Christliche Themen für jede Altersgruppe

Es begann mit Oberschwaben

Das Gustaf-Adolf-Werk Württemberg (GAW) wird 175 Jahre alt. Am 3. und 4. Februar wird gefeiert. Bis heute unterstützt es evangelische Minderheiten in aller Welt. Was nur noch wenige wissen: Auch der Gemeindeaufbau in Oberschwaben ist wesentlich dem GAW zu verdanken. 

Fest des Gustav-Adolfs-Werkes in Friedrichshafen: Die Gemeinden rund um den Bodensee haben sehr vom Gustav-Adolf-Werk profitiert. (Foto: privat/GAW)

1806 ist eine wichtige Jahreszahl in Württemberg. Da wurde aus dem Herzogtum ein Königreich. Gleichzeitig erhielt das Land nach dem Ende des Heiligen Römischen Reichs neue Gebiete zugesprochen. Es waren nun erstmals auch katholische Ländereien darunter.

Das katholischste aller katholischen Gebiete war Oberschwaben. Der Landstrich zwischen Donau und Bodensee gehörte einst zu Vorderösterreich. Mit den neuen Machthabern und den gefallenen Grenzen kamen nun auch Protestanten ins katholische Land.

Sie waren auf sich alleine gestellt, eine rechtliche Regelung verbot die Zuweisung aus Mitteln des verstaatlichten Kirchenguts. Da war es ein Segen, dass am 26. August 1843 in Württemberg eine Hilfsorganisation gegründet wurde, die notleidende evangelische Minderheiten unterstützen sollte. „Verein für die Gustav-Adolf-Stiftung“ wurde sie genannt und gleich vom König anerkannt, der einer ihrer ersten Mitglieder war.

Ursprünglich sollte sie Protestanten im Ausland helfen, den Menschen in Österreich etwa, das als Inbegriff der Gegenreformation galt. Doch dann, die Not im eigenen Lande erkennend, kam es zu einer weitreichenden Entscheidung: Wesentliche Teile der Hilfsgelder sollten nun nach Oberschwaben fließen, zu Spitzenzeiten war es fast die Hälfte aller Zuwendungen.

„Es gibt keine kirchliche Einrichtung in Oberschwaben, die nicht vom GAW unterstützt oder überhaupt erst ermöglicht wurde,“ sagt Jost Wünsche aus Tettnang. Wünsche (83) stammt selbst aus der Diaspora in Bodenseenähe und war 23 Jahre Vorstandsmitglied des Gustav-Adolf-Werks Württemberg. In einer Broschüre mit dem Titel „Evangelisch in Oberschwaben“ hat er das über hundertjährige Wirken des GAW dort beschrieben.

1865 hat es offiziell begonnen, per Grundsatzbeschluss war Oberschwaben nun eine der vordringlichen Aufgaben des GAW Württemberg. Das unterstützte nun Kirchenbauten und Religionslehrer, half evangelische Schulen einzurichten und Gesangbücher zu beschaffen.

Ein Meilenstein war 1883 die Eröffnung des Konfirmandenhauses in Altshausen, ein Internat für evangelische Jungen und Mädchen aus der Diaspora. Viele von ihnen bekamen dort das erste Mal Religionsunterricht. Selbst Schüler aus dem damaligen „Ausland“ Baden, Bayern und Hohenzollern zählten zu den Absolventen.

Bis in die 1980er-Jahre des letzten Jahrhunderts währte die Unterstützung des GAW in Oberschwaben. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es die große Zahl evangelischer Flüchtlinge, die Hilfe und Kirchenräume brauchten. Ein letzter markanter Neubau war 1960 das Waisenhaus Siloah in Eglofstal bei Wangen. Heute fließen keine Mittel des GAW Württemberg nach Oberschwaben. „Es ist nicht mehr notwendig,“ sagt auch Jost Wünsche aus Tettnang. Die vielfältigen Spuren der Unterstützungsarbeit für Oberschwaben sind freilich noch immer überall präsent.

Das gilt auch für die Struktur des Gustav-Adolf-Werks selbst. Denn einem ungeschriebenen Gesetz nach ist es in aller Regel der Prälat von Ulm, der den Vorsitz des GAW Württemberg übernimmt. Die Prälatur ist eben jene Prälatur, in der auch die oberschwäbische Diaspora liegt. Derzeitige Vorsitzende ist Gabriele Wulz, die Prälatin von Ulm. Seit 2002 steht sie an der Spitze des Gustav-Adolf-Werkes in Württemberg und seit 1. Januar 2016 auch an der Spitze des GAW Deutschland mit Sitz in Leipzig.
Württemberg ist ja nun auch nicht das unbedeutendste der GAW-Landeswerke. Im Gegenteil, unter den 21 Gustaf-Adolf-Vereinigungen auf landeskirchlicher Ebene gehört es zur Spitzengruppe. Immerhin finden sich hier fünf hauptamtliche Mitarbeiter, während in anderen Teilen des EKD-Gebietes ausschließlich Ehrenamtliche Dienst tun.

Die gibt es natürlich auch, knapp 500 Männer und Frauen engagieren sich im Gustav-Adolf-Werk Württemberg, zu dessen Besonderheiten auch der Freiwilligendienst gehört: 21 junge Menschen gehen von Württemberg aus jährlich hinaus in die Welt.

Über 120 Projekte stehen im neuen Katalog des GAW Württemberg. Es sind Hilfen, die nun wieder zu weit über 95 Prozent ins Ausland gehen, bei den Inlandsförderungen sind es heute die neuen Bundesländer, die profitieren. Rund zwei Millionen Euro hat das württembergische GAW jährlich zu vergeben, Mittel, die im Wesentlichen durch Gottesdienstopfer und Spendengelder zusammenkommen.
Wichtigste Säule ist das Gottesdienstopfer am 1. Advent. Schon bald nach der Gründung 1843 wurde es festgelegt, es besteht bis heute und ist an sämtlichen Gottesdienstorten in Württemberg Pflicht. Freiwillig hingegen die Konfirmandengabe, die an vielen Orten auch immer noch Tradition hat. „Beides eine württembergische Besonderheit,“ wie Manfred Bittighofer, GAW-Ehrenvorsitzender und ehemaliger Stiftskirchenpfarrer in Stuttgart betont.

Bittighofer hat die GAW-Arbeit über Jahrzehnte begleitet, miterlebt wie die Landesfeste des Gustav-Adolf-Werkes „fast kleine Kirchentage waren“. Alle zwei Jahre feiert das Gustav-Adolf-Werk in einem anderen Kirchenbezirk in Württemberg. Dass sämtliche Gemeinden automatisch Mitglied im GAW sind, zeigt die enge Verzahnung mit der Landeskirche, ohne dass das Gustav-Adolf-Werk ihr direkt angehört. „Eine Graswurzelbewegung, ganz dicht an der Basis dran“, sagt die Vorsitzende, Prälatin Gabriele Wulz. Zu dieser Graswurzelbewegung gehörten stets auch die Gustav-Adolf-Frauen- und Freundeskreise. Schon bald nach der Gründung waren sie entstanden, über 100 zählte man um 1900. Momentan sind es 37, Tendenz sinkend. Der Wandel der Zeiten geht auch am Gustav-Adolf-Werk in Württemberg nicht spurlos vorüber.

Es ist dennoch so aktiv und rührig wie eh und je. Mit Michael Pross ist seit September 2017 ein junger neuer hauptamtlicher Geschäftsführer im Amt. Der Diakon und Betriebswirt hat nun die Aufgabe, eine Projektarbeit zu koordinieren, deren Bedarf noch immer da ist: Russland steht an der Spitze der Förderung, gefolgt von Braslien und Rumänien. Aber auch in klassische Diaspora-Länder wie Österreich und Italien fließt Geld für den Gemeindeaufbau. Übrigens immer in Kombination mit einem mindestens 50-prozentigen Eigenanteil: Hilfe zur Selbsthilfe, beim GAW gilt das schon seit sehr langen Jahren.