Christliche Themen für jede Altersgruppe

Fenster nach Osten - Thüringen und Schwaben

Zwischen württembergischen und ostdeutschen Gemeinden, vor allem in Thüringen, sind im Laufe von Jahrzehnten viele partnerschaftliche Verbindungen entstanden. Wie steht es 30 Jahre nach dem Fall der Mauer um die Beziehungen? Ein Streifzug durch einige württem-bergische Gemeinden.

Ost West Beiziehung - Facetten einer Partnerschaft

Facetten der Partnerschaften:  Gemeinsames Musizieren der Chöre von Winnenden und Neuhaus
© Foto: privat

Sieglinde Ahrens greift zu einem großen Ordner, den sie Seite für Seite durchblättert: Darin hat die 79-Jährige Zeitdokumente und Besuchsprogramme rund um die Partnerschaft mit der Gemeinde Steinbach abgeheftet. Die ersten Kontakte zwischen Oberkochen und dem Bergdorf am Südwesthang des Thüringer Waldes gehen auf das Jahr 1971 zurück. Doch „die Hoch-Zeit der Ost-West-Beziehung“, sagt Ahrens, waren die späten 1980er-Jahre.

Kupfernägel für das Kirchdach - von Schwaben nach Thüringen

Damals unternahmen die Gemeindemitglieder gemeinsam Freizeiten, Ausflüge und Wanderungen, feierten Gottesdienste und es gab regelmäßige private Besuche – meistens nur einseitig, da nur einige wenige Senioren aus der Ostgemeinde eine Reisegenehmigung erhielten. Sieglinde Ahrens, die in Oberkochen den Frauenkreis leitet und auch in der Seniorenarbeit aktiv ist, erinnert sich vor allem an die Unterstützung ihrer Gemeinde bei der Renovierung der Steinbacher Lutherkirche. „Wir haben damals Kupfernägel für das Dach geschickt und ihnen ein Baugerüst überreicht.“

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Seit der Wende gab es zwar immer wieder vereinzelte Kontakte, zum Beispiel 1996 beim Besuch der Oberkochener zum Lutherfest in der Nähe von Steinbach. Doch die Beziehung zwischen den beiden Gemeinden, sagt Ahrens, ist längst nicht mehr so intensiv wie früher. „Alles hat eben seine Zeit – heute ist jeder genug mit sich selbst und seinem Gemeindeleben beschäftigt.“ Für die jüngere Generation spiele die Ost-West-Partnerschaft keine große Rolle mehr. „Wir haben ja auch in den örtlichen Gemeindegruppen Nachwuchsprobleme“, sagt Ahrens.

Steinbach Panorama

Ortsansicht von Steinbach

Scheiben-AlsbachIchstedt, Wehrturm

Das Pfarrhaus von Scheiben-Alsbach (links) und der Wehrturm von Ichstedt (rechts). Dieser wurde mit Unterstützung der Untergruppenbacher Gemeinde renoviert.    
© Fotos: Privat

 

Aktive und lebendige Partnerschaft zwischen Thüringen und Schwaben

Eine sehr enge Beziehung besteht hingegen nach wie vor zwischen Schmiden im Kirchenbezirk Fellbach und der Doppelgemeinde Scheiben-Alsbach in Thüringen – und das schon seit 1955. „Es ist eine sehr aktive und lebendige Partnerschaft“, sagt Brigitte Rachel, die sich seit 1978 dafür engagiert. Die Leiterin des Frauenkreises in Schmiden erinnert sich, wie vor der Wende Päckchen zwischen den Familien hin- und hergeschickt wurden. Aus vielen der damals lose geknüpften Kontakte sind bis heute enge Freundschaften entstanden. Vor allem die gemeinsam verbrachten Freizeiten haben irgendwann die Gemeindemitglieder aus Ost und West zusammengeschweißt.

 

Freundschaft - Schwaben und Thüringen

Brigitte Rachel ist regelmäßig in Thüringen und hält dort Vorträge, etwa über den Reformator Martin Luther.  „Wenn ich in den Ort komme, fühle ich mich sofort willkommen“, sagt die 77-Jährige. Sie beobachtet, dass ein Großteil der Dörfer inzwischen ausgestor-ben ist, „viele der Jungen sind weg“. Doch in der älteren Genera-tion hat sich der Kontakt erhalten, ist sogar fast noch intensiver als früher. Viele Gemeindemitglieder, die zum ersten Mal nach Thüringen kommen, sind überrascht, wie freundlich sie dort aufgenommen werden.

 © Foto: Privat

Eine lange Tradition hat auch die Partnerschaft zwischen der Kirchengemeinde Winnenden und Neuhaus am Rennweg: Bereits in den 1950er Jahren gab es erste Kontakte, zunächst nur zwischen den einzelnen Pfarrern, später auch zwischen den hauptamtlichen Mitarbeitern und den Kirchengemeinderäten. „Damals hat man regelmäßig eine Kerze angezündet und an die nach Osten gerichteten Fenster gestellt, um den Gemeinden in der sowjetisch besetzten Zone zu gedenken“, schildert Winnendens Kantor Gerhard Paulus. Auch wenn er diese Zeit nur aus Erzählungen kennt, sind die Erinnerungen in der württembergischen Gemeinde noch präsent.

Thüringer Bratwürste in Schwaben

Unvergessen auch der erste Besuch in Westdeutschland, drei Wochen nach dem Mauerfall. „Da haben Gemeindemitglieder aus Neuhaus bei uns auf dem Weihnachtsmarkt Thüringer Bratwürste verkauft“, erinnert sich Paulus, der seit 1987 die Winnender Kantorei leitet. Musik verbindet – die Erfahrung hat Paulus immer wieder gemacht.

Und so gestalten die Vokal- und Posaunenchöre beider Gemeinden bis heute zusammen Gottesdienste oder treffen sich auf halber Strecke, etwa im Frankenland, für Freizeiten. Während in anderen Kirchengemeinen rund um Winnenden die württembergisch-thüringischen Beziehungen teilweise eingeschlafen sind oder neu aktiviert werden mussten, blieben die Kontakte über die Jahre bestehen – und das über zwei oder drei Generationen hinweg. „So eine Partnerschaft hängt immer an einzelnen Menschen – und die Verbundenheit zwischen Familien ist bestehen geblieben“, sagt Paulus.

Zumal die Themen, die beide Gemeinden beschäftigen, sich ähneln. So wie der sinkende Stellenwert der Kirche in der Gesellschaft. „Früher stellte sich die Frage, wie die Kirche im DDR-System bestehen konnte. Heute geht es darum, wie man als Kirche mit den sinkenden Mitgliederzahlen umgeht“, sagt der Kantor.

Alles hat seine Zeit - auch die Partnerschaft zwischen Thüringen und Schwaben

Anders steht es in der Beziehung zwischen der Kirchengemeinde Untergruppenbach und Ichstedt. Die Partnerschaft hat sich seit einigen Jahren „weitgehend verlaufen“, wie Untergruppenbachs Pfarrerin Birgit Haufler-Lingoth berichtet.

Einige Male versuchten die Verantwortlichen noch, Besuche nach Thüringen zu organisieren, doch die Resonanz darauf war spärlich. „Es war ein schöner Austausch, doch nachdem die dortige Pfarrerin in Ruhestand ging, ist der Kontakt leider eingeschlafen.“ Sehr schade sei das, sagt die Theologin – doch die ältere Generation sterbe aus, und viele der jüngeren Gemeindemitglieder seien inzwischen aus Ichstedt weggezogen.

Trotzdem erinnert sich Haufler-Lingoth gerne an die Zeit, als die Kontakte noch intensiv gepflegt wurden. Besonders beeindruckt habe sie, zu sehen, „wie Gemeindeleben trotz der wenigen Pfarrstellen und trotz der geringen Anzahl von Christen trotzdem funktionieren kann“. Diese Erfahrung habe sie demütig gemacht und ihr und ihren Kollegen wichtige Impulse gegeben. Die Pfarrerin ist überzeugt: „Es war ein sehr interessanter und wichtiger Austausch, von dem wir bis heute profitieren.“

 

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