Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Es geht nicht ohne Segen“

REUTLINGEN – Der Bedarf an Seelsorge in Pflegeheimen ist groß. Damit auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Altenpflege spirituellen Beistand leisten können, gibt es für sie eine Fortbildung. Der erste Kurs ist vorbei, die Erfahrungen sind ermutigend.

Yuka Suzuki und Claudia Krejci arbeiten in der Altenpflege und halten in ihren Einrichtungen Gottesdienste.
Foto: Wolfgang Albers


So richtig wohl gefühlt hat sich Claudia Krejci nicht. Obwohl sie ja nur das Beste im Sinn hatte. Aber: War das alles okay, wie sie vorging?

Claudia Krejci ist Betreuungs-Assistentin in der Altenhilfe und arbeitet für die Bruderhaus Diakonie im Pliezhäuser Pflegeheim „Haus am Schulberg“. Und hat in der Corona-Phase gemerkt, wie sehr die dort Wohnenden unter der erzwungenen Isolation gelitten haben. Gerade auch in einem besonderen Punkt: „Den Leuten fehlten spirituelle Angebote.“ Es war die Zeit, in der ja auch von den Kirchen niemand ins Haus kam.

Da hat Claudia Krejci zur Selbsthilfe gegriffen. Hat sich ein Buch gekauft, das biblische Themen leicht verständlich aufbereitet hat, hat das mit Sinneseindrücken unterfüttert: „Am Mutter- oder Vatertag haben die Frauen Rosen bekommen, die Männer Muffins.“

An den Reaktionen hat Claudia Krejci gemerkt, wie wichtig ihr Angebot war. Aber die Zweifel blieben: War ihre selbstgestrickte Seelsorge wirklich richtig? „Ich bräuchte eine Fortbildung“, dachte sie.

Was sie nicht wusste: So alleine war sie mit ihrem Handeln und ihren Gedanken gar nicht. In der Reutlinger Altenhilfe, einem städtischen Träger, arbeitet Yuka Suzuki im Haus am Reichenbach, ebenfalls als Betreuungs-Assistentin: „Ich habe bei den Leuten schon immer viel Bedarf gesehen.“ Dann kam die Pandemie, kein Pfarrer konnte rein: „Da habe ich ein Kirchenliedersingen gemacht.“ Und auch kleine Feiern, in denen über Texte gesprochen wurde.

Aber für manche Bewohner fehlte immer noch was: „Es geht nicht ohne Segen, es geht nicht ohne Pfarrer.“ Für Yuka Suzuki war klar: „Ich will auch einen Gottesdienst gestalten.“ Aber sie hatte ja keinen kirchlichen Auftrag.

In diese Sackgasse flatterte ein Flyer von Martin Schmid. Der Diakon hat auch eine Projektstelle der Landeskirche für Altenheimseelsorge, in der Reutlinger Gesamtkirchengemeinde ist sie verankert. Ein Projekt, das gezielt ökumenisch ausgerichtet ist. So arbeitet auch Uli Letzgus mit, katholischer Diakon in der Altenheimseelsorge.

Der blaue Schal als Zeichen

 

Ausgangslage ist ein Trend: Pfarrstellen gehen zurück, Pflegeheime und ihre Bewohner nehmen zu. Seelsorge-Defizite sollen durch den Aufbau einer Ehrenamts-Struktur ausgeglichen werden. Und wer ist dafür geeigneter als Betreuungs-Assistentinnen, sagt Martin Schmid: „Sie kennen die Menschen, sind kommunikativ, sind Beziehungsgestalterinnen.“

Und so schickte Martin Schmid einen Flyer raus und lud zu einem Abend ein, um dieses Projekt vorzustellen. Kaum hatte Claudia Krejci ihn in den Händen, wusste sie: „Das mache ich.“ Beim ersten Treff merkte sie auch, dass viele andere wie sie auf eigene Faust spirituelle Angebote gemacht hatten.

Aber geht das so einfach? Ohne amtlichen Segen? Tatsächlich gab es schon Vorläufer dieser Bewegung und erste Überlegungen in der Kirchenleitung. Solche Leute brauchen erst einmal eine Prädikanten-Ausbildung, hieß es da. „Aber es war schnell klar: Das ist zu viel Aufwand“, sagt Martin Schmid. „Wir müssen einen anderen Weg gehen.“

Der dann eine Fortbildung war, die die Begabungen der Teilnehmenden – zwölf Frauen und Männer waren es im Premierenkurs – förderte („macht das, was ihr könnt, was ihr euch zutraut“), auf Herausforderungen einging wie die neue Rolle, die man damit übernimmt, und etlichen „Input“ für die Praxis gab. Am Schluss gab es eine Segnungsfeier – und blaue Schals für alle, sozusagen die Dienstkleidung. „Das hat schon eine Wirkung“, zeigt sich Claudia Krejci froh darum.

Yuka Suzuki spendet jetzt auch den Segen, hat an Weihnachten und Ostern Gottesdienste gehalten, die es sonst im Heim nicht gegeben hätte: „Die Bewohner waren begeistert.“ Es gibt ja schon viele im Heim, die früher in die Kirche gegangen sind: „Die sagen jetzt: Ich kann das nicht mehr, und das ist traurig. Ich bin jetzt Ansprechpartner für die Kirche im Heim.“

Das ist schon eine interessante Entwicklung, wenn man an starre Amtsverständnisse denkt. „Das ist eine konsequente Umsetzung des Priestertums der Gläubigen“, sagt Martin Schmid. Und Claudia Krejci, die ebenfalls segnet, sagt dazu: „Wenn die Kirche die Menschen erreichen will, muss sie sich öffnen.“

Das Projekt wird weiter entwickelt, jetzt kommen auch die Fragen der Praxis. Wie werden Pflege und spiritueller Dienst kombiniert? Immerhin haben die Häuser anerkannt, dass spirituelle Begleitung Teil der Arbeit ist und nicht noch als ehrenamtliches Engagement draufgepackt wird – das würde schnell zur Überforderung führen. Generell ist Martin Schmid optimistisch, wenn er an seinen ersten Kurs denkt: „Da war geballte Motivation zu spüren.“ □

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