Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ererbte Seelenpein - Transgenerationale Traumata

„Das hab ich mit der Muttermilch aufgesogen“, klingt erst einmal harmlos. Dabei sind es nicht nur Tugenden wie Fleiß, die man von den Eltern mitbekommt: Das Lebensgepäck kann auch aus Ängsten und Alpträumen bestehen. Doch es gibt Möglichkeiten, wie längst erwachsene Kinder diese ererbten Wunden heilen können.

Alpträume können ein Symptom für ein ererbtes Trauma sein. Foto: adobe stock/ motortionAlpträume können ein Symptom für ein ererbtes Trauma sein. Foto: adobe stock/ motortion

Da war dieser stetig wiederkehrende Traum, aus dem Katharina Drexler so oft schweißgebadet erwacht ist: Sie ist auf der Flucht und jemand trachtet ihr nach dem Leben. Mit dem Gewehr, mit Pfeil und Bogen wird sie gejagt, die Waffen ändern sich. Manchmal ist sie es nicht selbst, sondern ein anderer von ihr geliebter Mensch, der mit dem Tod bedroht wird.

Dieser Alptraum lässt sie auch als Erwachsene nicht aus den Fängen. Katharina Drexler ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und seit mehr als 20 Jahren spezialisiert auf Traumatherapie. Bei einer Veranstaltung zum Thema „Ererbte Wunden“ in Stuttgart hat sie kürzlich von ihrem Alptraum berichtet.

Warum er sie nicht loslässt, hat sie sich lange gefragt. Die Erklärung liegt in ihrer Familiengeschichte: Ihr Vater, jüdischer Abstammung, hat seine eigene Erschießung überlebt. 1944 war er in Ungarn bei einer Razzia mit gefälschten Papieren aufgeflogen, zusammen mit seinem besten Freund. Der Schütze hat den Vater nicht richtig getroffen, die Kugel hat „nur“ den Kiefer durchschlagen. Der beste Freund, der neben ihm auf dem Platz stand, ist nicht wieder aufgestanden. Mit ihm hatte der Vater kurz vor den Schüssen den Platz getauscht.

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„Es war das Lebenstrauma meines Vater, von dem ich jahrelang geträumt habe: Nicht mein eigenes“, sagt Katharina Drexler. Eine ererbte Wunde, sagt die Therapeutin dazu. Bewusst wählt sie nicht den Begriff „vererben“: „Das wäre etwas Aktives, als wollten die Eltern etwas weitergeben. Dabei ist das Gegenteil der Fall.“

Schweigen für die Sicherheit

Eltern möchten ihre Kinder schützen und versuchen alles, die Traumata, die sie selbst erlebt haben, nicht weiterzugeben. Was auch eine Erklärung dafür ist, dass die Kinder von Holocaust-Überlebenden oft so wenig darüber wussten, was die Eltern in den Lagern erlebt haben. „Dieses Schweigen war eine Strategie, den Kindern die größtmögliche Sicherheit zu geben“, sagt Drexler.

Schweigen. Foto: ernie114, pixabaySchweigen. Foto: ernie114, pixabay

Doch auch Schweigen kann beredt sein. Kinder fühlen sich ein und nehmen so ein Gefühlserbe an. Sie entwickeln ein feines Gespür dafür, wann der Blick des Vaters starr wird oder an welchen Stellen die Mutter den Fernseher sofort abschaltet. Menschen kommunizieren nicht nur mit Worten und gerade Kinder sind dafür sehr empfänglich. So entstünden innere Bilder, die den realen Bildern entsprechen, die Mutter oder Vater tatsächlich erlebt hätten, führt Katharina Drexler aus.

In ihrer Familie war die Überlebensgeschichte des Vaters kein Geheimnis. Aber dass das Trauma ihres Vaters auf ihrem Leben lastet und sich in dem Alptraum von der Tötung ausdrückt, hat sie erst spät begriffen. „Nur was wir kennen, können wir erkennen“, sagt sie dazu. „Und was man erkennt, kann man heilen.“ Tatsächlich ist Katharina Drexler ihren Alptraum mit Hilfe einer Traumatherapie losgeworden.

Bei dieser Methode, die sie auch selbst mit Patienten anwendet, werden die inneren Bezugspersonen sozusagen auf der Seelenbühne nach vorne geholt: das kann der traumatisierte Vater sein, wie bei Katharina Drexler, oder die Mutter, deren ältestes Kind auf der Flucht gestorben ist und die ihre andere Tochter nie in den Arm nehmen konnte. Ob diese Mutter oder der Vater noch leben oder schon gestorben sind, spielt bei der Traumatherapie keine Rolle. Es geht darum, ein inneres Bild zu entwickeln, mit der der traumatisierte Vater oder die Mutter in der Imagination den Schrecken hinter sich lassen kann.

„Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können heilende Bilder gegen die Trauma-Bilder stellen“, sagt die Ärztin. Ihre Methode hat nichts mit der Suche nach der historischen Wahrheit zu tun. Es geht ausschließlich darum, mit dem furchtbaren Erlebnis abschließen zu können, das in der Seele der Patientinnen und Patienten weitergelebt hat.

Einen anderen Weg geht die Familientherapeutin und Historikerin Ingrid Dautel, die bei der Veranstaltung ebenfalls über ihre Arbeit berichtet hat. Sie leitet Gesprächsgruppen, in denen „Kriegskinder“, „Nachkriegskinder“ und „Kriegsenkel“ zu Wort kommen. Selbst wenn diese den Horror des Krieges nicht unmittelbar erlebt haben, sind sie doch in seinem Schatten aufgewachsen.

Das Schweigegebot in den Familien der Nachkriegszeit – bloß nicht die Vergangenheit aufrühren –, das oft mit Gefühlskälte einherging, hat nachgewirkt. Das „Nicht-wissendürfen“, die vermuteten oder tatsächlichen Familiengeheimnisse, das manchmal rätselhafte Verhalten der Eltern hat die Nachgeborenen geprägt.

Es tut gut, erhört zu werden

„Verdrängte Gefühle werden unbewusst auf neue soziale Beziehungen übertragen“, sagt Ingrid Dautel. So lastet das Familiengepäck oft schwer auf Kindern und Kindeskindern. Das Gespräch zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Generationen könne helfen, sich aus diesen Verstrickungen zu lösen.

Bei den Gruppen von Ingrid Dautel geht es im engeren Sinne nicht um Therapie. Doch im Austausch über die eigenen Lebenserfahrungen können sich die Teilnehmenden etwas von der Seele reden: „Sie werden in der Gruppe erhört und das tut gut.“ Dass das empathische Zuhören die Toleranz schult, ist ein weiterer positiver Aspekt: „Die Gruppe macht die Teilnehmer zu sozialeren Menschen.“

Information

Die Gruppen von Ingrid Dautel finden im Bildungszentrum Hospitalhof statt, mehr dazu auf www.ingriddautel.de

Im Klett-Cotta Verlag hat Katharina Drexler zwei Bücher zum Thema publiziert. Der Titel „Ererbte Wunden erkennen“ richtet sich vornehmlich an Betroffene. www.katharina-drexler.de

Wie Traumata der Eltern und Großeltern unser Leben prägen, Mit Hör-Übungen zum Download, Fachratgeber Klett-Cotta

Katharina Drexler, Dr. med., ist Fachärztin für Psychiatrie u. Psychosomatische Medizin und Psychotherapie; Ausbildungen in tiefen-psychologischer und psychoanalytisch-systemischer Psychotherapie und EMDR; Supervision für Traumatherapie; nach oberärztlicher Tätigkeit ist sie seit 2000 in eigener Praxis in Köln niedergelassen.

128 S. Seiten, Kartoniert

ISBN 9783608861297

16,00 Euro

 

Betroffene, Angehörige und Pflegekräfte finden unter www.alterundtrauma.de viele hilfreiche Texte und Informationen im Internet.