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Fehler, nichts als Fehler - Internationaler Tag der Pressefreiheit

Pressefreiheit ist ein hohes Gut, im weltlichen wie im kirchlichen Bereich. Es geht um Meinungsfreiheit und Demokratie. Am 3. Mai wird ihrer gedacht, beim Internationalen Tag der Pressefreiheit. Dann stellt sich wieder einmal die Frage, wodurch sie eigentlich gefährdet ist. Die Antworten sind keineswegs so einfach, wie manche meinen. Ein Praxisbericht.

Wahrheit oder nur eine Zeitungsente? Die Grenzen sind nicht immer so eindeutig, wie manche meinen. Fotos: adobe stock/ blende11.photoWahrheit oder nur eine Zeitungsente? Die Grenzen sind nicht immer so eindeutig, wie manche meinen. Fotos: adobe stock/ blende11.photo

Putin, Erdogan und Trump. Die diktatorischen Typen fallen einem als Erstes ein, wenn es um die Gängelung der Medien geht. Die Feinde der Pressefreiheit, die das freie unzensierte Wort nicht respektieren. Ich bin über 25 Jahre in diesem Beruf, mit Putin, Erdogan und Trump freilich hatte ich persönlich noch nie etwas zu tun. Auch Angela Merkel oder ihr Pressesprecher haben sich noch nie bei mir gemeldet.

Die Probleme im Alltag vieler bundesdeutscher Journalisten liegen ganz woanders. In den 90er-Jahren bei der Lokalzeitung gab es viele Scharmützel mit Kommunalpolitikern, Kirchenvertretern, Verbandsvorsitzenden und Umweltaktivisten. Die Frage, ob sie den Beitrag vor der Veröffentlichung lesen dürfen, hat jedoch kaum einer gestellt.

Das hat sich geändert. Immer öfter wollen Gesprächspartner den Text vor Abdruck noch einmal sehen. Da gibt es Bildungseinrichtungen, die sich brüsten, nach dem Zweiten Weltkrieg Kurse für Journalisten gegeben zu haben, damit sie wieder den Umgang mit dem freien Wort lernen, nur um anschließend die Frage nach dem Gegenlesen zu stellen. Eine seltsame Haltung.

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Erklärt man ihnen dann, dass das nicht üblich und schon gar nicht im Sinne der Pressefreiheit ist, dann stößt das häufig auf Unverständnis: Darum gehe es doch gar nicht, man wolle nur, dass keine Fehler in der Zeitung stehen. Das freilich wirft die Frage auf, was überhaupt ein Fehler ist. Wird der Vorname falsch geschrieben oder eine Jahreszahl, mag es noch eindeutig sein. Der Rest jedoch hat oft etwas mit dem zu tun, was Leute gerne über sich lesen wollen und was nicht. „Das stimmt doch gar nicht“, heißt häufig nichts anderes als: „Ich sehe das aber anders“. Eine Frage der Wahrnehmung also und keineswegs, ob der Journalist hier etwas falsch gemacht hat.

Pressefreiheit - Das freie Wort ist in Gefahr

Den einzigen Fehler, den Journalisten diesbezüglich machen können, ist es, den Text tatsächlich vorzulegen. Es hat einen faden Beigeschmack und endet zumeist in unerfreulichen Diskussionen. Viel wichtiger ist jedoch, dass derjenige, der seinen Text „Korrektur lesen“ lässt, von vorneherein mit einer Schere im Kopf arbeitet: Unweigerlich werden Formulierungen vermieden, die man unter anderen Voraussetzungen bedenkenlos verwenden würde.

„Journalismus ist all das, was ansonsten verschwiegen werden sollte“, hat einmal der Spiegel-Gründer Rudolf Augstein gesagt. Das ist zwar etwas krass ausgedrückt, trifft aber im Kern das Thema. Journalistinnen und Journalisten schreiben Klartext und halten keine Informationen zurück. Ganz im Gegensatz zu den Pressestellen von Institutionen, Verbänden und Unternehmen, die womöglich zwar den Vornamen korrekt schreiben, ansonsten aber vieles unter der Decke lassen oder zumindest so ausdrücken, dass es nicht verstanden wird.

Tatsächlich gibt es in der bundesdeutschen Medienpraxis aber eine Darstellungsform, bei der der Text vom Gesprächspartner freigegeben wird: das Wort-Interview. Grund dafür ist unter anderem das Urheber- und Persönlichkeitsrecht. Das, womit jemand zitiert wird, soll auch wirklich seinem eigenen Wortlaut entsprechen. Weil aber selten Wortprotokolle abgedruckt werden, muss der Journalist zusammenfassen und stimmt die Zitate auf Verlangen dann noch einmal mit dem Interviewpartner ab.

Eine zweischneidige Angelegenheit, weil gerne auch das herausgestrichen wird, was wirklich genau so gesagt wurde. Die griffige Formulierung aus dem persönlichen Gespräch gilt plötzlich nicht mehr, weil den Interviewten der Mut verlässt. Ein Grund, warum in England und Amerika auf solche Gesprächsautorisierungen verzichtet wird.

Und so stellt sich immer wieder die Frage, wer eigentlich die Kontrolle über den Text hat. Bei einer redaktionellen Berichterstattung ist das eindeutig: die Redaktion – und nicht etwa der Gesprächspartner. Will der genau bestimmen, was veröffentlicht wird, muss er eine Anzeige schalten: eine bezahlte Auftragsarbeit, die im Blatt auch so kenntlich gemacht wird.

Zeitung. Foto: Andrys Stienstra, pixabayZeitung. Foto: Andrys Stienstra, pixabay

Letztlich geht es immer um die Glaubwürdigkeit der Medien. Die Leserinnen und Leser haben ein Recht auf unabhängige redaktionelle Inhalte, dafür bezahlen sie auch Geld. Kein Zensor und kein Gegenleser hat das zu verwässern oder zu korrigieren. Auch auf die Gefahr hin, dass dann mal ein Flüchtigkeitsfehler hineinrutscht.

Die Frage ist ohnehin, wie relevant Verwechslungen und Buchstabendreher sind. Sie mögen ärgerlich sein, aber verfälschen sie wirklich auch eine Berichterstattung? Eines der interessantesten Beispiele dieser Art ist eine Meldung der berühmten New York Times vom 20. August 1945. Darin wurde erstmals über eine Zusammenkunft berichtet, die später als Wannseekonferenz in die Geschichte einging. Der dabei zitierte SS-Gruppenführer „Philip Hoffmann“ hieß in Wahrheit Otto und schrieb sich auch nur mit einem „f“. Doch wie bedeutend war das angesichts der Tatsache, die hier erstmals öffentlich wurde?

Zeitung. Ente. Foto: adobe stock/SchliernerZeitung. Ente. Foto: adobe stock/Schlierner

Meinungsfreiheit und Demokratie - Kleinliche Kontrolle

Trotzdem bleiben viele Menschen immer wieder an den „Fehlern“ in der Zeitung hängen, frei nach dem Motto: „Was soll man denn da noch glauben, wenn schon solche Kleinigkeiten falsch sind?“ Nun, glauben ist eigentlich eher eine Sache für die Kirche, nicht aber der richtige Umgang mit den Beiträgen einer freien Presse. Die lebt in einer Demokratie von der Vielfalt, aus der man sich eine eigene Meinung bildet. Keine einzige Presse-Veröffentlichung hat den Anspruch auf eine allgemeingültige Wahrheit. Die gibt es ja eigentlich auch gar nicht und wenn, dann allerhöchstens dort, wo ein diktatorisches System sie vorschreibt.

Mit dem Begriff Wahrnehmung kommt man der Realität schon näher. Das schönste Beispiel einer solchen Sichtweise ist mir einmal in der Schweiz widerfahren. Da habe ich über die Landsgemeinde im Appenzeller Land berichtet, ein Spektakel, bei dem das Volk wie in Urzeiten direkt auf dem Marktplatz über die wichtigsten politischen Fragen abstimmt. Für Ausländer nicht ganz einfach nachzuvollziehen, die Gefahr von Missverständnissen und Fehlern entsprechend hoch.

Als ich am nächsten Tag mit dem Landammann sprach, dem Vorsitzenden der Appenzeller Landgemeinde, sagte der am Schluss aber nur: „Dann bin ich ja mal gespannt, wie Sie das als Außenstehender wahrgenommen haben.“ Gegenlesen wollte er den Beitrag vorher auch nicht. Es kann ja so schön sein, sich im Leben überraschen zu lassen. Und wenn es nur von einem Bericht in der Zeitung ist.