Christliche Themen für jede Altersgruppe

Fastenzeit als Herausforderung - Impuls zur Predigt

Jesaja 58,6-8 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe. Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen.

 

Fastenzeit als Herausforderung

Impuls zum Predigttext für den Sonntag Estomihi: Jesaja 58, 1-9.

Von Thomas Stuhrmann

Thomas Stuhrmann ist Pfarrer in Abstatt. Foto: Privat

Thomas Stuhrmann ist Pfarrer in Abstatt. Foto: PrivatWie geht es Ihnen, wenn Sie in diesen Tagen vor dem Spiegel stehen und sich von vorne oder von der Seite betrachten? Strahlt Ihnen da die ganze Schönheit und Pracht Ihres Wesens und Daseins entgegen? Oder fällt der Blick vor allem auf das, was stört? Wieder eine neue Falte oder die Fettpölsterchen, die der Lockdown der vergangenen Wochen und die mangelnde Bewegung bei uns hinterlassen haben? Höchste Zeit, etwas daran zu ändern. Am besten gleich jetzt, wenn die „Fastenzeit“ beginnt. Das wäre ein guter Startpunkt oder nicht? So ein Blick in den Spiegel kann aber noch ganz andere Dinge zeigen. Wie sehe ich mich eigentlich selbst? Wer möchte ich gerne sein? Und wer bin ich wirklich?

Bei der Beschäftigung mit dem Predigttext für den Sonntag vor der Passions- und Fastenzeit musste ich unwillkürlich an den Scheinriesen aus der Geschichte von Jim Knopf denken. Nicht weil die Leute in der Geschichte vor diesem Riesen Angst haben, sondern weil einem der Blick in den Spiegel deutlich macht, dass man in manchen Dingen vielleicht selber so ein „Scheinriese“ ist. Von weitem groß und glänzend und über allem erhaben. Aber je näher man sich kommt, desto kleiner und unscheinbarer erscheint einem das eigene Leben und Handeln. Desto mehr wird einem bewusst, wie zerbrechlich und voller Fehler vieles von dem ist, was uns ausmacht: Der Job, unser Ruf, die Beziehung zu unseren Mitmenschen und manches mehr.

Wenn ab Mittwoch für uns Christen die alljährliche „Fastenzeit“ beginnt, werden wir von Gott in unserem Glauben herausgefordert. Es geht darum, zu entscheiden, wie dieses Fasten bei uns aussehen soll. Wird es ein Fasten sein, um den Körper und das eigene Leben wieder in Form zu bringen und unser Spiegelbild zu optimieren? Oder soll unser Fasten sich an dem orientieren, was Gott ein Fasten nennt: „an dem ich Gefallen habe“? Aber Vorsicht, so ein Fasten kann herausfordernd sein. Denn bei dem, was Gott sich dabei vorstellt, bleibt kein Platz für Scheinriesen oder Komfortzonenjunkies.

Ein guter Startpunkt

Gerade erlebe ich, wie Menschen um mich herum die Kündigung bekommen. Andere können ihre Miete nicht mehr bezahlen. Und wieder andere stehen plötzlich vor der Obdachlosigkeit. Sind wir bereit, ihnen zu helfen? Für Gott hieße das „zu fasten“ – auf ein Stück unserer Zeit, unseres Geldes, ja vielleicht sogar unseres Wohnraums zu verzichten und etwas davon herzugeben, damit andere satt werden und ihnen konkret geholfen wird. Solch ein Fasten hieße auch, sich nicht damit abzufinden, dass Tausende von Flüchtlingen auf europäischem Boden in eisiger Kälte im Stich gelassen werden, anstatt sich ihrer anzunehmen und ihnen zu helfen.

Ja, so ein Fasten verlangt uns etwas ab. Nämlich Liebe, Mitgefühl und Barmherzigkeit. Ist das nicht das Gleiche, was Gott, unser Vater, und Jesus, sein Sohn, uns täglich entgegenbringen?

Sind wir für solch ein Fasten bereit? Denn das ist das Fasten, das Gott uns ans Herz legt.

Wer so fastet, kann freudig und dankbar vor den Spiegel treten und sich selbst darin sehen. Denn was er dort sieht, sind die Schönheit und Pracht, das Licht und das Heil, das Gott uns an jedem Tag in unser Leben hineinlegt.

Apfelhälften. Frucht. Foto: pixelio, Rainer Sturm

 

Gebet

Lieber Vater im Himmel, wir danken dir für deine Barmherzigkeit, mit der du uns am Leben erhältst und uns reichlich versorgst.

Öffne unser Herz für die Not der anderen.

Gib uns die Kraft und den Mut, unser Leben und unseren Reichtum mit anderen zu teilen.

Amen.

 

Thomas Stuhrmann ist Pfarrer in Abstatt.