Christliche Themen für jede Altersgruppe

Fliehen und dann Hilfe finden

Das Thema Flüchtlinge hat unterschiedliche Facetten: Flüchtlinge ohne Deutschkenntnisse brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern weitere Hilfe. Wie Pfarrhäuser geöffnet werden können, und was die Kirche sonst tun kann, damit befasste sich die Landessynode auf ihrer Tagung. 


Bei einer Solidaritätskundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz haben Politiker und Kirchenvertreter mehr Unterstützung für die notleidenden Menschen im Nordirak gefordert. (Foto: epd-Bild)

Aber die Gewalt gegen die Demon-strationen nahm zu, und dann wandten  sich manche der Demonstranten gegen Al-Barawi und seine Kollegen. Als Beamte waren sie für die Aufständischen der Inbegriff des Staates. Dass er mit seiner Familie fliehen müsse, wurde ihm durch zwei Ereignissse klar: Ein Kollege von ihm wurde von Aufständischen ermordet, obwohl er auch demonstriert hatte. Eines Tages schlug keine 250 Meter von Al-Barawi entfernt eine Bombe auf dem Boden auf. Damaskus wurde zu gefährlich.

Viele Umwege durch Länder Osteuropas führten die Familie, teilweise auf getrennten Wegen, nach Deutschland. Die Angst, auf der Flucht entdeckt zu werden, reiste mit. In Lagern gab es teilweise nur neun Quadratmeter Platz für die  fünfköpfige Familie. Auch in Deutschland fanden die Al-Barawis erst keine feste Bleibe: Sie kamen  nach Bonn zu Verwandten, dann nach Düsseldorf, bis sie über Karlsruhe, Mannheim und später Göppingen in Eschenbach landeten. Der Muslim Adnan Al-Barawi ist froh, dass er im Pfarrhaus wohnt, und über die Hilfe aus dem Ort. „Ich habe den Eindruck, in Eschenbach ist alles gut vorbereitet“, sagte Al-Barawi jetzt vor der Landessynode.

Habip Önder, Schuldekan und Pfarrer der syrisch-orthodoxen Kirche in Göppingen, berichtet von 20 syrischen Familien, die in der letzten Zeit angekommen sind. Die Gemeindemitglieder helfen den Neuankömmlingen bei Behördengängen, bei der Wohnungssuche und kommen in die Sammelunterkünfte. Sie helfen, ohne nach der Religionszugehörigkeit zu fragen. Die syrisch-orthodoxe Gemeinde denkt auch an die Christen im Ausland. Sie liefert Hilfsgüter in den Irak, sie betet für die Menschen und initiiert ökumenische Gottesdienste.

Seiner Einschätzung nach haben die Flüchtlinge, die als Asylbewerber anerkannt sind, keine Probleme in Deutschland. „Schwieriger wird es für diejenigen, die bei Verwandten untergekommen sind“, sagt Habip Önder. Denn irgendwann gehe das Geld aus.

Annette Walter ist eine von zwei Flüchtlingsdiakoninnen, die es erst seit Kurzem in der Landeskirche gibt. Sie berät und unterstützt Kirchengemeinden dabei, sich gut um die Flüchtlinge zu kümmern. „Da kommen viele Fragen auf, zum Beispiel, ob ich als Frau alleine in eine Flüchtlingsunterkunft gehen kann, in der nur muslimische Männer wohnen“, erzählt Walter. Und wenn ja, müssen die Besucherinnen dann ein Kopftuch tragen? Der Rat von Annette Walter: „Probieren Sie es einfach aus.“ Die Erfahrung zeigte: Ein Kopftuch war nicht erforderlich, dafür aber viel Zeit zum Gespräch. Dass die Frau alleine in die Unterkunft ging, in der männliche Muslime wohnen, war kein Problem.

Viele Flüchtlinge seien schlicht überfordert. Sie hätten schreckliche Dinge erlebt. Auch bei den Einheimischen gebe es – bei aller Hilfsbereitschaft – Vorbehalte: „Fremde Menschen machen Angst, weil sie andere Verhaltensweisen haben.“ Die Fragen, die vor Ort auftauchen: Wie kann man mit den traumatisierten Neuankömmlingen umgehen? Wie kann man sich überhaupt verständigen? Dürfen sie arbeiten? Die Erfahrung von Annette Walter ist ermutigend. Ängste und Vorbehalte würden in dem Maße verschwinden, in dem sich die Menschen informieren.

Zurück nach Eschenbach. Karin Lindner, die Pfarrerin, wohnt nicht vor Ort. „Als wir vor eineinhalb Jahren von den Flüchtlingsströmen gehört haben, wollten wir etwas tun.“ Ein runder Tisch wurde gegründet mit Kommune, Gemeinde und Kreis. Kirchengemeinderat und Pfarrerin waren sich schnell einig, dass sie mit dem leer stehenden Pfarrhaus helfen wollten. Eine Frage tauchte im Kirchengemeinderat kurz auf: „Wollen wir nur christliche Familien ins Pfarrhaus aufnehmen?“ Aber die Frage verschwand schnell. Denn „wir müssen allen helfen“.

Bevor die Familien kamen, gab es die Mitteilung, es handele sich um Christen. Deshalb wurden sie in den Gottesdienst eingeladen. Eine Familie kam auch. Erst später stellte sich heraus: Beide Familien sind muslimisch. Die Familie, die den Gottesdienst besucht hatte, hat sich dort wohl gefühlt. „Es gab keine Berührungsängste.“ Wichtig ist für Lindner, dass der Bürgermeister die Hilfsbereitschaft der Kirchengemeinde unterstützt. So werden die Familien nicht nur zum Kaffeetrinken eingeladen, sondern die Väter fanden Arbeit im Bauhof, die Jungs gehen in den Sportverein.

Rothraut Holzinger ist eine der Ehrenamtlichen, die sich in Eschenbach für die Flüchtlinge engagieren. Schon Ende der 1980er-Jahre hat sie Flüchtlingen geholfen. Irgendwann schlief das Engagement ein, weil es keine Flüchtlinge mehr gab. Vor zwei Jahren wurde der Arbeitskreis Asyl erneut aktiv. Was sie erschreckt, sind Aussagen wie: „Wir haben eine Wohnung frei, aber wir nehmen nur Christen.“ Das könne man den Leuten dann nicht ausreden.

Welche Hilfe für die Flüchtlinge am wichtigsten sei? Deutschkurse. „Die Menschen können bei uns erst richtig ankommen, wenn sie unsere Sprache sprechen und verstehen.“ Ein Deutschkurs komme jedoch erst bei 14 Teilnehmern zustande. „Doch wir haben vielleicht nur sechs.“ Der Arbeitskreis Asyl versuche, Alltagsdeutsch zu lehren, „aber das reicht bei Weitem nicht aus.“ Sie wünscht sich, dass die Frage, ob es sich um christliche oder muslimische Flüchtlinge handelt, künftig keine Rolle mehr spielt.

Und was wünscht sich Adnan Al-Barawi? „Ich hoffe für meine Kinder, dass sie schnell Deutsch lernen und in der Gesellschaft hier ankommen.“


John Allen
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