängnisvoll werden wird: „Das Judentum ist nicht eine Religion, sondern eine Rasse“, schrieb er in einer Mitteilung von 1915.

Coerper gehört zu den ersten Pietisten, die die Machtergreifung Hitlers überschwänglich begrüßen. Bereits 1932 rät er den „Brüdern und Schwestern, Hitler die Stimme zu geben“, was ihm innerhalb der Gemeinschaft keinesweg nur Zustimmung einbringt.

Doch ein Führer, der zugleich das katholische Zentrum, die Weimarer Demokratie und die Bolschewisten bekämpft, ist so recht nach dem Geschmack des Liebenzeller Pfarrers, der preußisch-vaterländisch und evangelisch geprägt ist. Die wenigen Zweifel, die er hat, wischt er ganz offenbar beiseite, glaubt, „dass die Suppe nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird.“

Ein fataler Irrtum, doch den wird ­Coerper mit all seinen Konsequenzen nicht mehr erleben: 1934 gibt er die Leitung der Mission ab und stirbt zwei Jahre später in Lahr-Dinglingen. An der Haltung der Liebenzeller Mission gegenüber Judentum und Nationalsozialismus ändert das rein gar nichts. Im Gegenteil: Der neue Missionsdirektor Ernst Buddeberg (1873–1949), ein Schwiegersohn von Coerpers Bruder Fritz, scheint dem Regime fast noch enger verbunden zu sein als sein Vorgänger.

Buddeberg ist schon in der Weimarer Republik Mitglied der rechtspopulistischen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und wird bei keiner Gelegenheit vergessen zu betonen, dass Missionsgründer Coerper „einer der ersten Pfarrer in Würtemberg war, der sich offen zum Führer bekannt hat“.

Dieses Bekenntnis erneuert Buddeberg in mehreren öffentlichen Stellungnahmen: „Wir danken noch nicht

genug dafür“, schreibt er etwa Ende 1934 und meint damit keineswegs den Dank an den lieben Gott. Weiter lässt Buddeberg durchblicken, „dass man Meckerer nicht dulde“ und Verständnis habe, wenn der Staat Zwang auf seine Untertanen ausübe.

Richtig erschreckend dann aber die offzielle Stellungnahme zum Judentum, in der der vernichtende Satz steht, „dass das unter dem Fluch des Messiasmordes stehende Volk für die anderen Völker ein Fluch ist.“ „Wir sind damit einverstanden, dass der Einfluss der Juden in unserm Vaterland in der kräftigsten Weise unterbunden wird“, schreibt Buddeberg weiter und untersagt in einem Brief vom 22. Mai 1936 mit sofortiger Wirkung den Besuch jüdischer Ärzte: „Wer noch in Behandlung eines jüdischen Arztes sein sollte, muss diesen Besuch abbrechen.“

Das Verständnis vom Judentum als Rasse geht nun soweit, dass selbst zum Christentum konvertierte Juden abgelehnt werden. So muss ein jüdischer Student aus Polen wegen seiner Herkunft das Studium in Bad Liebenzell abbrechen. Er wird später in einem Konzentrationslager ums Leben kommen. Und eine aus dem Schwarzwald nach China entsandte christliche Ärztin mit jüdischer Abstammung muss erleben, dass ihr von den Kollegen in Asien die Aufnahme verweigert wird.

Das alles ist starker Tobak und kein Ruhmesblatt für die Missionsväter der Anfangszeit. Zumindest in Teilen, das weiß auch der amtierende Direktor Detlef Krause, wird man sie und ihr Wirken, wohl in einem anderen Licht sehen. Dennoch haben die Verantwortlichen keinen Moment lang gezögert, die Ergebnisse ihrer Recherche zu veröffentlichen.

Dabei hat auch geholfen, dass die Nachfahren Heinrich Coerpers die Aufarbeitung der Vergangenheit ausdrücklich begrüßt haben. Zwischenzeitlich haben auch viele andere Menschen signalisiert, dass sie diesen Schritt gut heißen: Beim Pfingstmissionsfest, zu dem 4000 Menschen nach Bad Liebenzell kamen, war die NS-Vergangenheit mehrfach Thema von Vorträgen und auch Gegenstand des Gebets und des Gedenkens. Öffentlich wurde dabei unter großer Anteilnahme der Besucher um Vergebung gebeten.

Für Missionsdirektor Detlef Krause geht es nun darum, aus den Erfahrungen der Vergangenheit zu lernen und sich zu fragen, wovon sich Christen heute prägen und vereinnahmen lassen. Überdies können nun alle die, die wollen, die umfangreiche und in Buchform erschienene Studie von Helmut Egelkrauth lesen, die in zahlreichen Dokumenten und mit weit über 1000 Fußnoten belegt, welche Quellen herangezogen wurden.

„Wir stehen noch ganz am Anfang“, sagt Detlef Krause mit Bezug auf die Frage, ob und wie die Zeit des Nationalsozialismus mit den jüngst gewonnenen Erkentnissen nun auch Eingang ins Missionsmuseum in Bad Liebenzell finden wird.

Allen Verantwortlichen ist es ein Anliegen, mit der Vergangeheit offen umzugehen – und trotzdem ein differenziertes Bild dessen zu bewahren, was Heinrich Coerper und Erich Buddeberg geleistet haben. „Wir erkennen die Schuld an, aber stellen uns nicht über unsere Vorgänger“, sagt Detlef Krause. Und auch Helmuth Egelkraut, der die Vergangenheit aufgearbeitet hat und der Mission seit Jahrzehnten verbunden ist, meint: „Meine Wertschätzung für ihr Lebenswerk bleibt bestehen.“




Die Liebenzeller Mission und der Nationalsozialismus

Helmut Egelkraut
Die Liebenzeller Mission und der Nationalsozialismus
LIT Verlag
39,90 €

 

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