Christliche Themen für jede Altersgruppe

Erinnerungslasten einer Seele

Draußen im lichten Fichtenwald steht ein steinernes Kreuz. Flankiert wird es von zwei Steintafeln. „Die Toten mahnen uns Lebende zur Versöhnung, zum Frieden und Völkerverständigung“ steht darauf in zwei Sprachen: deutsch und polnisch. An diesem Tag geht es für Edwin Kelm zurück: 70 Jahre in die Vergangenheit. Erinnerungen, die für ihn und andere ehemalige Flüchtlinge oft schwer erträglich sind. 

Blick auf das Bauernhaus in Golebiewek, wo die Familie Kelm zwei Jahre lang lebte. Hier begann die Flucht. (Foto: M. Ernst Wahl)


Eine unübersehbar lange Folge von klapprigen Wagen, von Pferden gezogen, die letzten Habseligkeiten geladen. Menschen auf der Flucht, die mitten hinein ins Chaos zogen. Gesperrte Straßen, weil angeblich frische Truppen der Wehrmacht an die zusammenbrechende Ostfront gebracht werden sollten – als ob es im Januar 1945 noch frische Truppen gegeben hätte.

Die Zerstörung einer schmalen Brücke sollte den Vormarsch der Roten Armee stoppen. Gestoppt hat sie den Treck der Flüchtlinge. Die sowjetische Armee überrollte die Flüchtlinge. Von den Ereignissen am 19. und 20. Januar 1945 heißt es, es sei dem Vormarsch der Roten Armee kein nennenswerter Widerstand  entgegen gesetzt worden.

Noch heute beschreiben Zeitzeugen das brutale, schauerliche Bild an jener Straße bei Slesin: Links und rechts der Straßenbefestigung lagen Tote. Frauen, Männer, Polen, Deutsche, Soldaten der Wehrmacht, Soldaten der Roten Armee. Wer dem Krieg und der Rache entkommen wollte, flüchtete sich in die Kiefernwälder am Schlüsselsee. Auch Vater und Sohn. Aber der Krieg endet nicht am Waldrand. Gestellt von einem russischen Soldaten wurde der Vater. Minuten später war der Mann, der kriegsuntauglich war, weil er einen Arm verloren hatte, tot. Erschossen vor den Augen des Sohnes.

„Warum mich der Soldat damals laufen ließ, weiß ich nicht“, sagt Edwin Kelm, der Sohn, heute. „Warum ich so alt geworden bin?“ Er sieht es als Aufgabe an, die er sich vor Gott gestellt hat: Gegen Krieg, Rache und Hass, und für das Verstehen von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Tradition einzutreten.

70 Jahre nach dem Mord an seinem Vater steht er an einem Gedenkkreuz im Wald von Slesin. Blumen stehen am Kreuz, Grablichter brennen. Das Gedenken gilt nicht nur dem Vater. Es gilt allen, die in diesem Trichter, den 1945 eine verirrte deutsche Rakete in den Wald gerissen hat, beigesetzt wurden. Zwischen 300 und 400 Tote wurden dort bestattet: Deutsche, Polen, Russen. Kein Mensch kennt alle Namen.

Für den 16-Jährigen damals erschien die Straße zu gefährlich. Weiter im Süden suchte er abseits von Straßen einen Weg. Der Schein einer Petroleumlampe zog ihn zum ersten Ziel. Eine Frau öffnete aufs Klopfen hin die Tür des kleinen hölzernen Bauernhauses.Die Polin zeigte Erbarmen. Milchsuppe und ein Nachtlager halfen der schwer verwundeten Seele des Jungen durch die ersten Tage. Sie sind sich noch einmal begegnet, der damals 16-Jährige und die dann schon sehr alte Frau. Das war 1997, als Kelm nach längerem Suchen Name und Adresse seiner Retterin fand und sie besuchte.

Heute führen die gut ausgebauten Nationalstraßen 25 von Slesin nach Süden und die breite Straße Nummer 92 in Richtung Westen – zur Hauptstadt des heutigen Regierungsbezirks Großpolen, Posen. Dort tobte vom 25. Januar bis 23. Februar 1945 die „Schlacht um Posen“. Zuvor, bis zum 18. Januar, hatten sowjetische Truppen auf 500 Kilometer Breite die Weichsel überschritten und die wichtigsten Teile der Wehrmacht vernichtet. Warschau wurde am 17., Krakau am 19. Januar und Auschwitz am 27. Januar 1945 erreicht.  

Vor 70 Jahren war es eine Straße des Schreckens und der Gewalt. Rache zu nehmen an den fliehenden Deutschen fanden damals viele Polen berechtigt. Schließlich hatte das deutsche Besatzungsregime seit 1939 geschätzt 17 Prozent der Bevölkerung im Krieg und in Lagern getötet.

Und die Kelms? Sie, die ihre Heimat unweit der Küste des Schwarzen Meeres in Bess-arabien sahen, hatten 1942 sieben Höfe in Golebiewek zugewiesen bekommen. Höfe,  aus denen in der Nacht vor der Ankunft der Kelms die polnischen Besitzer vertrieben worden waren. „Nur einmal im Leben habe ich meine Mutter laut weinen gesehen“, erzählt Edwin Kelm. „Das war, als sie aus dem zur Wohnung angewiesenen Bauernhaus herausstürzte und schrie: „Hier ziehe ich nicht ein, da haben gestern noch andere Menschen gewohnt.“

Eigentlich hatten die deutschen Siedler in Bessarabien, dem heutigen Teil der Südukraine und der Republik Moldova, als Folge des deutsch-sowjetischen Abkommens von 1939 und der nationalsozialistischen „Heim-ins-Reich-Politik“ umgesiedelt werden sollen. „Aber den Boden des Reiches haben wir nie gesehen“, sagt Edwin Kelm heute nicht ohne Sarkasmus.

Anstatt ins Reich wurden die Umsiedler in Lager im besetzten Sudetenland gebracht. Erst als dort Unruhen auszubrechen drohten, verfrachtete man die Bessarabier, wie sie sich bis heute nennen, in die besetzten Gebiete in Polen. Für gut zwei Jahre.

Überall blitzen die Bilder im Kopf von Edwin Kelm auf. Die zerschossenen Panzer, Tote, Verletzte. Menschen, die aus Verzweiflung und nach Misshandlungen ihr Leben selbst beendeten. Und Bilder von Menschen, die aus Rache zu Tode geprügelt oder auf öffentlichen Plätzen und an Straßen erhängt wurden. Monatelang war der Junge unterwegs. Das Kriegsende erlebte er in Schwerin an der Warthe. Ohne Mühe findet Edwin Kelm jenes Haus, in dem er sich versteckte, die Scheune, eher ein kleiner Verschlag mit Dach, in dem er ein Nest ins Heu gegraben hatte. Das stattliche, frisch renovierte Haus am Marktplatz, das heute eine Buchhandlung beherbergt, ist in besonderer Erinnerung.

Alle Männer in der Stadt sollten sich bei der Polizei melden. Dass in diesem Haus die sich eben bildende polnische Geheimpolizei ihren Sitz hatte, war dem Jungen schnell klar. Dort wurde selektiert: Arbeitslager in Polen oder Arbeitslager Sibirien war die Alternative. Nach der Renovierung des Hauses am Marktplatz von Skwierzyna ist es nicht mehr so klar, wo genau jenes Fenster war. Jedenfalls zur Seitenstraße ging es; und Edwin Kelm, eine Durchfallerkrankung vortäuschend, entkam durch das Toilettenfenster.

Mehr als 41?000 ehemals in Bess-arabien siedelnde Menschen flohen im Januar 1945 aus dem Großraum Posen. Noch einmal so viele machten sich aus dem Raum Danzig, Westpolen, Schlesien auf den Weg. Zwischen 12 und 14 Millionen Flüchtlinge, so  schätzt man heute, waren als Folge des Zweiten Weltkriegs allein in Deutschland unterwegs. Heute sind es, nach Schätzungen des Hochkommissars für das Flüchtlingswesen der Vereinten Nationen (UNHCR), weltweit  15 Millionen Menschen, die auf der Flucht sind.

Herta Doll ist 1945 im Treck mitgezogen. Man hat sie gestoppt, ihnen alles weggenommen was sie retten wollten, und sie zurückgeschickt an den Ausgangsort. Was dann mit ihr geschah, darüber will die heute 94-Jährige mit dem trockenen Humor nicht sprechen. Trotz vielem Schrecklichen blieb sie in Polen. Anfangs war ihr das nicht leicht gemacht worden. Dass sie ein Kind von einem polnischen Mann bekam, war wohl ein entscheidender Grund fürs Bleiben.

An Umsiedlung hat die aus dem heutigen Ostpolen stammende Dame später nie gedacht. „Wissen Sie“, sagt sie in deutlich ostpreußischem Akzent, „die Menschen sind hier freundlicher.“ Und nach einer Pause: „viel freundlicher.“ Über 30 Jahre lang hat sie den Haushalt eines Pädagogen geführt, der viel unter der deutschen Besatzung, die keine polnischen Schulen duldete, zu leiden gehabt hatte. Im Nachkriegspolen war der Mann zum Schulleiter aufgestiegen. „Ich hab ihn sehr geachtet, ich hab ihm gedient und ihn respektiert, aber geliebt habe ich ihn nicht“, sagt Herta Doll heute.

Geheiratet hat sie ihn im Alter trotzdem. Nun  kann sie mit den Renten, die ihr der polnische Staat zahlt, alleine in ihrer Eigentumswohnung leben. Ein großer Kummer plagt sie: „Unser Pastor sagt immer wieder, er komme mich besuchen – und dann kommt er nicht.“

Herta ist eine fromme evangelische Frau in einer sehr kleinen lutherischen Gemeinde. Dass diese Gemeinde immer kleiner wird, bekümmert sie auch. Für sie aber ist die Kirche der Raum, in dem alles von ihr abfällt, was Sorgen machen könnte. Das war so in all den Jahren. „Draußen hatte ich Sorgen und Angst, aber wenn ich in die Kirche kam, dann war alles weg, alles Schwere blieb draußen.“ Und dann zeigt sie lachend, wie man zu ihrer Jugendzeit Zurek, die polnische Sauermehlsuppe, geschlürft hat.

Edwin Kelm besucht Ryszard Tomaszkiewicz. Sie kennen sich seit Jugendtagen. Der eine Sohn des neuen Siedlers, der andere Sohn des vom Besitz vertriebenen polnischen Bauern. Kelm hat ihn vor Jahren ebenso ausfindig gemacht, wie jene Frau, die ihm im Januar 1945 die erste Nacht nach dem Tod des Vaters aufgenommen hat. Ryszard Tomaszkiewicz war bis zum Ruhestand einer der Produktionsleiter im Milch- und Milchpulverwerk von Krosniewice. Vorher aber Bauernkind, wie auch Kelm. Nur dass der Vater Pavel nach der Ansiedlung der Bessarabier plötzlich Knecht auf dem zuvor eigenen Hof war. Die zwei verstehen sich, auch wenn sie nur mit Hilfe von Übersetzern miteinander reden können. Beide leiden bis heute an der deutsch-polnischen Geschichte, jeder auf seine Weise.

Edwin Kelm ist seinem Versprechen treu geblieben, das er am 20. Januar 1945 im Wald bei Slesin vor Gott abgelegt hat: für Frieden und Verständigung zu arbeiten. Auch im hohen Alter bleibt er dabei und ist für sein Engagement in Polen, der Ukraine, in der Republik Moldova und in Deutschland vielfach geehrt worden.

Auch wenn er selbst es nicht so sagen würde, bei Edwin Kelm erweist sich als wahr, was Dietrich Bonhoeffer 1934 geschrieben hat: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“

Sich selbst will Kelm, der sich gerne bis heute mit „Friedenstal“ identifiziert, jenem Ort, in dem er geboren wurde und seine Kindheit verbrachte, an einem anderen Text des 1945 ermordeten Theologen ausrichten: „Mag sein, dass morgen der jüngste Tag anbricht. Dann wollen wir gerne die Arbeit für eine bessere Welt aus der Hand legen – vorher aber nicht.“