Christliche Themen für jede Altersgruppe

Es lebe die Ungerechtigkeit!

Kann man seinen Kindern stets  gerecht werden? Luthers Chefredakteurin Kerstin Fasel, selbst Mutter von zwei Kindern sagt „Nein!“. Und das ist auch nicht schlimm. Warum – lesen Sie hier.

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Mami, ich will auch auf den Schoß!“ Ich schüttele den Kopf. Denn gerade hat sich Friederike, eineinhalb, beim Sturz das Knie aufgeschrammt. Sie braucht Trost und Zuspruch – und sie braucht beides gerade jetzt. „Mami, ich WILL aber auf Deinen Schoß!“ Simon, dreieinhalb, lässt nicht locker. Er stampft mit dem rechten Fuß auf, beginnt an meiner Hose zu zerren, auf der noch die heulende Friederike sitzt, schließlich stimmt er in ihr Gebrüll mit ein. Ihres klingt nach Schmerz, seines nach Zorn.

Was tun in solchen Fällen? Soll ich mich zerschneiden, vierteilen? Manchmal, so denke ich, wäre es schon spannend, wenn man als Mutter vier Arme und zwei paar Schöße hätte, auf denen heulende, Trost suchende oder eifersüchtige Geschwister alle zur gleichen Zeit mit Liebe und Zuwendung versorgt werden können. Ach ja, und dann fällt mir ein: Ein weiteres Paar Arme für die parallel zu bewältigende Hausarbeit wären auch noch ganz nett. Doch so weit, habe ich mir sagen lassen, ist die Gentechnik noch nicht vorgedrungen. Das ist wahrscheinlich, was die Schöpfung angeht, auch ganz gut so.

Allen gerecht werden – kann ich das?

Jede Mutter, jeder Vater, die mehr als ein Kind aufziehen, kennt das: Es ist das schlichte Gefühl der Überforderung, das sich einstellt, wenn die Kinder mit ihren Bedürfnissen vor einem stehen – und dann ist halt gerade etwas so Aktuelles mit einem von den beiden passiert, dass man sich wirklich zuerst darum kümmern muss. Ist das nun ungerecht?

Aus der Perspektive des Kindes, das auf Zuwendung warten muss, vielleicht  ja. Aber aus der Perspektive der ganzen Familie: Unbedingt nein! Denn jedes Kind hat zu bestimmten Zeiten, bei bestimmten Anlässen, Erlebnissen und Abenteuern plötzlich einmal ein stark erhöhtes Bedürfnis an Zuwendung. Dieses Bedürfnis ist längst nicht immer gleich ausgeprägt. Aber dann, wenn es auftaucht, muss es auch befriedigt werden können und dürfen.
Ich tue das mittlerweile mit der festen Überzeugung, dass es Gerechtigkeit auf diesem Feld gar nicht geben kann. Denn das Schicksal schlägt nicht unbedingt nach Plan zu. Und erst recht nicht nach dem Prinzip einer ausgleichenden Gerechtigkeit. Was heißt das? Ganz einfach: Simon kommt heute Mittag traurig aus dem Kindergarten, weil seine beste Freundin Johanna heute krank war und er nicht mit ihr spielen konnte. Der ganze Tag, so scheint es, ist für ihn verdorben! Also ist es wichtig, dass er auf Mamas Schoß sitzen und sich seine Traurigkeit von der Seele reden kann. Nur so fängt er sich wieder, kann den Tag noch unter einem anderen Licht betrachten, wieder lachen – und den Nachmittag über vielleicht entspannter spielen.

In einem solchen Fall kann die Friederike vielleicht einmal für eine Viertelstunde nicht auf meinem Arm hocken, was sie an manchen Tagen mit sichtlichem Missfallen aufnimmt. Aber deswegen kann und darf ich mir als Mutter kein schlechtes Gewissen machen: Schließlich war sie als Nesthäkchen schon den ganzen Morgen exklusiv bei Mama gewesen. Da ist die Viertelstunde einmal nicht auf meinem Arm verkraftbar – auch für jemanden, der erst eineinhalb ist.

Gerechtigkeit gleicht sich aus – irgendwann!

Wichtig ist dabei auch, sich selbst als Mutter oder Vater gerecht zu werden. Erstens dadurch, dass beide gleichermaßen eine gute Beziehung zu ihren Kindern aufbauen. Eine Beziehung, die ihnen ermöglicht, Trost und Beistand gleichermaßen zu geben. Das ist übrigens für Väter gerade bei kleinen Kindern nicht immer ganz einfach. Vor allem dann, wenn die Kinder noch gestillt werden. Denn in einem solchen Fall ist die üblicherweise symbiotische Still-Beziehung zur Mutter sehr wirksam. Papas haben dann nur eine eingeschränkte Chance, als großer Tröster zu wirken. Deshalb meine Erfahrung: Bitte die Väter nicht entmutigen. Auch sie können kleine Kinder trösten – wenn sie sich nur trauen und wenn wir als Mütter es auch befördern!

Dieser Appell hat einen besonderen Grund: Wenn nämlich nicht nur die Mama Trost geben kann, sondern auch der Papa, dann fallen viele Anlässe von kindlicher Eifersucht einfach weg. Ein guter Weg, Gerechtigkeit zu schaffen.

Doch auch bei uns ist der Papa nicht immer greifbar. Was tun? Es gibt eine einfache Erfahrung, die in solchen Fällen die scheinbare Ungerechtigkeit der Zuwendung unwichtig werden lässt. Dann nämlich, wenn man als Eltern einen längeren Zeitraum betrachtet: Vorausgesetzt, man hat nicht gerade einen ausgesprochenen Pechvogel als Kind, das fünfmal am Tag stolpert, sich das Knie aufhaut oder den Kopf anschlägt und das deshalb quasi dauernde Aufmerksamkeit verlangt, so verteilen sich nach den Erlebnissen von erfahrenen Eltern, die ich befragt habe, die kleinen Katastrophen des Alltags mit ziemlicher Genauigkeit auf die Gesamtheit aller Kinder. Das heißt: Jeder ist auch einmal bei der Zuwendung dran. In der Summe gleicht sich die individuell erscheinende Ungerechtigkeit schließlich über eine Gesamt-Gerechtigkeit aus. Gut zu wissen!

Jeder zu seiner Zeit

Deshalb lautet meine Erfahrung: Bitte kein schlechtes Gewissen haben! Natürlich aber gilt es, gerade bei Zuwendungen, die über einfachen Trost hinausgehen, auch materielle Gerechtigkeit walten zu lassen. Ein Beispiel: Die sechzehnjährige Tochter geht für ein halbes Jahr ins Ausland – der elfjährige Sohn sollte sicher sein dürfen, dass ihm diese Chance ebenfalls von seinen Eltern geboten werden wird, wenn er so alt ist. Das müssen Eltern übrigens klipp und klar aussprechen, damit auch jeder in der Familie weiß, dass es einen solchen Ausgleich gibt. Unsicherheit hat auf diese Weise überhaupt keine Chance, sich zu entwickeln.

Ein anderes Beispiel: Der Älteste darf mit dem Papa nach Hamburg auf eine Geschäftsreise fahren. Die jüngere Schwester sollte sicher sein, dass sie ebenfalls einen solchen Trip gut hat, wenn sie in das entsprechende Alter kommt. Doch auch hier gilt für Familien der ebenso eiserne wie bewährte Grundsatz: Jedem Kind das, was es braucht, zu seiner Zeit. Ohne Angst, zu kurz zu kommen. Solch eine klare Familienregel schafft Vertrauen und Sicherheit – für die Eltern genauso wie für die Kinder.