Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Es war mein Traumberuf“

SCHORNDORF – Nach 31 Jahren wird die Schorndorfer Kirchenmusikerin Hannelore Hinderer aus ihrem Amt als Stadt- und Bezirkskantorin verabschiedet. Über 100 Mitwirkende werden im Gottesdienst am 10. Juli die von Hannelore Hinderer so geliebte Musica sacra feiern.

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt: Hannelore Hinderer wird künftig etwas mehr Freiräume haben.
Foto: Brigitte Jähnigen


Hannelore Hinderer kommt mit dem Fahrrad zum Termin. An der Dynamik, mit der sie in den Kirchplatz einbiegt, ist erkennbar: Hier geht keine in den „Ruhestand“. Konzerttermine für den Herbst sind angefragt, ein Abonnement für Sinfoniekonzerte in der Stuttgarter Liederhalle bezahlt. Und wenn sie künftig mit dem Fahrrad in die City von Schorndorf kommt, wird sie auch Zeit haben für ein Schwätzchen.

Das, sagt die begeisternde Erzählerin, sei ihr Auftakt in ein neues Leben. Freiberuflerin wird sie sein. Den streng getakteten Alltag hinter sich lassen und ihrer Leidenschaft für die Musik nachgehen. Es gibt ein Foto von Hannelore Hinderer bei ihrem Amtsantritt. Das schwarze Outfit macht die ohnehin schmale junge Frau noch schmaler. 35 Jahre ist Hannelore Hinderer damals alt. Hinter ihr liegen nicht nur die Kindheit in der musischen Familie, regelmäßige Gottesdienstbesuche und das Studium der Schulmusik (Hauptfach Orgel) an der Musikhochschule Stuttgart.

Es sind Jahre des Suchens und Findens einer dauerhaften beruflichen Perspektive. „Ich habe das Abitur mit 18 abgelegt, 25 war ich, als ich mit dem Studium fertig war, hatte auch die C-Prüfung. Kirchenmusikerin aber wollte ich nicht werden“, erzählt Hannelore Hinderer freimütig. Zu eng erschien ihr damals die Vorstellung von einem Berufsleben zwischen Orgel und Chorarbeit.

Kinderchor war ihr ein Anliegen

Also studierte sie weiter an der Musikhochschule Stuttgart, legte die A-Prüfung ab, belegte Meisterkurse und arbeitete nebenbei als C-Kantorin in Stuttgart-Untertürkheim. Eine 50-Prozent-Stelle beim Kantorat in Stuttgart-Vaihingen war eine weitere Station. Sie ermöglichte ihr eine rege Konzerttätigkeit.

„Ich hatte wahnsinnig dazugelernt, nach fünf Jahren Fokussierung auf Orgel und Kirchenchor hatte ich Lust auf eigene Ideen“, sagt die 66-Jährige. Ihre Geburtsstadt Schorndorf kam in den Blickwinkel, 1991 trat sie ihren Dienst als Stadtund Bezirkskantorin an. Alles war neu, aber nichts unbekannt. „Mein Vorgänger im Amt war mein früherer Lehrer, Kirchenmusikdirektor Gerhard Bornefeld, auf der Walcker-Orgel hatte ich mit 15 Unterricht“, sagt Hannelore Hinderer. Gerhard Bornefeld hatte einen Bruder, den Orgelsachverständigen und Komponisten Helmut Bornefeld. „Bei aller Leidenschaft für die Musik von Bach, Buxtehude, Reger, Schumann, Mendelssohn bin ich in die teilweise sogar avantgardistische Musik von Helmut Bornefeld hineingewachsen“, sagt Hinderer. So kam es, dass sie bis heute eine gefragte Interpretin für dessen Werke ist.

Neben gottesdienstlichem Orgelspiel und Orgelspiel zu Trauungen und Taufen hatte die Musikerin laut Vertrag auch mehrere Kinderchöre und die Erwachsenenkantorei zu leiten. Dazu Kurse zur Ausbildung von C-Kantoren abzuhalten und zwölf Konzerte, davon sechs eigene, zu organisieren. Dem Abschlusskonzert am diesjährigen Karfreitag – Johann Sebastian Bachs „Johannes-Passion“ – waren Aufführungen weiterer großer Meisterwerke der Kirchenmusik vorangegangen.

Dass Kirche mit Verkündigung und Musik durchaus über den eigenen Kirchturm hinausklingen kann, erlebten Besucher der Remstalgartenschau 2019. Hannelore Hinderer führte mit Chor und Orchester das „Wasseroratorium“ des zeitgenössischen Komponisten Enjott Schneider auf. Dass sie von ihrer einstigen Vorstellung, als Lehrerin zu arbeiten, viel in der Kinderchorarbeit umgesetzt hat, wärmt ihr Herz.

„Ich hab meinen Traumberuf an meinem Traumort gelebt“, resümiert die Musikerin. Verabschiedet wird sie in großem Stil am 10. Juli im Gottesdienst in der Stadtkirche. Die Matinee zur Schorndorfer Woche am 17. Juli (Beginn 11.15 Uhr) wird von ihr als Wunschkonzert veranstaltet.

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