Christliche Themen für jede Altersgruppe

Forderndes Zusammenleben - Deutsche und Ukrainer im Alltag

„Unsere Entscheidung war gut überlegt, doch an manchen Tagen kommen wir an unsere Grenze“, sagt Brigitte Scheiffele. Die Gemeindeblatt-Autorin hat seit März eine Ukrainerin mit ihren Töchtern bei sich aufgenommen. Und währenddessen protokolliert, was passiert, wenn Ruhebedürfnis und Kinderlärm aufeinanderstoßen und die Übersetzungs-App nicht mehr weiterhilft.

Zum Osterfrühstück kommt auch Marija (zweite von links) zu Besuch. Foto: Brigitte Scheiffele

„Ist das eine konkrete Frage an uns?“, höre ich meinen Mann Peter am Telefon fragen. Er spricht mit unserer Tochter. Sie möchte wissen, ob wir bereit wären, eine Ukrainerin mit ihren Töchtern aufzunehmen. Die obere Wohnung unseres Hauses steht seit dem Auszug unserer Kinder leer, außer wenn sie oder andere Gäste zu Besuch kommen.

Die Bilder von den zerstörten Dörfern in der Ukraine und den Menschen auf der Flucht erschüttern uns. Uns ist klar, dass es um keinen befristeten Kulturaustausch geht, sondern um unbegrenzte, praktische Unterstützung. Meine Eltern haben nach ihrer Flucht im Zweiten Weltkrieg bei gutherzigen Menschen Unterkunft gefunden. Jetzt besteht die Möglichkeit, etwas zurückzugeben. Am 20. März sagen wir ja. Polina und ihre Töchter sollen kommen.

Wir informieren uns über den korrekten Ablauf für ihre Aufnahme und erhalten großartige Unterstützung durch Gemeindeverwaltung und Pfarrer. Die Blitzrenovierung der oberen Wohnung setzt uns etwas unter Druck. Marija, die mit unserer Tocher studiert hat, ist eine Freundin von Polina und hält den Kontakt während ihrer Flucht aus der Ukraine. Sie kommt dazu, als wir Polina und die fünfjährigen Zwillingsmädchen in Ulm abholen. In unserem Ort laufen bereits erste Sammelaktionen für Kleidung und Spielsachen. Die obere Wohnung ist fertig zum Einzug und die Übersetzungs-App auf dem Smartphone installiert. Polina spricht weder Deutsch noch Englisch.

Deutsche und Ukrainer im Alltag - ein Protokoll von Brigitte Scheiffele

Woche 1: Ankommen

Polina, Autorin und Gastgeberin Brigitte Scheiffele, Marija (von links nach rechts) und die Zwillinge bei der Ankunft. Foto: Privat

Polina, Autorin und Gastgeberin Brigitte Scheiffele, Marija (von links nach rechts) und die Zwillinge bei der Ankunft. Foto: PrivatDer Tag, an dem die kleine Familie mit Marija zu uns kommt, ist kalt, grau und regnerisch. Der Empfang herzlich, der Grund traurig, aber die Chemie zwischen uns stimmt. In dieser Woche weisen wir ein, erklären und erzählen viel. „Deutsche trinken Wein nur mit Wasser?“ Ohne Übersetzungs-App geht nichts und selbst die beweist ihr Eigenleben: Wer hat Durchfall? Niemand, aber irgendwer ist bei einer Prüfung durchgefallen.

Es wird geräumt, gespielt, organisiert und bis in die Nacht geredet, wenn die Kinder endlich schlafen. Mengen an Papierkram fallen an, Einkäufe brauchen mit aufwendiger Übersetzung viel Zeit. „Deutsch-land ist so kompliziert“, denke ich. „Deutschland ist so sauber“, findet Polina.

Woche 2: Trubel

Treppen runter, Treppen hoch, Türen schlagen, Kindergeschrei vom Frühstück bis in die Nacht. Ich falle über Schuhe, teile Wäscheständer, Auto, Briefkasten und Garten. Mein Mann Peter bleibt geduldig und macht den besten Kaiserschmarrn. Polina und wir kochen getrennt, essen gelegentlich zusammen, der Übergang von Wohnung zu Wohnung ist fließend, die Regeln nicht klar definiert.

Den Trubel im Haus sind wir nicht mehr gewohnt. Täglich sitzen Polina und Peter wegen vieler Formulare zusammen, dazu will sie Deutsch lernen. Das lässt sich mit Kindern nur schwer einrichten, die meistens erst gegen 22 Uhr schlafen. Einiges können wir danach noch besprechen, aber wir sehnen uns nach mehr Ruhephasen.

Woche 3: Spenden

Die Hilfsbereitschaft der Menschen im Dorf ist enorm. Viele Hilfspakete werden gebracht oder stehen einfach vor der Tür. Manch ein Geldschein wird Polina zugesteckt, was ihr peinlich ist. Sogar eine Waschmaschine wird gespendet. 17 große Tüten und Pakete stehen nach dem Aussortieren noch in der Garage, die wir schließlich mit schlechtem Gewissen an andere Flüchtlinge weiterleiten. Aber wer soll all die Sachen verwenden?

Inzwischen dürfen die Kinder drei Stunden in den Kindergarten zur Eingewöhnung: Ein Entgegenkommen der Gemeinde, das große Erleichterung bringt. Dazu vermittelt unser Pfarrer Polina eine Parzelle auf dem Acker der Kirchengemeinde. Hier findet sie ihre persönliche Auszeit.

Woche 4: Kinderlärm

Wie wichtig ist eine Vase? Welche Rolle spielt der neue Sessel? Wie oft muss ich sagen, dass Bücher im Regal bleiben sollen? Wie verhielten sich unsere Kinder in diesem Alter beim Essen am Tisch? Waren sie auch so laut? Mein Mann und ich sprechen häufig über Erziehung. Ich bin genervt, wenn sie um 21 Uhr immer noch über uns herumspringen und trampeln. Auch, wenn sie unbedacht mit dem langen Schuhlöffel gegen Bilder schlagen.

Ich frage Polina, woher sie diese Kraft nimmt. Kann sie um 22 Uhr wirklich noch Deutsch lernen und haben die Kinder einen Rhythmus? „Niiiicht“, sagt sie mit charmantem Akzent. Sie bedauert, dass ich beruflich oft eingespannt bin mit wenig Zeit, und gibt mir zu verstehen, dass Familie für sie an erster Stelle steht. Ich bedauere, dass wir uns aufgrund der Sprachprobleme dazu nicht intensiv austauschen können.

Peter verbringt viel Zeit mit den Mädchen und unterstützt, wo er kann. Foto: Brigitte Scheiffele

Woche 5: Papierkram

Die Bürokratie zerrt an unseren Nerven. Immer wieder braucht Polina trotz Übersetzungs-App Hilfe beim Ausfüllen der Formulare. Wie soll ein Mensch das alles bewältigen, der die deutsche Sprache nicht versteht? Weiß man in Behörden eigentlich, wie die Realität aussieht? Es ist schwer für die alleinerziehende Mutter mit Ehemann, der nicht kommen darf, und ich bewundere ihre Geduld, ihre Disziplin und Ruhe zutiefst. Sie ist aufmerksam, klagt nicht, spricht nicht oft von ihrer Heimat, aber vom Heimweh. Wir bewältigen anstehende Termine gemeinsam, spielen Taxi und schimpfen über die schlechten Busverbindungen.

Woche 6: Kontakte

Erste Bekanntschaften unter den Leuten aus der Ukraine und im Dorf entzerren unser Zusammenleben. Das Wetter ist besser geworden und neue Spielkameraden haben sich gefunden. Im Haus riecht es oft nach leckerem Essen oder frischen Kuchen. Polina und ich teilen gerne, was wir zubereiten, schätzen aber die eigene Zeiteinteilung.

Woche 7: Klare Regeln

Unsere Wohnungstür geht erst nach dem Frühstück auf und nach 22 Uhr lernen wir weder Deutsch noch füllen wir Formulare aus. Peter fordert Ruhe bei einem Fußballspiel und in unserer Wohnung wird nicht gebrüllt und nicht getobt. Wenn ich Ruhe brauche, fordere ich sie ein, wenn sich die Kinder mit Freunden lautstark im Hausgang vergnügen. Im Büro trage ich Kopfhörer, um mich konzentrieren zu können.

Woche 8: Peter, der Star

„Piiiiiieeta“, wie die Zwillinge meinen Mann rufen, bleibt der Star: Ob beim Behördengang, dem Montieren eines neuen Seils an der Schaukel oder bei der Suchmaschinen-Hilfe für den Erste-Hilfe-Kurs in Russisch. Doch auch mein Mann spricht von einer unwahrscheinlich anstrengenden Zeit. „Die ersten Wochen ohne Kindergarten, ohne abends selbst mal Ruhe zu finden, waren psychische und körperliche Schwerstarbeit“, sagt „Piiiiiieeta“. Waren wir schon auf dem Senioren-Trip? Wir sind uns alle nähergekommen in diesen Wochen und wissen um die Herausforderung. Aber sie wirkt sich auch positiv auf unser Leben aus.

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