Christliche Themen für jede Altersgruppe

Fremdeln mit dem Wandern

Während in der Bibel Berge eine große Rolle spielen, finden sich im Evangelischen Gesangbuch nicht so viele Lieder, die von Gipfeln und dem Pilgern erzählen. Das hat Gründe. Und: Das geistliche Liedgut verändert sich; zunehmend spielt auch das Pilgern eine Rolle. Von Frieder Dehlinger


Pilgern ist inzwischen auch in evangelischen Kreisen populär (rechts). (Foto: adobe stock/ Gerhard Reus)



Für Wanderer und Bergsteiger bietet das Evangelische Gesangbuch (EG) zunächst nicht viel. Dafür gibt es Gründe. So grenzt sich die Bibel ab von heiligen Bergen und Bergheiligtümern, denn das waren meist Kultorte der Heiden. Der Gott der Bibel ist Schöpfer des Himmels und der Erde. Weil er der eine und einzige Gott ist, kann er überall in gleicher Weise gefunden werden.

Berge im Gesangbuch finden sich da, wo es ein Stück Bibel wiedergibt. Der am häufigsten besungene Berg ist der Berg Zion. Eigentlich ist er eher ein Hügel (EG 135,6). Auf dem Zionsberg stand bis zu seiner Zerstörung der Jerusalemer Tempel. Für viele Schriften der hebräischen Bibel ist der Zion der Wohnort Gottes – und die Tochter Zion (EG 13) steht für die Menschen, die den Gott vom Zion verehren.

Pilger sind wir Menschen

Wer in die Natur schaut und Gottes Schöpfungskraft ahnt, kommt ins Staunen und Loben. Bei Paul Gerhardt – etwa in „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ (EG 503) finden wir den Nahblick auf Lerche, Glucke, Bächlein. Bei Christian Fürchtegott Gellert finden wir den Weitblick (EG 506). Es klingt, wie wenn Gellert an einem Aussichtspunkt der Nordrandlinie der Schwäbischen Alb stünde. Er schaut übers Land und sinnt nach: „Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht anbetend überlege, so weiß ich, von Bewundrung voll, nicht, wie ich dich erheben soll“. Doch es ist recht unwahrscheinlich, dass Professor Gellert ums Jahr 1750 ein Wanderer war. Denn populär wurde Wandern erst 100 Jahre nach ihm. Da waren die meisten der älteren Gesangbuchlieder schon lange geschrieben.

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Die große Wanderbewegung mit Wandervogel und Naturfreunden am Anfang des 20. Jahrhunderts war eher kirchenfern. Anders der Schwäbische Albverein, unter dessen Gründern mit Theodor Engel auch ein evangelischer Pfarrer war. In manchen Wanderliedern taucht Gott auf – etwa in „Wohlauf in Gottes schöne Welt“, doch kein Wanderlied hat es bisher ins Gesangbuch geschafft. Denn die Kirchen fremdelten mit den Bergvagabunden, die sonntags, statt am Gottesdienst teilzunehmen, die Täler weit und Höhen erwanderten. Das ist ein zweiter Grund, warum wir kaum geistliche Lieder haben, in denen die Erfahrung des Wanderns aufgenommen sind. Doch das könnte anders werden: Seit einigen Jahren wird mit dem Pilgern auch in den evangelischen Kirchen das Wandern als geistliche Übung entdeckt. Und es entstehen neue Pilgerlieder, etwa von Diethard Zils: „Pilger sind wir Menschen, wandern durch die Zeit“.

Auch die Theologie entwickelt sich weiter. Ausgehend von der Weltversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen 1983 in Vancouver haben die Kirchen ihr Verhältnis zur Schöpfung neu geklärt. Neue Lieder sind entstanden, etwa EG 659,1: „Die Erde ist des Herrn. Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben …“. Oder in „Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder plus 46,1“: „Gott, deine Liebe reicht weit, du hüllst sie ein in ein Kleid/aus Bäumen, Blumen und Ähren, die schön sind und uns ernähren“. Das Kleid ist Ausdruck der Liebe Gottes. Ich finde, das sind gute neue Lieder für Berge und Gipfel, für Wanderungen und Gottesdienste im Grünen, gute Worte, um beim staunenden Blick vom Berg dem gütigen und weisen Schöpfer zu danken. □

 

Autor

Frieder Dehlinger
ist Lieder und Gesangbuchpfarrer im Amt für Kirchenmusik in Stuttgart.