Christliche Themen für jede Altersgruppe

Fragen für die Lange Bank

SCHORNDORF – Wer insgesamt mehr als einen halben Kilometer Kirchenbank sein Eigen nennt, darf getrost ein paar Meter davon auf die Stadtkirchenterrassen hinter die Kirche stellen. So geschehen in Schorndorf. Seit Mai wird hier auf sieben Meter Kirchenbank unter freiem Himmel diskutiert, gespielt, geträumt, gebetet, ausgeruht – quer durch alle Generationen. 

Ob zur Diskussion oder zum Zuhören: die Lange Bank haben die Schorndorfer im Sommer eifrig genutzt.
(Foto: Brigitte Jähnigen)

Sieben Meter Kirchenbank unter freiem Himmel

„Aktion Lange Bank“ heißt die Initiative, die in der Stadtkirchengemeinde Schorndorf vom Team „Stadtkirche am Abend“ ersonnen wurde und die der Kirchengemeinderat unterstützt. Die Aktion ist auch ein Beitrag zur Remstal-Gartenschau und dauert noch bis in den Oktober hinein. „Wir wollen Kirchengemeinde nach außen hin sichtbar machen und gleichzeitig selbst einmal von außen auf unsere Stadtkirche schauen“, sagt Pfarrerin Dorothee Eisrich.

Und so treffen sich an einem wunderschönen Julinachmittag Jung und Alt, um sich auszutauschen.

Die 15-jährige Carolin ist mit ihrer Oma gekommen. „Ich hatte mir heute vorgenommen, dass ich...

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

... was mit meiner Oma mache. Sie sagte, sie geht zur Langen Bank, da bin ich mit“, sagt Carolin. „Wie war das denn früher, in der Schule und in der Familie?“, fragt sie ihre Oma. Die sagt, dass die Menschen heute viel offener miteinander umgingen und dass die Predigten in der Kirche „nicht mehr so heilig“ seien und das Weltgeschehen eingebunden werde.

Auch in der Schule gehe es nicht mehr so streng zu, wie Diakon Walter Krohmer, Jahrgang 1955, erzählt. Er hat, wie Carolin und Oma, auf der Bank Platz genommen. „Wir haben mit einem Bambusstöckle Tatzer bekommen, immer dahin, wo es wehtut, hinterher haben die Hände gezittert, das war schrecklich“, sagt er. Undenkbar für Carolin. Wie aber fallen die Strafen an der Schule heute aus? Das wollen die älteren Herrschaften wissen. „Wenn wir Kaugummi achtlos fallenlassen, müssen wir alten Kaugummi vom Schulhof kratzen, das ist mühsam“, sagt Carolin.

"Die Lange Bank" - Treffpunkt und Ort für Gespräche

Eine Seniorin erzählt, dass sie „so lange zum Ährenlesen aufs Feld“ gegangen ist, bis vom Erlös eine Geige gekauft werden konnte. Undenkbar für meine Generation, sagt sich Carolin. Doch sie glaubt, dass die Kommunikation früher besser war. „Ich kenne viele Leute nicht persönlich, mit denen ich in den sozialen Netzen unterwegs bin“, gibt sie zu.

Die Art, wie Carolin und ihre Oma miteinander umgehen, zeigt, dass sie vertraut miteinander sind. Keine Selbstverständlichkeit. Doch mit Begeisterung hören Jung und Alt an diesem Nachmittag Geschichten des 2015 verstorbenen Bildhauers, Kommunalpolitikers und Lehrers Frieder Stöckle, vorgelesen von seiner Witwe Merve Stöckle. „Als ich von der Aktion Lange Bank hörte, bin ich gern gekommen“, sagt Merve Stöckle; auch wenn sie nicht zum engsten Kreis der Gemeinde zähle.

Genau das will die Initiative: dass sich Menschen hier treffen und miteinander ins Gespräch kommen. Was aber kann Kirche noch tun, damit die Kommunikation zwischen den Generationen gelingt? Carolin glaubt, dass in den meisten Kirchen Gottesdienste anders gestaltet werden müssten, damit „wieder mehr Junge in die Kirche kommen“.

Über Gott und die Welt diskutieren auf der Langen Bank

Anderer Abend, andere Runde, gleiche Bank. Wo ist Gott? Warum reiben sich Menschen an der Kirche? Wohin gehen wir, wenn wir sterben? Als Debattierbänkle fungiert die Kirchenbank unter freiem Himmel, wenn zu Gesprächen über Gott und die Welt „mit einer anderen Sicht auf Kirche, Kirchturm, Stadt und Himmel“ eingeladen wird. „Kirche und Glaube, man braucht‘s“, gesteht Manfred Wünsche. Die Kirche habe schon immer einen hohen Stellenwert in seinem Leben gehabt, sagt der zweite Vorstandsvorsitzende des örtlichen Kirchbauvereins. Gott ist für Manfred Wünsche „etwas Höheres, das einen behütet“. Auch Elisabeth Enderle, Jahrgang 1946, ist „evangelisch sozialisiert“. Im Mädchenkreis zu sein, war für sie so selbstverständlich wie der CVJM für die Jungs. „Wenn Pfarrer Hartmann sagte, wir sollen zu Erntedank Körble für die Bedürftigen austragen, dann waren alle da“, erinnert sich die Schorndorferin. Nur heute, da fühle sie sich „in der Kirche schon mal wie ein Fremdkörper“.

Eine andere Dame erklärt, dass sie „von der Ökumene“ komme und katholisch sei. Dass Ökumene in der Stadtkirche Schorndorf gelebt werde, dafür sei sie sehr dankbar. „In dieser Kirche habe ich zurück zum Glauben gefunden“, sagt die ältere Frau. Es ist ein Kompliment an Pfarrerin Dorothee Eisrich, die der im Glauben Verunsicherten geholfen hat. „Ich kann die Menschen einladen, will sie aber nicht bekehren“, sagt die Pfarrerin.

Annegret Weimer ist mit ihrer Familie vor 25 Jahren nach Schorndorf gekommen. Erster Anlaufpunkt war die Kinderkirche. „Aber wir haben nicht das gefunden, was wir suchten, hier herrschte in den Köpfen ein Familienbild wie aus dem vorigen Jahrhundert“, sagt Weimer, Redakteurin und Theologentochter. Die Kinder wurden erstmal nicht getauft. „Es war eine konsequente, aber harte Entscheidung, denn mein Schwiegervater war Dekan“, sagt Annegret Weimers Ehemann. So machte die Familie die Erfahrung, dass der Glaube außerhalb der Institution Kirche lebbar ist, auch wenn Kirche Gemeinschaft gebe.

Sehnsucht nach Glaube und Gemeinschaft

Einig sind sich alle an diesem Abend: Die Sehnsucht nach Glaube und Gemeinschaft gehört zum Men-schen. Und vielleicht brauche es Distanzierung, um zu wissen, was einem wichtig ist. „Die Kirche weiß es immer: diesen Gedanken möchte ich nicht leben“, sagt Pfarrerin Eisrich. Kirche sollte „eigentlich eine Suchbewegung“ sein. „Wie viel Freiheit haben Sie denn beim Predigen?“, will einer aus der Runde von seiner Pfarrerin wissen. „Alle, dafür haben wir Theologie studiert“, antwortet Dorothee Eisrich. Der Bibeltext sei vorgegeben. Das Alltagsleben in die Predigt einzubeziehen, könne dauern. „Da sitze ich dann eben, denke und formuliere, bis es passt“, gesteht die Theologin.

Offenheit ist ihr wichtig. „Es ist eine tolle Möglichkeit, mit der Aktion ‚geöffnete Kirche‘ die Türen unserer Stadtkirche für alle Menschen zu öffnen“, sagt die Pfarrerin. Immer wieder begegnet sie Menschen, die bei einem Besuch der Remstal-Gartenschau auch in die Stadtkirche kommen. „Ich bin überhaupt nicht christlich erzogen worden, aber in der Schorndorfer Gemeinde sind wir angekommen“, sagt eine Dame, die etwas später in die Runde gekommen ist. Und dann fällt noch die Frage, die viele beschäftigt: Wohin gehen, wenn wir sterben? Die Intimität des Abends lässt es zu, dass über diese elementare Frage aus verschiedenen Sichtweisen gesprochen wird.

Dankbar für den Austausch ist Arnold Kistner.„Ich glaube, es braucht einen kleinen Kreis, um so offen miteinander zu sein und ohne Plan so viele Themen anzusprechen“, sagt Kistner. Bei Kinderkirche und Konfirmation sei er mit Begeisterung in der Kirche dabei gewesen. Zweifel seien erst gewachsen, als er sich mit der Form von Kirche konfrontiert sah, „wie sie hier im Remstal auch gelebt wird“. Eine „furcht-bar dramatische Weihnachtspredigt“ habe ihn endgültig aus der Kirche getrieben. Konservatismus und Pietismus kennzeichnen das Remstal bis heute, bestätigt die Gesprächsrunde.

Doch nun ist Kistner wieder da. Diskutiert mit den anderen über Fragen wie „was trägt im Leben, was gibt dem Leben einen Sinn“. Und sagt, mit einem Lächeln in die Runde: „Erfreulicherweise bin ich ein Mensch geworden, der mit Begeisterung an Gott glaubt.“ ■

 

 

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen