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„Es ist ein einsames Sterben“ - Abschiednehmen auf Distanz

Durch die Corona-Pandemie gibt es auch in Stuttgart mehr Todesfälle als sonst. Was es für die Hinterbliebenen bedeutet, wenn ihre Angehörigen an Covid-19 gestorben sind und wie sich der Trauerprozess ändert, darüber hat Juliane Eberwein mit der Bestatterin Nicole Bornkessel gesprochen.

Gespräch auf Distanz: Juliane Eberwein (links) und Nicole Bornkessel. Foto: Evangelisches Medienhaus GmbH
Gespräch auf Distanz: Juliane Eberwein (links) und Nicole Bornkessel. Foto: Evangelisches Medienhaus GmbH


Wir hören jeden Tag in den Nachrichten, wie viele Todesopfer die Pandemie schon gefordert hat. Wie ist die Lage bei Ihnen in Stuttgart – haben Sie zur Zeit mehr zu tun als sonst?

Nicole Bornkessel: Wir verzeichnen deutlich mehr Sterbefälle, so circa 15 bis 20 Prozent sind es aktuell. Und diese höhere Zahl an Sterbefällen lässt sich auch auf Corona zurückführen. Natürlich nicht alles komplett, aber eben auch. Trotzdem ist es in unserem Bestattungsinstitut in Stuttgart noch überschaubar. Von Kollegen aus anderen Bundesländern höre ich, dass es dort sehr viel herausfordernder und das Arbeitsaufkommen sehr hoch ist.

Immer wieder gab es in den vergangenen Monaten Bilder in den Medien, die erschreckende Szenarien gezeigt haben, wie zuletzt die völlig überfüllten Krematorien in Ostdeutschland. Wird das zu überzeichnet dargestellt?

Nicole Bornkessel: Nein, das glaube ich nicht. Man kann die Lage in Deutschland zwar nicht pauschal erfassen, sondern man muss nach Bundesland und Hotspot bewerten, aber insgesamt ist die Lage angespannt. Ich habe einen Artikel gelesen von einem Kollegen in Sachsen, der wortwörtlich geschrieben hat: „Das was ich jetzt erlebe, habe ich in meiner gesamten Berufslaufbahn noch nicht erlebt.“ So ein hohes Aufkommen an Sterbefällen kannte er nicht bisher. Solche Aussagen erschrecken mich, gerade wenn sie von so erfahrenen Kollegen kommen, die diesen Beruf seit Jahrzehnten ausüben.

» Da war eine große Unsicherheit «

Vor einem Jahr hat die Pandemie begonnen. Welche Herausforderungen hatten die Bestatter damals?

Nicole Bornkessel: Zu Beginn der Pandemie war es noch nicht klar, inwieweit infektiöse Verstorbene versorgt werden können. Und das hieß damals dann auch, dass sie eben nicht versorgt wurden. Sie nach dem eingetretenen Tod nur in die Bergehülle gebettet und dann maximal noch vom Amtsarzt ein zweites Mal untersucht. Da war schon eine große Unsicherheit. Was darf man, was darf man nicht? Was gilt heute, was gilt morgen nicht mehr? Wie kommen wir im Team damit klar? Was dürfen Angehörige? Da mussten wir auch immer schauen, dass wir rechtlich auf der sicheren Seite sind. Bis dann die Regeln klar waren und wir wussten, in welche Richtung es weiter gehen kann.

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Und wie sind die Regeln heute?

Nicole Bornkessel: Bei Covid-19- Verstorbenen werden die Schutzmaßnahmen ergriffen, die für alle höchstinfektiösen Verstorbenen gelten, also für alle meldepflichtigen Krankheiten nach dem Infektionsschutzgesetz. Das ist für uns Routine und bedeutet eben Schutzschuhe, Schürze, Brille, Visier, Handschuhe und natürlich eine Schutzmaske.

Wie unterscheidet sich ein Covid-19- Sterbefall von einem normalen, nichtinfektiösen Sterbefall?

Nicole Bornkessel: Die Begleitung der Angehörigen ist eine andere, weil die Trauer eine andere ist. Wenn eine Familie ein Familienmitglied an oder mit Corona verliert, bedeutet das in erster Linie, dass in der Regel kein Abschiednehmen möglich ist. Von uns Bestattern wird hier ein hohes Maß an Kreativität gefordert. Wir müssen den Überblick behalten, welche Dinge gerade möglich sind und welche nicht. Abschied am Sarg, ja oder nein, wie kann man die Trauerfeier gestalten und wie kann man diesen fehlenden Abschiednahme-Prozess durch andere Rituale ersetzen? Das stellt aus meiner Sicht aktuell die größte Herausforderung dar.

Was bedeutet es denn konkret, wenn Sie sagen, dass der Abschiednahme-Prozess gestört ist?

Nicole Bornkessel: Wenn der Covid-19-Erkrankte in einem Krankenhaus oder in einem Pflegeheim verstirbt, dürfen die Angehörigen ja oft im Vorfeld nicht mehr zu ihm. Das heißt, das Sterben ist für den Patienten einsam und für die Angehörigen furchtbar, weil sie diesen Prozess nicht begleiten können. Das Robert-Koch-Institut hält eine berührungslose Abschiednahme am Sarg mit dem entsprechenden Abstand zwar grundsätzlich für möglich. In den meisten Bundesländern ist das aber trotzdem untersagt.

Inwiefern verändert sich dadurch der Trauerprozess?

Nicole Bornkessel: Was das für die Familien im Einzelnen auf lange Sicht bedeutet, wenn der Trauerprozess sich derart verändert, dass wichtige Elemente daraus fehlen, weiß ich nicht. Auch deswegen glaube ich, dass es in diesen Fällen gut und hilfreich ist, wenn die Angehörigen sich professionell begleiten lassen.

Wie gehen Sie als Bestatterin damit um?

Nicole Bornkessel: Ein Trauerfall bedeutet für die ganze Familie zunächst mal eine große Ausnahmesituation. Die Zeit ist an für sich schon ganz besonders. Und wenn jetzt dazu kommt, dass eine Familie aufgrund von einem Sterbefall durch Corona den Sterbeprozess nicht begleiten konnte, dann bedeutet das für uns nochmal ein sensibleres Herangehen. Wir versuchen deshalb, die Wünsche der Angehörigen noch feiner heraus zu hören. Da ist es wichtig, dass wir mehr Halt geben, dass wir das Abschiednehmen so gut und kreativ wie möglich gestalten, um den Angehörigen einen bestmöglichen Abschied ermöglichen zu können.

» Ich wünsche mir mehr  Empathie «

Für Nicole Bornkessel macht es keinen Unterschied, wie alt ein Sterbender ist. Die Trauer ist immer groß.  Foto: Evangelisches Medienhaus GmbH/ Monika BluthardGibt es Momente, in denen Ihnen das auch für die Verstorbenen leidtut?

Nicole Bornkessel: Ja, mir tut es für den Verstorbenen dann besonders leid, wenn er nicht Abschied nehmen kann, oder wenn er nicht nach seinen Wünschen, die er bereits im Vorfeld festgelegt hat, versorgt und eingebettet werden kann. Wenn er keine Sargbeigaben mehr bekommen und auch nicht mehr offen aufgebahrt werden darf. Das finde ich schon tragisch.

In der Gesellschaft gibt es viel Kritik für die Corona-Maßnahmen. Kamen Sie damit bei Ihrer Arbeit auch schon in Berührung?

Nicole Bornkessel: Im Großen und Ganzen haben die Angehörigen viel Verständnis, vereinzelt begegnen uns allerdings schon auch einmal Menschen, die die Maßnahmen nicht akzeptieren können. So kam es bereits einmal vor, dass Angehörige eines Trauerfalls, der an Corona verstorben ist, ohne Masken auf die Trauerfeier kamen und wir sie dann darauf hinweisen mussten, dass eine Maskenpflicht auf dem Friedhof herrscht.

Es gibt immer wieder Menschen, die die Meinung vertreten, dass die Corona-Verstorbenen ja meistens alt waren und ohnehin bald gestorben wären. Wie empfinden Sie solche Aussagen?

Nicole Bornkessel: Für diese Argumentation habe ich persönlich kein Verständnis. Für mich macht es keinen Unterschied, wie alt jemand ist, weil es keinen Unterschied in der Trauer macht. Wenn jetzt zum Beispiel meine 84-jährige Mutter an Corona stirbt, würde ich doch auch nicht sagen: „Naja, die war jetzt 84 Jahre alt, hat ein schönes Leben gehabt, egal.“ Ich wünsche mir da von der Gesellschaft mehr Empathie und sich Hineinversetzen in die betroffenen Familien. Was würde das für mich bedeuten, wenn mein Angehöriger jetzt an Corona verstirbt inklusive aller Konsequenzen?

Wenn Sie Politikerin wären, wie vorsichtig wären Sie im Umgang mit der Pandemie?

Nicole Bornkessel: Wenn ich Politikerin wäre, wäre ich sehr vorsichtig in der Geschwindigkeit der Lockerungen und würde weiterhin auf Sicht fahren. Damit wir uns nicht durch vorschnelle Entscheidungen die Erfolge, die wir uns jetzt alle sehr hart erarbeitet haben, wieder zunichtemachen.