Christliche Themen für jede Altersgruppe

Erinnerung an eine mutige Frau

AACH (Dekanat Freudenstadt) – Ein Bild Gustav Werners hängt über Helga Hofers Schreibtisch: als ­Erinnerung an einen beherzten Kämpfer gegen gesellschaftliche Missstände. Seinen Leitspruch „Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert“ hatten schon ihre Eltern, vor allem ihre Mutter Martha Hofer, zu Zeiten des Nationalsozialismus beherzigt – auf bewundernswerte Art und Weise.


Helga Hofer hat die Erinnerungen ihrer Mutter Martha Hofer ausgewertet. (Foto: Astrid Günther)

Welchen Wert mutige Taten haben, das bewies Helga Hofers Mutter Martha Hofer, geborene Mönch, in den letzten Tagen des NS-Regimes eindrücklich: Durch ihren Einsatz bewahrte sie acht Säuglinge vor dem sicheren Hungertod. Zum Hintergrund: Ab Juni 1944 wurden in Aach in einer Holzbaracke Kinder polnischer Zwangsarbeiterinnen untergebracht; den Müttern wurden ihre Neugeborenen gewaltsam weggenommen.

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Die Versorgung der Säuglinge muss katastrophal gewesen sein. Wie das Aacher Sterberegister belegt, wurden die dort untergebrachten Säuglinge durchschnittlich nur 2,9 Monate alt. Als Todesursache wurden Sepsis, Darmkatarrh, Rachitis oder einfach lapidar Lebensschwäche angegeben.

Die Namen der 13 Säuglinge, die im Aacher „Kinderheim“ nach kurzer Zeit starben, sind dokumentiert, die Namen und Geburtsdaten der überlebenden acht Säuglinge sind unbekannt.

Dass die geschundenen Babys überlebten, verdankten sie einer zufälligen Begegnung der 1920 geborenen Martha Hofer mit einer der Zwangsarbeiterinnen: Im Februar 1945 war sie zu Fuß von Dornstetten nach Dietersweiler unterwegs, um dort ihre Eltern zu besuchen. Ihren acht Monate alten Sohn hatte sie im Kinderwagen dabei.

Kurz hinter Aach traf sie auf eine fremde Frau, die eilig in die gleiche Richtung lief. In gebrochenem Deutsch berichtete die völlig verängstigte Frau, dass man ihr nach der Geburt ihre Tochter weggenommen und in Aach untergebracht habe. In einem unbewachten Moment sei es ihr gelungen, ihre kleine Maria herauszuholen, vermutlich würde sie jetzt bereits von der Polizei gesucht. „Die wollen auch meine Maria totmachen, schon viele Kinder dort gestorben“, berichtete sie. Zur Verdeutlichung zeigte sie ihr das bis zum Skelett abgemagerte acht Monate alte Mädchen. Wie die Polin berichtete, bestand die „Nahrung“ der Säuglinge ausschließlich aus Pfefferminztee. In ihren Erinnerungen beschrieb Martha Hofer den erbärmlichen Zustand des Säuglings: „Das Kind hatte eine grüngelbe Hautfarbe, ich konnte nicht erkennen, ob es ein Mädchen oder ein Junge war.“

Wohlgenährt schlummerte dagegen ihr Sohn Erwin Gustav in seinem Kinderwagen. „Ich sah es als meine Christenpflicht an, hier zu handeln, auch wenn ich mich selbst und meine Familie in große Gefahr brachte“, begründete Martha Hofer später ihr beherztes Eingreifen.

Und sie handelte: Zunächst brachte sie Mutter und Kind zu ihren Eltern nach Dietersweiler. Dort konnten sich die beiden verstecken, ausruhen und stärken, die kleine Maria wurde mit einer Flasche Haferschleim gefüttert. Auch am nächsten Tag agierte Martha Hofer mutig und konsequent und begleitete Mutter und Tochter zur Abteilung „Mutter und Kind“ der Kreisleitung. Dort schilderte sie dem Kreisleiter der NSDAP, unter welch unmenschlichen Bedingungen die Säuglinge im Aacher „Kinderheim“ dahinvegetierten.

Als Beweis ihrer Aussage präsentierte sie ihm die kleine Maria. Dieser sei ob des Anblicks des halbverhungerten Säuglings erschrocken gewesen und habe nachdenklich die Zwangsarbeiterin gefragt, ob das ihr Kind sei. Schließlich habe er seine Sekretärin angewiesen: „Dann geben sie doch der Mutter ihr Kind.“

Hiervon profitierte nicht nur die kleine Maria, sondern auch die acht noch lebenden Säuglinge im Aacher „Kinderheim“, die daraufhin ihren Müttern zurückgebracht wurden. An das traurige Schicksal der 13 verhungerten Säuglinge des Aacher „Kinderheims“ erinnert heute ein kleiner Gedenkstein auf dem alten Aacher Friedhof.

Aber auch für Martha Hofers Tochter Helga war das Schicksal von Kindern, die es bereits von Anfang an schwer hatten, eine lebenslange Herausforderung. Helga Hofer arbeitete zunächst im Stuttgarter Weraheim, einem Mutter-Kind-Heim. Ein Teil dieser Mütter gaben ihre Kinder zur Adoption frei; diesen galt ihre besondere Liebe und Fürsorge. Auch später als Krankenschwester an einer großen Klinik galt ihr besonderes Augenmerk Menschen in problematischen Lebenssituationen. Über 20 Jahre betreute sie dort wieder Mütter mit ihren Neugeborenen.

Rückblickend auf fast 50 Berufsjahre sagt sie heute: „Es war gut so.“ Auch in ihrem Ruhestand tritt Helga Hofer für ihren Glauben und für ihre Überzeugungen ein: So arbeitet sie ehrenamtlich in der Seelsorge, getreu dem Motto, das auch ihr Leben prägte: „Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert.“