Christliche Themen für jede Altersgruppe

Fremden Kulturen auf der Spur

Immer mehr junge Menschen wollen nach der Schule Erfahrungen im Ausland machen, neue Kulturen ­kennenlernen, sich ausprobieren. Gefördert werden solche Freiwilligendienste über das Bundesprogramm „Weltwärts“, an dem sich auch evangelische Einrichtungen beteiligen. 


Lea-Maria Correll ist im Sommer nach Tansania gereist. Dort unterrichtet sie vor allem Mathe. (Foto: privat)

So müssen die Freiwilligen zunächst einmal volljährig sein, eine abgeschlossene Schulausbildung haben, möglichst gut Englisch sprechen oder auch Spanisch. „Die meisten Bewerber sind Abiturienten, die vor dem Studium ins Ausland wollen“, sagt die Religionspädagogin, die selbst einige Jahre mit ihrem Mann in Kamerun war. Wünschenswert sei zudem ein Zugang zum christlichen Glauben, erklärt sie. „Gut ist, wenn jemand eine Jungschargruppe geleitet hat.“

Organisiert werden die Einsätze im Ausland überwiegend über die Partnerkirchen der EMS, einer internationalen ökumenischen Gemeinschaft, in der sich 28 Kirchen und Missionsgesellschaften zusammengeschlossen haben. Vielfach werden die Freiwilligen in Entwicklungsländer wie Ghana, Jordanien oder Kamerun vermittelt, aber auch in Japan und Südkorea hat die EMS ein Netzwerk mit verschiedenen Einsatzmöglichkeiten aufgebaut.

Schon seit den 90er-Jahren können sich junge Menschen über die EMS und ihre Partnerkirchen in aller Welt engagieren, im Gegenzug werden  auch Aufenthalte Freiwilliger aus dem Ausland in Deutschland vermittelt. „Mit dem Austausch in alle Richtungen wollen wir Heranwachsende für Gerechtigkeitsfragen in einer globalisierten Welt sensibilisieren“, betont Birgit Grobe-Slopianka. Über die Jahre hat die Organisation immer professionellere Strukturen aufgebaut. Seit 2009 laufen die Aufenthalte über das Förderprogramm „Weltwärts“, einem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst, der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufen wurde. „Seit wir anerkannte Entsendeorganisation sind, bekommen wir Bewerbungen aus ganz Deutschland“, sagt Birgit Grobe-Slopianka.

Auch das Gustav-Adolf-Werk Württemberg gehört zu den Organisationen, die über dieses Bundesprogramm jungen Menschen zwischen 18 und 28 Jahren einen Auslandseinsatz vermitteln. 75 Prozent der anfallenden Kosten werden dabei vom Staat übernommen, etwa für Unterkunft, Seminare und Taschengeld. Am Rest leisten auch die Freiwilligen selbst einen Anteil. „Sie werden gebeten, einen Unterstützerkreis zu bilden und Spenden für den Aufenthalt zu sammeln“, erzählt Yvonne Hügele, die zuständige Fachbereichsleiterin. Vielfach würde in der Kirchengemeinde gesammelt, manche würden auch örtliche Unternehmen, Bekannte und Verwandte um Unterstützung bitten. Der Freiwilligenbeitrag sei auf maximal 150 Euro pro Monat Aufenthalt begrenzt, so Yvonne Hügele. „Wenn weniger zusammenkommt, ist es auch nicht schlimm.“

Mit vier Freiwilligen, die in Argentinien und Brasilien zum Einsatz kamen, hat das Gustav-Adolf-Werk im Jahr 2002 begonnen. Zwischenzeitlich kommen jährlich etwa 130 Bewerbungen aus dem gesamten Bundesgebiet.

In diesem Jahr sind 22 Kandidaten ausgewählt und auf ihren sozialen Einsatz vorbereitet worden. Bei drei Seminaren haben sie unter anderem viel über das Land erfahren, in das sie reisen, über die jeweilige Kultur, die Politik und mögliche Gefahren. Sie wurden für ihren Einsatz sensibilisiert, haben mit Ehemaligen gesprochen und sich mit den Zielen eines entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes auseinandergesetzt. Zudem haben alle ein fünftägiges Praktikum zur stellenspezifischen Vorbereitung absolviert. „Das hat sich bewährt“, sagt Yvonne Hügele, die einst selber als Freiwillige im Ausland war, in einem Kinderheim in Buenos Aires.

Die 33-jährige Referentin weiß aus eigener Erfahrung, dass es drei, vielleicht vier Monate dauert, sich vor Ort zu akklimatisieren, die Sprache zu lernen und sich in einer fremden Kultur zurechtzufinden. Von einem kürzeren Aufenthalt hält sie daher nicht allzu viel. „Das eigentliche Arbeiten würde dabei zu kurz kommen.“

Freiwilligendienste aller Art gibt es bei der Diakonie Württemberg, dem größten Anbieter in diesem Bereich mit knapp 2000 vermittelten sozialen Diensten pro Jahr. Die Palette an Möglichkeiten ist mit der Zeit immer umfangreicher geworden und umfasst alle erdenklichen Varianten: Vom klassischen FSJ angefangen über den Bundesfreiwilligendienst Ü27, einem freiwilligen sozialen Jahr zur beruflichen Neuorientierung bis hin zum Auslands­einsatz. „Die Zahlen steigen in jedem Jahr, insbesondere seit es keinen Zivildienst mehr gibt“, sagt Wolfgang Hinz-Rommel, Leiter der Abteilung Freiwilliges Engagement.

Beteiligt am Zuwachs ist zudem die verkürzte Gymnasialzeit: Nach dem Abitur will mancher nicht gleich studieren und der soziale Dienst im Ausland ist eine willkommene Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen. Bei der Diakonie haben sich für dieses Jahr mehr als 200 potenzielle Freiwillige für einen Dienst im Ausland beworben, 16 sind letztlich auf die Reise geschickt worden. „Die Anzahl der Plätze richtet sich nach den Möglichkeiten, das ist eine kostenintensive Angelegenheit“, sagt Hinz-Rommel, der sich mitunter selbst die Gegebenheiten anschaut und Kontakte knüpft.

Neu im Angebot der Diakonie ist beispielsweise Peru, eine besonders spannende Herausforderung sei Palästina, sagt Hinz-Rommel. Eingesetzt werden die Freiwilligen überwiegend in Diakonischen Einrichtungen, mit denen teils langjährige Partnerschaften bestehen. Auch während des Aufenthalts selbst halten die Pädagogen der Diakonie engen Kontakt zu den Einrichtungen und den Freiwilligen. „Wenn es die Umstände erfordern, holen wir unsere Freiwilligen auch wieder vorzeitig nach Hause.“

Auch die Diakonie Württemberg hat sich dem Bundesprogramm „Weltwärts“ angeschlossen. Zu den Bedingungen gehört unter anderem, dass jeder Teilnehmer an 25 Seminartagen teilnimmt – verteilt auf Vorbereitung, Einsatzzeit und Nachbereitung. Bei den Rückkehrprojekten gehe es auch darum, wieder in die eigene Kultur zu finden und den jungen Menschen die Gelegenheit zu geben, ihre Erlebnisse in der Gruppe aufzuarbeiten, berichtet Hinz-Rommel: „Viele bringen von ihrem Einsatz Fragen mit.“

Nicht selten stellen die Betreuer bei diesem Wiedersehen fest, dass sich die jungen Menschen „kolossal verändert haben, erwachsen geworden sind“, wie Birgit Grobe-Slopianka von der EMS sagt. „Sie nehmen mehr aus dem Ausland mit, als sie dort lassen.“ Die gleichen Erfahrungen macht seit geraumer Zeit auch Yvonne Hügele, die sich seit 2010 beim Gustav-Adolf-Werk Württemberg um die Freiwilligen kümmert. „Keiner kommt so zurück“, sagt sie, „wie er weggefahren ist.“


Information
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat 2007 das Freiwilligenprogramm „Weltwärts“ ins Leben gerufen, an dem jährlich tausende junge Menschen teilnehmen. Die Kosten für Seminare, Flug, Unterkunft und Versicherungen übernehmen die Trägern. Die Freiwilligen bekommen auch ein Taschengeld. Informationen: www.weltwaerts.de

Die Diakonie Württemberg lädt am 27. November von 17 bis 19.30 Uhr zu einer Infoveranstaltung in die Landesgeschäftsstelle in Stuttgart ein. Bewerbungen für einen Freiwilligendienst ab Herbst 2016 werden bis zum 12. Dezember angenommen. www.diakonie-wuerttemberg.de

Wer mit dem Gustav-Adolf-Werk (GAW) ins Ausland gehen will, kann sich jetzt noch schnell bewerben.  Beim Auswahltag gibt es Informationen zu Einsatzorten und Ländern. www.gustav-adolf-werk.de

Bei der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) dauert ein Freiwilligendienst im Ausland zwischen sechs und zwölf Monaten. Bewerbungen sind erst wieder für eine Ausreise 2017 möglich. www.ems-online.org