Christliche Themen für jede Altersgruppe

Erst satt machen, dann feiern - Interview mit Erik Flügge, Autor und Politikberater

Erik Flügge, Autor und Politikberater, hat klare Meinungen. „Wenn Menschen hungrig sind, Sorgen und Nöte haben, dann haben sie keine Zeit für Gottesdienst“, sagt er. Kirche müsse sich deshalb zunächst um die Menschen und ihre Probleme kümmern und dann erst Gottesdienst feiern. Im Interview mit Nicole Marten spricht er auch über Ideen für Gemeinden.

Erik Flügge, Autor, Politikberater. Foto: Werner KuhnleErik Flügge, Autor, Politikberater. Foto: Werner Kuhnle

Kirche macht immer mehr spezielle Angebote. Wie sehen Sie das?

Erik Flügge: Es passt nicht zusammen, individuell sein zu wollen und sich nach Gemeinschaft zu sehnen. Seit den 1990er-Jahren gibt es immer mehr Strukturen, die in individuellen Formaten auf die Bedürfnisse von Zielgruppen eingehen. Das ist eine Reaktion auf den gesellschaftlichen Wandel. In Württemberg gibt es jetzt eine Lamapfarrerin. Das funktioniert und ist vollkommen in Ordnung. Aber wir machen Kirche damit sehr individuell.

Was ist daran schlimm?

Erik Flügge: Nichts, nur müsste es dann konsequent sein. Klar, Kirche kann sich nicht einfach ausklinken aus gesellschaftlichen Prozessen, sonst schrumpft sie weg. Aber wenn sie betont, ihr innerster Kern sei Glaube, Gemeinschaft, Gemeinde – wie kann sie dann dem gesellschaftlichen Trend zur Individualisierung nachlaufe

Was ist zu tun?

Erik Flügge: Wenn Kirche für Gemeinschaft stehen will, könnte sie Bündnisse schmieden mit anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen, denen es auch um Gemeinschaft und Zusammenhalt geht, wie. Gewerkschaften oder Parteien. Und wenn ein Dorfgemeinschaftshaus eingerichtet werden soll, könnte Kirche ihr Gemeindehaus zur Verfügung stellen.

Der Besuch von Gottesdiensten geht zurück ...

Erik Flügge: Es mangelt nicht an Interesse am Glauben. Nehmen Sie zum Beispiel „Fresh Expressions of Church“. Mir persönlich ist das zwar etwas zu fromm. Aber es ist dennoch eine kluge Idee, den eigenen Glauben in ein anderes Umfeld zu tragen. So gibt es einen Friseur, bei dem die Mitarbeiter bewusst auch mit den Kunden über den Glauben sprechen, wenn die das wollen. Das ist klug. Deshalb kommt aber niemand in den Gottesdienst. Der wird nur voll, wenn Sehnsucht nach Gemeinschaft herrscht.

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Wie könnte Gemeinschaft sein?

Erik Flügge: Die Vesperkirche ist ein Beispiel dafür. Sie ist ein Dienst am anderen. In Stuttgart ist sie in das Gemeindeleben integriert, es werden auch Gottesdienste gefeiert. Und es ist ganz einfach für die Menschen, mitzuarbeiten. Brote schmieren, das kann schließlich jeder! Dafür muss man noch nicht mal besonders theologisch gebildet sein.

Was ist das Problem von Kirche?

Erik Flügge: Die Gemeinden sind oft viel zu sehr mit sich selbst und ihren Strukturen beschäftigt. Das stimmt nicht für alle, es gibt auch immer einen Besuchsdienst und Diakonie. Aber meist ist der Dienst an der Gemeinschaft nicht der Mittelpunkt der Gemeinde. Der barmherzige Samariter hilft im Gleichnis dem Verunglückten erst und geht erst danach in den Tempel. Das sagt mir: „Bevor du Gottesdienst feierst, mach die Leute satt!“ In unseren Kirchengemeinden sind tendenziell viele besser Gebildete, die sind satt und können in den Gottesdienst gehen. Wer materielle Not leidet oder Sorgen hat, wer hungrig ist, der hat keine Zeit dafür. Wir müssen die Menschen satt machen, bevor wir sie in den Gottesdienst einladen.

» Anreize sind besser als Kürzungen «

Erik Flügge, Autor, Politikberater. Foto: Werner KuhnleErik Flügge, Autor, Politikberater. Foto: Werner Kuhnle

Das mit dem Sattmachen kann auch beschämend werden ...

Erik Flügge: An der Vesperkirche merkt man, wie schwer das sein kann. Die Frage ist aber, wie bekommen wir die Leute satt, ohne dass es für sie beschämend ist? So, wie ich das sehe, gelingt das in Stuttgart. Außerdem könnte jede Gemeinde doch auch einen Schrank aufstellen mit Lebensmittelkonserven und Wasserflaschen – nach dem Motto „Bedienen Sie sich, wenn Sie Hunger haben.“ Oder stellen Sie sich vor, eine Gemeinde würde jeden Sonntag zum Frühstück einladen – ohne das es was kostet. Wer spenden will, darf das tun, es ist aber keine Pflicht. Nach dem Frühstück kann man zusammen Gottesdienst feiern. Wenn es in der Einladung zum Gemeindefest heißt „es gibt Bratwurst umsonst“, dann macht das einen Unterschied zu „es gibt Bratwurst“. Eine Familie, die wenig Geld hat, kommt vielleicht nicht, wenn sie nicht weiß, ob sie die Würste auch zahlen kann. Wenn es aber von vornherein klar ist, dass man nicht zahlen muss, dann kommen die Menschen. Und man kann ein Spendenkörbchen aufstellen. Meistens nehmen die Gemeinden über Spenden sogar mehr ein als über die verkauften Bons.

Was empfehlen Sie noch?

Erik Flügge: Jedes einzelne Zielgruppenformat saugt unglaublich viel Kraft. Selbst wenn diese Formate gelingen, wächst dadurch selten die Gemeinde – schließlich trennen diese Formate ja bewusst. Ich wäre deshalb dafür, dass jede Gemeinde ein verbindendes diakonisches Projekt entwickelt. Und dass sie die Feste besonders schön gestaltet. Bei Trauungen, Taufen, Konfirmationen sollten Gemeinden sich besonders anstrengen. Diese Gottesdienste sind oft schon schön. Aber feiert wirklich immer die ganze Gemeinde mit? Man könnte beispielsweise standardmäßig anbieten, dass der Chor bei einer solchen Gelegenheit singt. Die Haltung sollte sein: „Ich beschenke dich.“ Dann kommt meist auch viel zurück.

Erik Flügge, Autor, Politikberater. Foto: Werner KuhnleBei Gemeindefusionen ist es oft ein langer Weg zur gemeinsamen Identität. Was raten Sie?

Erik Flügge: In den Kirchen wird viel mit Budgetkürzungen gearbeitet. Viel besser wäre es jedoch, Anreize zu geben. Zum Beispiel 30 Prozent mehr Etat, wenn Gemeinden es schaffen, wirklich zu fusionieren. Man müsste unterschiedliche Anreizsysteme ausprobieren und nach fünf Jahren ein Fazit ziehen. Es geht auch darum, dass sich die Menschen kennen lernen. Ein gemeinsames Gemeindefest, nicht zwei, ein gemeinsamer Ausflug.

Was macht man mit Angeboten, die nicht so gut laufen?

Erik Flügge: Da gibt es eine typisch kirchliche Verhaltensweise: Mit hohem Aufwand wird etwas geplant, es kommen nur vier Leute. Eigentlich hat das Format nicht funktioniert. Aber Kirche sagt dann: „Die vier, die da waren, für die war es gut.“ Kirche nimmt die Fehler schon an, aber sie zieht die falschen Konsequenzen. Es wäre in dem Fall wichtig, diese Veranstaltungsform bleiben zu lassen. Es tut auch gut, wenn wir uns von manchen Sachen trennen! □

Der Politikberater und Bestsellerautor Erik Flügge ist auch bei der TV-Sendung Alpha & Omega zu Gast:
Ab 3. Juli auf www. kirchenfernsehen.de

Erik Flügge

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