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Flucht im Rollstuhl - Schönblick nimmt Betroffene auf

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine bedeutet viel Leid für die ukrainische Bevölkerung. Besonders schwer haben es jetzt Menschen mit Behinderung. Ohne die Hilfe von außen haben sie kaum eine Chance zu überleben. Das Evangelische Tagungszentrum Schönblick hat deshalb 37 Menschen bei der Flucht unterstützt.

Rollstuhl, Rollstuhlfahrer. Foto: SEGENET, pixabayFoto: SEGENET, pixabay

Wenn Roman Yurchuk morgens aufwacht, ist es ruhig um ihn herum. Keine Bombeneinschläge. Kein Kindergeschrei. Keine toten Menschen in den Straßen. Roman hatte großes Glück. Er ist mit 36 weiteren Menschen aus der Ukraine als Geflüchteter in Schwäbisch Gmünd aufgenommen worden, im Evangelischen Tagungszentrum Schönblick.

Roman kommt aus Luzk – einer Stadt im Nordwesten der Ukraine, ungefähr sechs Autostunden von der Hauptstadt Kiew entfernt. Während auch in Luzk im März die russischen Bomben fallen, ist Roman mit seinen Eltern in seiner Wohnung. Der schützende Keller des Hauses ist im Falle eines Angriffs für den jungen Mann kaum rechtzeitig zu erreichen, denn Roman sitzt im Rollstuhl.

Menschen mit körperlicher Einschränkung haben es schwer im Leben. Der eigene Alltag ist mit vielen Hindernissen gespickt. Da wird das Treppenhaus oder die Bordsteinkante schnell zur Falle. Doch was ist, wenn sich Menschen im Rollstuhl in einem Kriegsgebiet befinden und fliehen müssen?

Wo keine Bomben mehr fallen

Eine noch heiklere Situation, denn eine Behinderung erschwert ein solches Vorhaben immens, erklärt der Verwaltungsleiter des Hauses, Gerhard Schwemmle: „Wir haben hier Leute dabei, die wohnen in der Ukraine zum Teil im siebten oder achten Stockwerk und das ohne Aufzug“, erklärt er.

Als für Roman die Möglichkeit im Raum steht, evakuiert zu werden, ist er kurz am Zögern. Seine Eltern und Freunde würden zurückbleiben müssen. Die Entscheidungslast wiegt schwer in einem solchen Moment, doch Roman entscheidet sich für die Flucht. Zu sehr sieht er sich als Belastung für seine Eltern: „Ich hatte zehn Minuten Zeit, um zu überlegen, ob ich gehe. Ich wusste, es ist vernünftig“, sagt er. „Ich musste mich auch um meine Eltern sorgen. Sie wären im Fall der Fälle einfach mit mir in der Wohnung geblieben. Gerade ist es so, dass sie alle drei Stunden in den Keller rennen, um Schutz zu suchen. Wäre ich geblieben, hätte ich sie dadurch einer noch größeren Gefahr ausgesetzt.“ Eine Sporttasche und einen Rucksack: Mehr darf und kann Roman nicht mitnehmen auf seiner Flucht. Am 28. Februar geht es los in Richtung Deutschland. Wo Roman landet, ist ihm bis zuletzt nicht klar. Umso glücklicher sind er und seine Gruppe, als sie erfahren, dass das Tagungszentrum Schönblick sogar barrierefrei ist.

Roman Yurchuk ist froh, nun in Deutschland zu sein. Foto: Ev. Medienhaus StuttgartAndreji mit Mama Svetlana beim Mittagessen. Foto: Ev. Medienhaus Stuttgart

Links: Roman Yurchuk ist froh, nun in Deutschland zu sein. Foto: Ev. Medienhaus Stuttgart
Rechts: Andreji mit Mama Svetlana beim Mittagessen.
Foto: Ev. Medienhaus Stuttgart

Auch der 15-jährige Andreji Smirnov erinnert sich noch genau an die Zeit mitten im Kriegsgebiet. Mit seiner Mutter Svetlana sitzt er Ende Februar in Kiew fest. Auch Andreji ist auf einen Rollstuhl und auf Pflege angewiesen. Im Keller Schutz zu suchen, dauert im Ernstfall auch für ihn viel zu lange. Mehrere Tage müssen Andreji und seine Familie in der Wohnung bleiben, bis sie endlich evakuiert werden können, erzählt Mutter Svetlana: „Wir haben tagelang wie im Mittelalter gelebt – auf dem Boden, im Flur, zwischen zwei Wänden. Theoretisch ist das der sicherste Platz in unserer Wohnung.“

Andreji fühlt sich nun endlich in Sicherheit. In der Ukraine habe er große Angst gehabt, vor allem um seine Familie. In manchen Nächten habe er vor Angst kein Auge zubekommen, erklärt er. Ständig habe er gebetet, dass alles gut werde: „Ich hatte große Angst. Mein erster Gedanke hier in Deutschland war: Jetzt bin ich da, wo keine Bomben mehr fallen.“

Für die 37 Geflüchteten im Schönblick ist gerade nochmal alles gut gegangen. Doch auch sie mussten viele ihrer Freunde und Angehörigen in ihrer Heimat zurücklassen. Umso größer sei jedes Mal die Anspannung, dass auf ihre Nachrichten jedes Mal auch eine Rückmeldung folgt.

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