Christliche Themen für jede Altersgruppe

Freundlich und bedrückend - Volontariat in Indien

Mehrere Wochen lang lebte, arbeitete und forschte unsere Volontärin Clarissa Weber in Indien. Verbindungen der Evangelischen Kirche führten sie an die Grenze zu Pakistan. Dort erlebte sie Gastfreundschaft und religiöse Vielfalt, aber auch viele Konflikte. Manches lässt sie bis heute nicht los.

Indien. Clarissa Weber mit ihrer Deutschklasse in der Schule. Foto: Clarissa WeberClarissa Weber mit ihrer Deutschklasse in der Schule. Foto: Clarissa Weber

Mein Ethnologie-Studium führte mich für zwei Monate nach Nordindien an die Grenze zu Pakistan, genauer nach Batala in die Nähe von Amritsar. Dort arbeitete ich als Lehrerin an der Baring School Batala und forsche zum indischen Schulsystem. Die Dekanate Gießen und Wetterau aus meiner Heimat Hessen sind schon über lange Jahre in enger Freundschaft mit der Diözese Amritsar und der Church of North India verbunden.

Indien. Taj Mahal. Clarissa Weber. Foto: Privat

Indien. Taj Mahal. Clarissa Weber. Foto: PrivatIn Indien werden die meisten nicht-staatlichen, englischsprachigen Schulen von den Kirchen unterhalten. Das ist ein Erbe der Kolonialzeit. Daher gibt es jeden Morgen vor dem Unterricht eine „Morning Assembly“, einen Gottesdienst. Unabhängig von ihrer Religion müssen die Schüler daran teilnehmen. Darüber hinaus gibt es in den unteren Klassen keinen Religionsunterricht. Allerdings werden die Feiertage aller Religionen beachtet. Wenn die Christen Weihnachten feiern, dann haben auch die Schüler frei, die Sikh, Muslime und Hindus sind. Für mich hat das immer wieder zu kuriosen Situationen geführt, wenn wieder ein Feiertag war und ich vor verschlossenen Toren stand.

Der Tag beginnt mit einem Gottesdienst

Einmal blieb das Schultor aus einem anderen Grund zugesperrt. Es war der 22. September 2013, als zwei muslimische Selbstmordattentäter im pakistanischen Peschawar nach einem Gottesdienst einen Anschlag auf die protestantische Allerheiligenkirche verübten. Sie ermordeten 85 Menschen, weitere 145 wurden verwundet. Es war der schlimmste Anschlag auf Christen in der Geschichte Pakistans. Die schrecklichen Aufnahmen haben mich lange verfolgt.

Die Lage zwischen Indien und Paktistan war angespannt. So wurde damals wie heute jeden Tag um 16 Uhr an der sogenannten Wagah Border in Lahore eine Zeremonie mit allen militärischen Ehren abgehalten – einfach nur weil der Grenzübergang zwischen Indien und Pakistan um diese Zeit geschlossen wird. Die Zuschauer feierten die Schließung mit einem wilden Fest.

In meinen zwei Monaten in Indien habe ich viel erlebt, was mich noch lange beschäftigt und ambivalente Gefühle in mir ausgelöst hat. Ich habe in meinem Leben bisher noch nie so viel Leid, Elend und Tod gesehen. Es gab auch unschöne Begegnungen, beispielsweise mit jungen Männern auf der Straße.

Die tägliche Wagah-Zeremonie zählt zu den befremdlichen Erlebnissen. Foto: Clarissa WeberDie tägliche Wagah-Zeremonie zählt zu den befremdlichen Erlebnissen. Foto: Clarissa Weber

Ansonsten wurde ich immer freundlich empfangen. Den religiösen Pluralismus habe ich oft als positiv wahrgenommen. Ob beim Besuch in Lahore bei der islamischen Gemeinschaft der Ahmadiyya oder im Goldenen Tempel in Amritsar, dem Heiligtum der Sikh: Man begegnete mir als europäische Christin meist mit Respekt und Interesse. □

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen