Christliche Themen für jede Altersgruppe

Erst geblendet, dann sehend

An Ostern wird immer aufs Neue erfahrbar: Es gibt Wendungen im Leben, mit denen keiner rechnen konnte. Wie konnte es geschehen, dass der vom Kreuz abgenommene und ins Grab gelegte Jesus wieder lebte? Wie Lebenswenden aussehen können, zeigen auch Saulus, der Christen erst verfolgte und dann zum christlichen Missionar wird, der König Hiskia und der Prophet Jeremia. 

Ostermorgen: eine unbegreifliche Erfahrung. (Foto: Santhosh Kumar/Fotolia)

„Sie sagten niemandem etwas. Sie fürchteten sich nämlich.“ So eindrucksvoll endete ursprünglich das Markusevangelium. Obendrein in bewusst unschönem Satzbau – ohne Beispiel in der antiken Literatur für den Schluss eines Buches. Das nachgestellte „nämlich“ als Schlusswort wirkt seltsam drückend und in seiner Wucht bizarr – wie um zu unterstreichen: diese unsagbare, schockartige Wirkung des Besuchs der Frauen am Ostermorgen, die den Leichnam Jesu einbalsamieren wollten und das Grab leer fanden.

So unwahrscheinlich es auch klingen mag, da scheint die Evangelienüberlieferung doch etwas Ursprüngliches festgehalten zu haben: Ostern löst nicht sofort eine Wende bei Jesu Jüngerinnen und Jüngern aus. Und sie ist auch erst Jahre nach Ostern möglich. Wie wenn ein Geheimnis, eine dunkle Zeit auch dazugehörte.

Ein Beispiel dafür ist die Lebenswende, die Paulus erfährt. Etwa 60 Jahre danach berichtet Lukas von Paulus‘ Damaskus-Erlebnis. Das war im Jahr drei nach Ostern – damals verfolgt Paulus noch die junge Christengemeinde. Er hat fast die Stadt erreicht, als ihm der Auferstandene selbst begegnet. Plötzlich Licht! Von allen Seiten ein solcher Glanz, heller als die Sonne, und er stürzt geblendet zu Boden: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“

Dann geschieht ein wahres Wunder: Aus dem Verfolger Christi wird sein Nachfolger. Der geblendete, blinde Paulus wird in Damaskus wieder sehend. Die Heilung geschieht durch Handauflegung. Aus dem Mann, der den kleinen Gemeinden nachjagte, wird der erfolgreichste Missionar aller Zeiten. Die übliche Überschrift zur Lebenswende des Apostels – „Bekehrung“ – stimmt nicht. Denn dieser Ausdruck hier ist theologisch gesehen im Kern judenfeindlich. Zu welch anderem Gott bekehrt als dem Gott Israels? Paulus wurde vor Damaskus nicht bekehrt, sondern berufen.

Das Geheimnisvolle an der österlichen Lebenswende des Apostels ist jene dunkle Zeit von geschätzten 13 bis 16 Jahren zwischen der Berufung des Paulus und seiner ersten Missionsreise beziehungsweise dem darauffolgenden Apostelkonzil (33 bis 46/49 nach Christus). Dieser Zeitraum muss als die entscheidende Epoche angesehen werden, in der Paulus jenes herausragende missionarische und theologische Profil gewonnen hat, das uns in seinen Briefen während seiner Missionsarbeit rund um die Ägäis begegnet. An die Stelle der Existenz und Heil umfassenden Bedeutung der Thora als Weg zum Leben, ja als göttliche Lebensquelle an sich, tritt für Paulus in der Lebenswende der gekreuzigte und auferstandene Christus, die Rechtfertigung des Gottlosen allein aus Glauben.

Das gilt grenzüberschreitend, ohne Unterschied, ob Grieche oder Jude, Mann oder Frau, Sklave oder Freier. „Genau die Dinge, die ich früher für einen Gewinn hielt, haben mir – wenn ich es von Christus her ansehe – nichts als Verlust gebracht“, schreibt Paulus in Philipperbrief (Kapitel 3). „Seinetwegen habe ich allem, was mir früher ein Gewinn zu sein schien, den Rücken gekehrt; ich möchte die Kraft, mit der er als der Auferstandene regiert, an mir selbst erfahren und möchte an seinem Leiden teilhaben, sodass die Haltung, die ihn bis in sein Sterben hinein bestimmte, auch meine Haltung ist. Dann werde auch ich – das ist meine feste Hoffnung – unter denen sein, die von den Toten auferstehen.“

Auf einer der vier emaillierten Bildplatten der deutschen Kaiserkrone sieht man zwei Gestalten: Jesaja und Hiskia, Prophet und König. Eine besondere Lebenswende erlebt auch der König Hiskia dank des Propheten Jesaja. Als 30-jähriger Prinz hatte Hiskia den Untergang des nordisraelitischen Königreichs durch die überlegene Weltmacht der Assyrer miterleben müssen. Der Flüchtlingsstrom verdoppelt die Einwohnerzahl und Fläche Jerusalems, bringt aber auch einen Aufschwung von Kultur und Wirtschaft.

Hiskia ist inzwischen König geworden. Er ordnet das Steuersystem neu und lässt die Stadtmauern Jerusalems verstärken. Unter dem Tempelberg lässt er einen Tunnel bauen, um das Wasser der Gihonquelle vor der Stadt hereinzuleiten in den Teich Siloah und so im Belagerungsfall die Wasserversorgung sicherzustellen. Er schafft Kultpfähle und Steinmale ab, heidnische Orte eines religiös verehrten Wirtschaftswachstums. Hiskia ist ein guter König. Da wird er todkrank.

Der Prophet Jesaja kommt zum König und sagt ihm: „So spricht der Herr: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben.“ Hiskia bricht in Tränen aus. Er erkennt seine hochmütige Selbsteinschätzung, demütigt sich vor Gott, betet ehrlich.

Gott lässt sich umstimmen und schickt Jesaja zurück in den Palast. Der lässt ein antiseptisches Feigenpflaster auf entzündete Stellen legen und sagt: „So spricht der Herr: Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen. Ich will deinen Tagen noch fünfzehn Jahre zulegen und will dich samt dieser Stadt erretten aus der Hand des Königs von Assyrien.“

Dieser Prophet und dieser König sind auf die deutsche Kaiserkrone gekommen. Bei der Hiskia-Bildplatte wird das so genannte Gottesgnadentum ausdrücklich als ein Zeitgeschenk Gottes verstanden.

Jeremia, ein anderer Prophet, entstammt einer Familie von Priestern, und vielleicht wäre er auch einer geworden. Da erlebt er seine Berufung durch Gott als seine Lebenswende. Keine glatte Geschichte. Jeremia sträubt sich gegen seine Berufung: „Ach, Herr, du mein Gott! Ich kann doch nicht reden, ich bin noch zu jung!“ Die Antwort: „Geh, wohin ich dich sende, und verkünde, was ich dir auftrage! Hab keine Angst vor Menschen, denn ich bin bei dir und schütze dich.“

Jeremia hat eine Vision von einem dampfenden Kessel, dessen Rand sich von Norden her gegen ihn neigt. „Du hast richtig gesehen“, sagt der Herr, „so ergießt sich von Norden her Unheil über alle Bewohner dieses Landes.“ Gott kündigt ihm die Schwere des Auftrags an. Jeremia weiß, was auf ihn zukommt, wenn er seinen Zeitgenossen sagen wird, was zu ihrem Tun und Lassen aus Gottes Perspektive zu sagen ist. Gerichtsworte gegen das ganze Land, Worte gegen Israels Könige und ihre Bündnisse, gegen ihre verfehlte Außenpolitik, er muss den Untergang des Tempels ankündigen.

Jeremia ringt mit seinem prophetischen Amt. Ihm wird hart zugesetzt, mehrfach übel mitgespielt – und doch überlebt er, behütet von Gott.

Einmalig ist der Brief Jeremias an die Menschen in Babylonischer Gefangenschaft. Jeremia bringt die schier unglaubliche Geistesgröße auf, nach all der Gewalt und Zerstörung, nach Niederlage und Deportation „Suchet der Stadt Bestes!“ zu schreiben. Ein Zeugnis von jüdischer Feindesliebe, Nächstenliebe und gesellschaftlicher Mitverantwortung, das seinesgleichen in der Weltliteratur sucht.

Jeremia hatte sich ein anderes Leben gewünscht, eine Familie, ein Häuschen daheim im beschaulichen Anatot, gute Nachbarn, ein friedliches Leben. Dann bekommt sein Leben diese Wendung, er bekommt den speziellen prophetischen Auftrag und nimmt ihn an, setzt sich, wo immer er kann, für einen Frieden ein, den Gott will: Schalom. Damit das Leben neu werde.

Lebenswenden

Elke Naters und Sven Lager
Es muss mehr als alles geben

ADEO Vlg.
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Wir lebten, wir liebten, wir suchten und wir atmeten jeden Tag 20.000-mal ein und aus. Aber wozu? Wohin? Warum? Vor acht Jahren wohnten wir wieder in Berlin Mitte und waren an einem Punkt unseres Lebens, an dem sich Überdruss und Unzufriedenheit breit machten, die schwer zu fassen waren. Berliner Winterdepression? Midlifecrisis? Wir hatten zweieinhalb aufregende und manchmal einsame Jahre in Thailand verbracht und waren wieder in die alte Heimat zurückgekehrt. Aber auch die fühlte sich fremd an ...