Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Es geht mir gut“

Im Sommer 1914 zogen junge Männer begeistert für Gott, Kaiser und Vaterland in den Krieg. Die Hochstimmung war bald verflogen. Kinder bangten um ihre Väter, Frauen um ihre Ehemänner. Kontakt war nur durch Feldpostbriefe möglich. Beispiele von zwei Soldaten von der Schwäbischen Alb. 


Auch Gefechte wurden auf Feldpostkarten dargestellt. (Foto: Archiv Frank)

 Aber es ging auch in die andere Richtung: Die Soldaten schrieben Millionen Feldpostkarten und Briefe in ihre Heimat. Die erhaltenen Schriftstücke geben einen Einblick in den Kriegsalltag und in die Gefühlswelt der Soldaten – auch wenn wegen der Zensur vieles nur allgemein formuliert werden konnte.

Anton Aufrecht (1873?–?1956) aus Donnstetten (heute Römerstein) war Oberpostmeister und Postillon in Laichingen auf der Schwäbischen Alb. Im Ersten Weltkrieg war er Landwehr-Infanterist. Er hat jede Möglichkeit zum Schreiben genutzt. Von seiner Feldpost sind allein um die 300 Karten erhalten, die er seiner Patentochter Eva ins württembergische Gruorn geschrieben hatte. Fein säuberlich eingeheftet in ein feldgraues Jugendstil-Album, mit einem Bild des Kaisers auf dem Einband und schwarz-weiß-roter Banderole, haben sie die Zeiten überlebt. Die Kartenmotive: Kriegspropaganda des Kaiserreichs. Die Zeilen auf der Rückseite: sehnsuchtsvolle Lebenszeichen des einfachen Soldaten.

Bildpostkarten von zerstörten Dörfern an der Westfront sollten den deutschen Vormarsch – und die französische Barbarei – veranschaulichen. Eine Karte zeigt Buzancy bei Sedan in den Ardennen: „Rekrutendepot des XIII. Armeekorps, 27. Division“ steht dort, Soldaten posieren auf der Dorfstraße, ein Pferdefuhrwerk fährt vorbei, im Hintergrund die Dorfkirche.

Musketier Anton Aufrecht diente in der 3. Kompanie des Landwehr-Infanterie-Regiments 121 des württembergischen Heeres. Das Regiment wurde zu Beginn des Krieges der 5. Armee zugeschlagen, unter dem Oberkommando des preußischen Kronprinzen Wilhelm. Als Armeechef hatte der Kaisersohn allerdings wenig zu melden. Die Strategie bestimmten der Generalstabschef des deutschen Heeres, Erich von Falkenhayn, und sein Stabschef, General von Knobelsdorff. Wilhelm zeigte sich aber an der Front, ein Bild entstand vor seiner Stabsstelle in Stenay, einem Ort in Lothringen am Rand der Ardennen, 40 Kilometer nördlich von Verdun. Der Kronprinz war bei den Truppen beliebt, bei seinen Fahrten hinter der Front schenkte er den Soldaten Zigaretten.

Und wieder Bildkarten von den zerstörten französischen Ortschaften, vor allem in den Vogesen: die zerstörte Kirche in Angomont, die Trümmer von Senones, Bréménil, Montfaucon im ­Oberelsass, die zerstörte Kirche in Montigny, die Ruinen von Dun an der Maas. Die Karten sollten die Moral an der Heimatfront stärken, indem sie die Überlegenheit des deutschen Militärs darstellten: „Ein deutsches Landwehr-Regiment vernichtet bei Tagsdorf 800 afrikanische Jäger in 3 Minuten.“ Ein tragisch-zynischer Triumph der Technik.

Das Gefecht am 9. August 1914 bei Tagsdorf im Elsass wurde patriotisch verklärt. Die Fakten: Das Landwehr-Infanterie-Regiment 109 traf bei seinem Vormarsch durch das Elsass südlich von Mühlhausen mit seinen Maschinengewehrzügen auf zwei Schwadronen französischer Kavallerie der 4. Chasseurs d’Afrique. Anscheinend kannten die afrikanischen Jäger die tödliche Zerstörungskraft der Maschinengewehre nicht. Sie ritten – bereit zum Nahkampf Mann gegen Mann – auf die deutschen Stellungen zu und wurden niedergemäht. Ein deutscher Augenzeuge berichtete, dass 14 Jäger getötet wurden, dazu 45 Pferde. 27 Gefangene wurden nach Lörrach gebracht.

Am 14. Dezember 1914 dann eine Gedichtkarte: „Deutsche Freiheit, Deutscher Gott, Deutscher Glaube ohne Spott, Deutsches Herz und Deutscher Stahl, sind vier Helden allzumal.“ Auf der Rückseite steht: „Es geht mir gut, dein Patenonkel.“

Eine Karte zeigt die Kirche von Bazeilles, bei Sedan in den Ardennen: „In dieser Kirche habe ich Harmonium gespielt, es war ein Mönch drin, er sagte aber nichts.“

Am 24. Dezember 1914: „Herzliche Grüße sendet dein Patenonkel, geschrieben in Cesse, den 24. Dezember, am heiligen Abend des Kriegsjahres 1914.“ Das erste Kriegsweihnachten. Kronprinz Wilhelm hatte den Soldaten seiner 5. Armee als persönliche Geste Tabakspfeifen geschenkt, dazu einen gut gefüllten Tabaksbeutel. Auf dem Pfeifenkopf prangt das Porträt Wilhelms, auf der Rückseite die Aufschrift: „5. Armee, Weihnachten 1914.“

Dann wieder zerstörte Dörfer: Parux in Lothringen, Longuyon, Apremont, Pillon, Angomont.

Am 14. März 1915: „Ich hatte heute frei, war in der Kirche in Stenay. Es ist das erste Mal, seit ich hier bin, dass ich an einem Sonntag frei habe.“

Das zerstörte Doulcon, zehn Kilometer südlich von Stenay, geschrieben am 26. Mai 1915: „Meine Lieben! Brief und Karte habe ich erhalten, besten Dank. Es geht mir gut, wünsche euch alles Gute!“

Drei Tage später: „Herzlichen Dank für das erhaltene Paket, es schmeckt gut. Liebes Kind, du schreibst, ich schreibe immer so gut ... ich kann aber nicht alles Böse schreiben, so viel Briefpapier habe ich nicht. Aber ich bin zufrieden, ich bin noch gesund, und zum Vergnügen hat man mich nicht hierhergeschickt ...“ Auf dem Koppelschloss trug er das Motto „Furchtlos und Trew“, den alten Wahlspruch aus dem Wappen des Königreichs Württemberg.

Viele bunte Karten rühmen Hindenburg, den Generalfeldmarschall und Helden der Schlacht von Tannenberg, den Befreier Ostpreußens von den Russen. Sein Porträt ziert sein Spruch: „Vorwärts mit Gott für König und Vaterland, bis der letzte Russe besiegt am Boden liegt“. Ein anderes Motiv zeigt einen Gefreiten, der als Steinmetz an einem Hindenburg-Denkmal meißelt: „An diesem Stein soll sich die Russenwelle brechen.“ Die Bibel muss herhalten, wenn Hindenburg aus dem 1. Johannesbrief zitiert: „Keiner hat größere Liebe, denn der sein Leben lässt für die Brüder – Von Hindenburg, Generalfeldmarschall“.

Die Karte vom 27. Februar 1916 zeigt das zerstörte Vigneulles in den Vogesen: „Brief vom 24. erhalten, besten Dank. Heute gab es viel Arbeit, es sind wieder 25 Waggons eingelaufen ...“ Was eingelaufen war, durfte er vermutlich nicht schreiben. Es waren eventuell Haubitzengeschütze, Mörsergranaten, Munition für die Maschinengewehre. Bereits seit Ende 1915 liefen die Vorbereitungen für den deutschen Angriff in Verdun. Vor der Festung wurden 1220 Geschütze zusammengezogen, während 1300 Munitionszüge zweieinhalb Millionen Artilleriegeschosse an die Front transportierten.

Die Schlacht um Verdun begann am 21. Februar 1916 mit einem deutschen Artillerieangriff auf die französische Festung. Die geschriebenen Zeilen wurden dünner, wortärmer: „Es geht mir gut, dein Patenonkel Anton.“

Den Soldaten graute vor dem Fronteinsatz bei Verdun. Das Schlachtfeld war „Blutpumpe“, „Knochenmühle“ oder schlichtweg „die Hölle“. Das Kampfgebiet war ein einziges Schlammfeld, die Granattrichter mit Wasser und Leichen gefüllt. Alleine auf deutscher Seite wurden um die 1?200?000 Mann durch die „Hölle von Verdun“ geschickt, über 100?000 sind gefallen. Die Schlacht endete am 20. Dezember 1916 – ohne wesentliche Verschiebung des Frontverlaufs.

Zur Sorge um einen selbst kam die Sorge um andere. 1917 wurde der Bruder seiner Patentochter Eva an die Westfront geschickt. Auch er hieß Anton, benannt nach ihm selbst. Anton Seitz wurde 1898 in Gruorn geboren. Später musste das Dorf zur Erweiterung des Truppenübungsplatzes Münsingen geräumt werden; die Bewohner wurden umgesiedelt. Der „kleine“ Anton arbeitete als Drucker im benachbarten Münsingen. Er war zunächst zurückgestellt worden und schrieb am 16. November 1916: „Liebe Schwester! Dass ich an der Musterung wegen Herzfehler zurückgestellt worden bin, wirst wissen, muss aber schon im Januar wieder dran glauben, dann langt’s, hat’s geheißen.“ Im Januar 1917 hat es „gelangt“, der 18-jährige wurde ins Fußartillerieregiment 13 eingezogen, ein paar Wochen später war er Kanonier in der Feldbatterie 6 vor Verdun.

Es war nicht mehr die brutale Abnutzungsschlacht wie im Vorjahr. Die deutsche Taktik des „Weißblutens“ der französischen Regimenter war eingestellt worden, weil auf beiden Seiten nur noch wenig „frisches Blut“ nachkam. Es war jetzt ein Stellungskrieg mit hin und wieder heftigen Gefechten. Am 22. April 1918 schreibt Anton Seitz: „Jetzt ist’s gottlob auch in unserem Abschnitt wieder ruhiger. Füllemann Hans kann nur froh sein, dass er für einige Zeit weg ist. Die, welche gefallen sind, sind am besten dran, sie haben doch alles überstanden, denn die Welt bietet nichts Gutes.“

1918 waren die deutschen Truppen an der Westfront geschwächt, die Soldaten waren ausgelaugt und unterernährt. Doch auch in der Heimat hungerten die Menschen. Um die Versorgung der Zivilbevölkerung aufrechtzuerhalten, wurden Paketsperren verhängt. „Wenn ich euch bitten darf, würdet ihr mir, solange die Paketsperre dauert, etwas Zucker schicken, bis zu 50 Gramm geht’s ja“, schreibt Anton nach Hause. „Vielleicht könnt ihr einige Maggi-Suppenwürfel oder sonst irgendetwas gut und leicht zum Kochen Geeignetes beilegen. Hier sind wir arg auf uns selbst angewiesen. Jeder schaut eben, dass er etwas zum Kochen hat. Heftpflaster, und vielleicht ein wenig Tee und Waschlappen könnt ihr auch in einem Brief schicken. Euer Anton.“

Von der anfänglichen Euphorie aus den Sommermonaten 1914 war im April 1918 nichts mehr übrig: „Möge es doch Gottes Willen sein, dass der Krieg bald ausgeht. Ich würde ja gerne alles geduldig tragen und mitmachen, wenn es nur nicht mehr zu lange geht.“

Die Briefe geben auch einen Einblick in den Alltag hinter der Frontlinie: „Wir wohnen hier in Betonunterständen, die sind einige Stunden bei Nacht mit elektrischem Licht beleuchtet, geht dieses aus, dann behilft man sich mit Karbidlampen oder Kerzen. Wenn es ruhig ist, geht man ans Wasser und wäscht sich und seine Hemden, oder man kocht, wenn man etwas hat. Schlagen dann Granaten in nächster Nähe ein, duckt man sich, im nächsten Augenblick ist man mit seinen Siebensachen verschwunden. Jede dritte Nacht kann man schlafen. Überall sind Drahtverhaue und Granattrichter.“

Das Gebiet an der Maas wurde gegen Ende des Krieges wieder zum Schauplatz von größeren Gefechten. Amerikaner und Franzosen starteten von Verdun aus mehrere Offensiven gegen die Deutschen. Am 1. Juni 1918 schreibt Anton Seitz: „Wir haben jetzt schwere Tage hinter uns, gottlob habe ich sie glücklich überstanden. Vielleicht habe ich bald Urlaub, dann könnte ich in der Heuet einige Tage helfen. Hier haben die Leute schon viel Heu daheim, hoffentlich habt ihr auch so schönes Wetter wie hier.“

Am 2. Juni 1918 ist die letzte erhaltene Postkarte abgestempelt: „Liebe Schwester, hier ein kleines Lebenszeichen, es geht mir immer gut, hoffe das Gleiche auch für dich. Dein Bruder Anton.“

Einige Wochen später dann sein letzter Einsatz im sinnlosen Stellungskrieg vor Verdun. Vielleicht hatte er noch am Morgen das „Evangelische Kriegsgebetbüchlein für die württembergischen Truppen“ zur Hand genommen. Da heißt es im Morgengebet: „Der Tag bricht an. Ich danke dir, dass du mir ihn schenkst. Vielleicht ist es mein letzter, dann gib mir ein seliges Ende…“. Anton Seitz fiel nur wenige Wochen vor Kriegsende 20-jährig am 10. Oktober 1918 in Verdun.


  • Im Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Stuttgart) ist ab 4. April die Ausstellung „Fastnacht der Hölle. Der Erste Weltkrieg und die Sinne“ zu sehen. Mit Originaltönen, Kriegszwieback, Feldpostbriefen, Filmausschnitten und Fotos wird versucht, den Ersten Weltkrieg begreifbar zu machen.

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