Christliche Themen für jede Altersgruppe

Festtag in der Fankurve

SCHWÄBISCH GMÜND – Der moderne Mensch ist gerne frei. Deshalb wählen sich auch viele Menschen ihre Gemeinde unabhängig von ihrem Wohnort. Der Schönblick bietet hier eine besondere Form an: eine Gemeinschaftsgemeinde.  


Geistliches Zentrum der Apis, des Evangelischen Gemeinschaftsverbandes, und Oase für viele: der Schönblick. (Foto: Gemeindeblatt)

Es ist Sonntag. Festtag. Fast zwei Stunden wird im Forum des Schönblick gefeiert. Gottesdienst gefeiert. Der Posaunenchor Michelbach hat schon Aufstellung genommen und probt „Großer Gott wir loben dich“. Auf der anderen Seite der Bühne spielt die moderne Musik: Schlagzeug, E-Gitarre, Sängerinnen. An die 600 Besucher strömen an diesem sonnigen Tag in den großen Raum mit dem überdimensionalen Holzkreuz an der Front, der breiten Bühne und der Empore. Dort, in der „Fankurve“ sitzt die Jugend, wie es der Leiter der Gemeinschaftsgemeinde, Martin Scheuermann, humorvoll beschreibt.

Aber nicht nur die Jungen sind da: alle Altersschichten, alle sozialen Schichten, Gemeindemitglieder und Gäste, Landesgartenschau-Besucher und Wanderer sitzen, stehen oder laufen in dem Saal umher. Ein Mann mit Strohhut kommt herein, eine Frau mit Namensschildchen eilt heran. Ein schickes Paar, er in Anzug und Krawatte, sie im luftigen Rock, ein anderer Mann mit kurzen Hosen und kurzärmeligem Freizeithemd – alle werden am Eingang von einem Gemeindemitglied mit Handschlag begrüßt. Für die Kinder gibt es parallel einen eigenen Gottesdienst, Eltern von Krabbelkindern können nebenan den Gottesdienst per Video verfolgen. In den hinteren Reihen ist viel Platz für Rollstuhlfahrer und Kinderwägen.

Die Vielfalt ist gewollt: „Wir haben eine große Angebotspalette“, sagt Martin Scheuermann. Von den Konfirmanden bis zu den Senioren, vom Asylbewerber bis zum Professor sollen sich alle angesprochen fühlen. Und in der Tat: in den Stuhlreihen sitzen Diakonissen, Altpietisten mit der Bibel auf dem Schoß und Charismatiker, die die Arme ausbreiten. Und viele Suchende und Neugierige, wie Scheuermann betont.

Stille. Sie ist das Signal für den Beginn des Gottesdienstes. Dann spielen die Posaunen. Der Saal applaudiert. Jugendreferent Sven Siegle liest den Wochenspruch vor. Dann sagt er: „Ich möchte gerne beten: Danke, Jesus, dass du uns zum Sprachrohr machst.“ Das ist der Kern der Schönblick-Gemeinde: Jesus steht im Mittelpunkt. Sein Name fällt ständig. Auf ihn wird alles bezogen. Auch wenn ein junger Mann nach seinem freiwilligen sozialen Jahr nun noch 14 Monate dranhängt und dabei von der Gemeinde mit Spenden finanziert wird, ist das ein Geschenk Gottes. Und deshalb legen sie ihm jetzt offiziell die Hand auf die Schulter, Sven Siegle und Martin Scheuermann, und beten für ihn. Um dann ganz traditionell „Großer Gott, wir loben dich“ zu singen, während eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Boden sitzt und lauscht.

„Hören wir Gott?“, fragt Martin Scheuermann nun in seiner Predigt. Es ist sein Grundthema heute. Das Hören. Im dunklen Anzug und grüner Krawatte, ausgerüstet mit Funkmikrofon bewegt er sich auf der Bühne von einer Seite zur anderen, ballt die Fäuste, lächelt, erzählt von seinen Liebesbriefen aus der Jugend und vom Liebesbrief Gottes. Er redet frei. Sein Konzept im Kopf wird während des Predigens auf die Situation abgestimmt.

Das häufigste Wort, das an diesem Vormittag fällt, ist „Ermutigung“. Die Menschen sollen ermutigt nach Hause gehen. Dazu dient auch das Abendmahl. Bis 600 Menschen in mehreren Etappen im Kreis auf der Bühne Brot und Wein erhalten haben, vergehen 30 Minuten. So ist es auf dem Ablaufplan vorgesehen, der im Minutentakt die Elemente festhält.

Organisation ist in dieser Gemeinde, die seit 2002 Gemeinschaftsgemeinde ist, nicht alles, aber viel. 270 bis 300 Ehrenamtliche zählt Martin Scheuermann. Aufgeteilt sind sie auf fünf Ressorts mit insgesamt 66 Teams. „Früher brauchte es den Pfarrer, den Mesner und den Organisten, um Gottesdienst zu halten“, sagt Scheuermann. Bei ihm müssen 15 Teams mit 60 Mitarbeitern auf ihren Posten sein: Musik, Technik, Begrüßung, Segnung, Mesnerdienst und Abendmahl: alle diese Themen werden von Teams betreut.

Im Zentrum steht aber Martin Scheuermann. Der 53-jährige Pfarrer aus Westfalen leitet die Gemeinde. Gleichzeitig ist er seit 1998 der Geschäftsführer des Schönblick-Werks, zu dem nicht nur die Gemeinde, sondern auch das Gästezentrum, ein Waldkindergarten, die Musikschule, eine Beratungsstelle, das Pflegeheim und ein Café gehören. Sein Gehalt wird vom Schönblick-Werk bezahlt. Die restlichen Stellen in der Gemeinschaftsgemeinde für Jugendreferenten, Musiker und Gemeindebüro tragen die Gemeindemitglieder durch ihre Spenden.

„Wir finanzieren uns komplett selbst“, sagt Martin Scheuermann. „Ohne Zuschüsse der Landeskirche.“ Und da 90 Prozent der Schönblick-Mitglieder auch Mitglied der Landeskirche sind, zahlen sie doppelt: Kirchensteuer und den Beitrag zum Schönblick. Scheuermann sieht das als Vorteil an. Denn er findet, die normalen Kirchengemeinden finanzierten sich zu 80 Prozent durch den Beitrag von Menschen, die keine Identifikation mit der Kirche haben. „Das wird nicht gut gehen“, glaubt er. „So wird Kirche eingelullt.“ Sie besteht weiter – auch wenn keiner hingehe.

Aber nicht nur in der Finanzierung geht die Gemeinschaftsgemeinde andere Wege. Auch die so genannte parochiale Struktur ist dort kein Kriterium. Hier entscheidet nicht der Wohnort über die Zugehörigkeit, sondern wie in einem Verein der Aufnahmeantrag. Martin Scheuermann findet sowieso, dass es die „parochialen Strukturen nur noch auf dem Papier gibt“. Die modernen Menschen ließen sich nicht mehr vorschreiben, wo sie hingehen. In 15 Autominuten könne man heute einige Kirchen im Umkreis anfahren und die passende für die eigene Familie finden.

Die meisten Mitglieder kommen aus dem näheren Umkreis, erzählt Scheuermann. Denn auch unter der Woche ist in der Gemeinde viel los: Jungschar, Hauskreise, Gebetsstunden, Posaunenchor, die ganze Palette einer normalen Gemeinde. Wer Mitglied in der Gemeinschaftsgemeinde Schönblick werden will, muss eine Eintrittsbedingung erfüllen und sagen: „Ich glaube an Jesus Christus, meinen Retter und Herrn.“ Martin Scheuermann fragt dann: Wo stehst du? Wo ist dein Platz? Denn jedes der rund 250 Mitglieder soll eine Aufgabe haben. Davon lebt die Gemeinde. Umgekehrt soll die Gemeinde jedem die Entfaltungsmöglichkeiten geben, die er braucht.

Das Ziel ist klar definiert: „Wir sind missionarisch“, sagt Scheuermann. Er will die Distanzierten, die Mitgliedschaftslosen für die Botschaft des Evangeliums gewinnen. Von anderen Kirchengemeinden will er keine Mitglieder abziehen. Ausschließen kann er so einen „Transfer“ aber auch nicht. Der Mensch ist schließlich frei.